Langzeitfolgen des Klimawandels Die nächste Eiszeit fällt aus

Die nächste Eiszeit kommt bestimmt - der Lauf der Erde um die Sonne schien diese Entwicklung vorzuschreiben. Doch die Treibhausgase des Menschen dürften eine neue Epoche einleiten.

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Erde: "Neue Epoche"
NASA/ NOAA

Erde: "Neue Epoche"


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Dass weite Teile Europas nicht schon wieder unter dickem Eispanzer liegen, ist einem Glücksfall zu verdanken: Die Bahn der Erde um die Sonne läuft für einige Jahrtausende runder als üblich, sodass sich unser Planet nicht so weit von seiner Wärmequelle entfernt.

In 50.000 Jahren aber sollte es wieder so weit sein. Die Erdbahn dehnt sich, wird ovaler, sodass es kälter werden sollte. Eigentlich.

Doch soweit wird es einer neuen Studie zufolge nicht kommen: Der Mensch, so zeigen es Klimasimulationen, dürfte mit seinen Abgasen die Abkühlung, mithin die nächste Eiszeit, verhindern.

Es wäre das erste Mal seit Beginn des Eiszeitalters vor knapp drei Millionen Jahren, dass der planetare Klimazyklus aus dem Rhythmus geriete: Wie der Trommler einer Kapelle den Rhythmus angibt, gaben die Änderungen der Erdbahn um die Sonne stets einen vorhersagbaren Wechsel aus langen Eiszeiten und kürzeren Warmphasen vor.

Zum Höhepunkt der letzten Eiszeit vor 20.000 Jahren standen Hunderte Meter hohe Eispanzer bis zu einer Linie Hamburg-Berlin. Aber bereits 2000 Jahre nach Ende der Eiszeit vor 10.000 Jahren begann der Mensch, den Klimarhythmus zu stören.

Die Abgase von Buschbränden, die unsere Vorfahren legten, hätten den Treibhauseffekt schon entscheidend geschürt, hat der Klimaforscher William Ruddiman von der University of Virginia bereits vor 13 Jahren herausgefunden.

Erdbahn um die Sonne (rote Linie, schematische Zeichnung): Die Bahn läuft derzeit runder als üblich
NASA/ GSFC

Erdbahn um die Sonne (rote Linie, schematische Zeichnung): Die Bahn läuft derzeit runder als üblich

Seit dem 18. Jahrhundert aber sorgte die Industrialisierung für eine noch deutlichere Erwärmung: Treibhausgase, die Wärme in der Luft zurückhalten, hatten großen Anteil daran, dass sich das Klima seither um ein Grad erwärmt hat. Der Trend hält an: Weil eine radikale Abkehr von Kohle, Öl und Gas unwahrscheinlich scheint, sagen Klimaforscher einen erheblichen Temperaturanstieg vorher.

Dass der Effekt der menschengemachten Treibhausgase Zehntausende Jahre anhalten könnte, hatten Studien bereits gezeigt. Ursache der Langzeitwirkung ist die lange Verweildauer von Kohlendioxid (CO2) in der Luft - es dauert, bis der Stoff gebunden wird.

Die neue Studie präsentiert drei Szenarien: Die bereits in die Luft geblasene Menge von CO2 würde die Gletschermasse zum nächsten Eiszeittermin in 50.000 Jahren um etwa ein Fünftel geringer ausfallen lassen, berichten Andrey Ganopolski, Ricarda Winkelmann und Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung PIK im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Ovale Erdbahn (rote Linie, schematische Zeichnung): Im Laufe der Zeit wird die Bahn der Erde ovaler, ihre Exzentrizität nimmt zu.
NASA/ GSFC

Ovale Erdbahn (rote Linie, schematische Zeichnung): Im Laufe der Zeit wird die Bahn der Erde ovaler, ihre Exzentrizität nimmt zu.

