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07. August 2017, 11:19 Uhr

Deutsche Klimapolitik

Musterschüler mit schlechten Noten

Ein Beitrag zur Themenwoche "Umwelt" von

In ihren Wahlprogrammen bekennen sich fast alle Parteien zu den deutschen CO2-Emissionszielen. Sie sehen das Land als Musterschüler beim Klimaschutz - ein Irrtum, wie vor allem Zahlen der Energiebranche zeigen.

Der 30. April 2017 war ein ganz besonderer Tag. Fast überall in Deutschland schien den ganzen Tag die Sonne. Die Solarpanels lieferten nahezu mit maximaler Leistung. Hinzu kam frischer Wind aus Südost, der bundesweit die Windräder schnell rotieren ließ.

Fast zwei Drittel des Stroms in Deutschland lieferten erneuerbare Energien an diesem Sonntag , wie das Beratungsunternehmen Agora berechnet hat. Zwischen 13 und 15 Uhr habe der Ökostrom-Anteil sogar bei 85 Prozent gelegen. Ein sensationeller Wert!

Kohlekraftwerke mussten reihenweise gedrosselt oder heruntergefahren werden - sie speisten zeitweise nur 16 Prozent ihrer maximal möglichen Leistung ins Netz. Und sie pusteten deutlich weniger klimaschädliches CO2 in die Luft. Keine Frage: Der 30. April war ein guter Tag fürs Klima und ein überzeugender Beleg für den Erfolg der Energiewende.

Es ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte: Vor 20 Jahren waren Solarzellen so teuer, dass sich kaum jemand vorstellen konnte, dass sie bei der Stromproduktion je konkurrenzfähig werden. Wenn sich heute ein Handwerksmeister eine Photovoltaikanlage auf sein Werkstattdach montiert, ist der damit erzeugte Strom billiger als der aus der Dose. Wer durch Deutschland reist, sieht an jeder Ecke Solarzellen auf Dächern oder in großen Solarparks.

Auch die Windkraft hat eine sensationelle Entwicklung hingelegt. Die windstarken Regionen sind vollgestellt mit Masten, fast alle lukrativen Standorte sind vergeben. Und als nächstes baut die Branche im großen Stil Offshore-Parks vor den Küsten. Allein im ersten Halbjahr 2017 gingen 626 Megawatt neu ans Netz, was der Leistung eines großen Gaskraftwerks entspricht.

Schmutziger Strom aus Braunkohle

Doch wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, sieht die Bilanz der deutschen Energiewende gar nicht mehr so gut aus. Zwar gibt es in Deutschland heute viel mehr Ökostrom als noch im Jahr 2000. Doch die CO2-Emissionen aus der Verbrennung von Kohle und Gas sind im Vergleich zum Jahr 2000 um gerade mal 6,5 Prozent gesunken. Im selben Zeitraum ist der Anteil erneuerbarer Energien bei der Stromproduktion in Deutschland aber von 6,5 auf 29,0 Prozent gestiegen! Warum?

Weil der saubere Ökostrom nicht etwa schmutzigen Kohlestrom ersetzt hat, sondern vor allem Atomkraftwerke, die in den vergangenen Jahren abgeschaltet wurden.

Das zeigt ein Blick in die Statistiken. Im Jahr 2000 produzierten deutsche Atomkraftwerke fast 170 Terawattstunden. Im Jahr 2016 war der Output nur noch halb so groß. Braunkohlekraftwerke hingegen lieferten 2016 sogar etwas mehr Strom als im Jahr 2000 - und zwar 150 anstelle von 148 Terawattstunden.

Für die CO2-Bilanz ist das schlecht. Denn eine Terawattstunde Braunkohlestrom bedeutet einen Ausstoß von einer Million Tonnen CO2 - bei Atomstrom sind es bei der gleichen Strommenge nicht einmal ein Zwanzigstel davon. Und so kommt es, dass die deutsche Strombranche trotz eines weltweit beispiellosen Ökostrombooms bei den Emissionen kaum besser wird.

Hälfte aller Braunkohlekraftwerke überflüssig?

Einen Rückgang gab es nur bei der Steinkohleverstromung, die 2016 im Vergleich zum Jahr 2000 um rund 30 Terawattstunden gesunken ist. Um die gleiche Menge ist der Output von Gaskraftwerken gestiegen, die im Idealfall nur halb so viel CO2 je Kilowattstunde ausstoßen wie mit Steinkohle betriebene Anlagen.

Würde Deutschland heute noch genauso viel Atomstrom produzieren wie im Jahr 2000, bräuchten wir mehr als die Hälfte aller aktuell laufenden Braunkohlekraftwerke nicht mehr. Der CO2-Ausstoß würde auf einen Schlag um 27 Prozent sinken.

Das ist natürlich eine Milchmädchenrechnung. Einige der seit dem Jahr 2000 abgeschalteten Meiler stellten wegen ihres hohen Alters ein immer größeres Sicherheitsrisiko dar. Zum Beispiel die beiden AKW Krümmel und Brunsbüttel.

Alle großen Parteien bis auf die AfD stehen hinter dem Atomausstieg, den Angela Merkel nach der Fukushima-Katastrophe gegen Widerstände in CDU und CSU durchgeboxt hatte. Doch er wird vermutlich verhindern, dass die Energiebranche in den kommenden Jahren noch große Senkungen beim CO2-Ausstoß hinbekommt.

Schon im Jahr 2022 soll das letzte deutsche AKW vom Netz gehen - und wahrscheinlich werden Gas- und Kohlekraftwerke einen Großteil des dann fehlenden Atomstroms abfangen müssen.

Gäbe es großtechnisch verfügbare Energiespeicher, die den Wind- und Solarstrom stunden- oder sogar tageweise puffern könnten, wäre eine CO2-arme Stromproduktion kein Problem. Aber solange das nicht der Fall ist, werden die Kohle- und Gaskraftwerke weiterlaufen. Denn Privathaushalte wie Industrie brauchen Strom - rund um die Uhr, egal ob die Sonne scheint und der Wind kräftig bläst oder nicht.

Die ehrgeizigen deutschen Klimaziele sind längst Makulatur. Um 40 Prozent wollte Deutschland seinen CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 im Vergleich zu 1990 senken. Auch wegen der Strombranche ist dieses Ziel nicht mehr zu schaffen.

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