Würde die Menschheit noch mal so viel Treibhausgase verfeuern wie bisher, schwöllen die Gletscher in 50.000 Jahren nur halb so stark wie ohne die Treibhausgase, schreiben die Forscher. Die dreifache CO2-Menge würde dazu führen, dass zum eigentlichen Eiszeithöhepunkt sogar kaum Gletscher wüchsen, haben die Klimatologen berechnet.

Das gebremste Eiswachstum hätte Auswirkungen auf die ganze Welt: Wie Spiegel schicken Eismassen Sonnenstrahlung zurück ins All. Es bleibt folglich weniger Wärme in der Luft. Eine Kettenreaktion kommt in Gang: Je kleiner die Gletscher, desto wärmer die Welt - und je wärmer die Welt, desto stärker wiederum schrumpfen die Gletscher.

"Unsere Studie zeigt, dass bereits moderate zusätzliche CO2-Emissionen ausreichen, um die nächste Eiszeit um 50.000 Jahre zu verschieben", resümiert Ganopolski.

Erstmals im Eiszeitalter würde die Welt für mehr als 100.000 Jahre in einer Warmzeit verharren. Der Mensch führe demnach eine neue geologische Epoche herbei, meint Schellnhuber: "Man könnte sie mit dem Namen Deglazial überschreiben."

Schwächen der Prognose

Aber kann man der Prognose trauen?

Vertrauen ziehen die Forscher daraus, dass ihr Klimamodell, mit dem sie die Zukunft berechnen, die Vergangenheit passabel nachgebildet habe - vor allem die Warmzeit vor 400.000 Jahren: Damals glich die Bahn der Erde um die Sonne der heutigen Konstellation.

Die Potsdamer Forscher berechneten für die kommenden Jahrzehntausende die Entwicklung von vor 400.000 Jahren - und fügten die Wirkung der menschengemachten Treibhausgase hinzu. Wie stark der Treibhauseffekt aber eigentlich wirkt, ist umstritten.

Die Rechnungen ignorierten zudem bedeutende Wechselwirkungen in der Natur, wie beispielsweise den Kreislauf von Kohlenstoff, sagt Eduardo Zorita vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht, der das Klima der Vergangenheit erforscht. "Es ist eine interessante Studie, sie bestätigt ältere Arbeiten, aber sie kann die Realität nicht abbilden", sagt Zorita.

Pointe des Klimawandels

Eine exakte Klimavorhersage sei die neue Studie nicht, meint auch Jerry McManus von der Columbia University in den USA. Die Hauptaussage der unterdrückten Eiszeit aber sei plausibel, das Ergebnis gar "ein bedeutender Schritt vorwärts".

Die Menschheit schüfe demnach eine Art Klimawandel-Pointe. Zwar sagen Forscher aufgrund des starken Treibhausgasausstoßes negative Umweltfolgen für die kommenden Jahrhunderte voraus. Eine andere Klimakatastrophe in der ferneren Zukunft aber würde die Menschheit vermeiden: die gefährliche Eiszeit.

Zusammengefasst: Zum ersten Mal seit Beginn des Eiszeitalters vor knapp drei Millionen Jahren könnte der planetare Klimazyklus aus dem Rhythmus geraten. Das heißt: Die nächste Eiszeit, fällig in 50.000 Jahren, fiele aus. Grund sind laut einer Studie die menschgemachten Treibhausgase, die eine Abkühlung verhindern - die erforderliche Gletschermasse kommt nicht zustande.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 215 Beiträge
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Seite 1
2469 13.01.2016
1. Schwierig
Die Prognosen für die nächsten 100 Jahre sind komplex genug, und ob der Mensch das Klima über zehntausende von Jahren prägen kann, wird sich erst zeigen. Betreffen wird es unsere Nachfahren aber vermutlich nicht mehr, oder glaubt jemand ernsthaft dass unsere Art bis dahin, geschweige denn auf diesem Planeten, noch existiert?
hwdtrier 13.01.2016
2. Sorry aber mit
Klimasimulationen eine Eiszeit zu bestimmen ist sinnlos da dabei zuviele Physik. Gesetze mitspielen und CO2 nur eine kleine Rolle spielt. Da muss man sich an Eiszeitforscher wenden. Die haben eine Klimaerwärmung schon vor 50 Jahren vorhergesagt. Die Erwärmung Soll die Temperaturen erreichen von vor 7000 Jahren. Die gingen von einer Verlängerung der Warmzeit durch CO2 aus aber der Sturz in die Eiszeit ist unvermeidlich.
ir² 13.01.2016
3.
http://www.science-skeptical.de/klimawandel/der-klimaberater-der-kanzlerin-hj-schellnhuber-verkuendet-die-naechste-eiszeit-in-60-000-jahren-faellt-durch-menschenhand-aus/0014656/ ....... Die Bilanz Eine Freisetzung durch Menschenhand von 3.000 Gigatonnen Kohlenstoff wie im PETM ist nicht möglich, da die förderbaren, fossilen Brennstoffe dazu nicht ausreichen. Durch Menschenhand wurden bisher nur 500 Gigatonnen Kohlenstoff frei gesetzt. Werden alle förderbaren, fossilen Brennstoffe verbrannt, so kommt man vielleicht auf 2.000 Gigatonnen Kohlenstoff. Der meiste Kohlenstoff, ca. 60.000.000 Gigatonnen ist in Karbonatgestein (Calcit, Dolomit) in der Erdkruste gebunden. 3.000 Gigatonnen wie im PETM können nur durch ein großflächiges Auseianderbrechen der Erdkruste frei gesetzt werden. Im PETM führten 3.000 Gigatonnen zu 5°C globalen Temperaturanstieg und zum Eozän-Klimaoptimum. Heute sollen 1.000 Gigatonnen CO2 (273 Gt C) durch Menschenhand zu 2°C globalen Temperaturanstieg führen und zum Kippen des Klimasystems und zum Ausfall der nächsten Eiszeit. 2.000 Gigatonnen, die Verbrennung aller fossilen Brennstoffe, sollen gemäß Schellnhuber sogar 8°C globalen Temperaturanstieg bringen. Völlig absurd. Dem Eozän-Klimaoptimum folge übrigens auch eine Eiszeit. Die Erdgeschichte zeigt es, Wärmezeiten waren immer Blütezeiten und Kältezeiten Notzeiten. Herr Schellnhuber dreht es um und die Klimaschützer und Presse greifen es bereitwillig und begeistert auf. Nachdenken ist nicht erwünscht. Man folgt blindlings den Klimapropheten. ...... Im übrigen gibt es keine physikalisch plausible Erklärung dass CO2 überhaupt eine Erderwärmung verursachen kann! http://www.schulphysik.de/klima/thieme/thieme.html
Pythonspezi 13.01.2016
4. Eiszeitkritiker
Ich lehne jede Art von Eiszeit ab! Und ich finde es skandalös, dass so viele Menschen sich Eiszeiten scheinbar gradezu herbeiwünschen und auch noch versuchen, durch staatliche Maßnahmen die Erwärmung der Erde zu verhindern. Das ist verantwortungslos und menschenverachtend. Stellen sie sich mal Hamburg unter einem 100te Meter hohen Eispanzer vor, ein Horrorszenario. Nicht mit mir!
chjuma 13.01.2016
5. Der Klimawandel MUß berechenbar werden
Sonst gibt's keine Begründung mehr für diesbezügliche Steuererhebungen. Aber im ernst, unsere Umwelt ist unsere Lebensgrundlage. Darum sollten wir pfleglich mit ihr umgehen, keinen Dreck in die Atmosphäre pusten, das Wasser sauber lassen und Tiere und Pflanzen so behandeln dass sie nach Möglichkeit nicht sofort nach unserem Auftauchen aussterben. Erst wenn wir das in der Masse begriffen haben, dass das das Primat ist und nicht sinnlose Geldscheine, dann haben wir eine Chance. Andernfalls werden wir den Beweis dieser Theorie nicht mehr erleben. So einfach macht sich das die Natur. Unmenschlich, stimmt's??
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