Weltgeschichte der Temperatur Klimadaten erklären Entstehung der Zivilisation

Diese Fieberkurve der Erde reicht 11.300 Jahre in die Vergangenheit: Wissenschaftler haben die bisher längste globale Temperaturreihe erstellt - sie erlaubt erstaunliche Einsichten in unsere Geschichte. Offenbar zwang ein Kälteschub die Menschen zur Entwicklung der ersten Hochkulturen.

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Corbis

Hamburg - Romantische Geschichten vom Garten Eden erinnerten die Menschen in den drei kühlen Jahrtausenden vor Christus an die gute alte Zeit. Ihre Vorfahren hatten Erzählungen aus herrlichen Landschaften überliefert, die verschwunden waren. Warm soll es gewesen sein. Gleichzeitig hatte es ausreichend geregnet, so dass selbst die Sahara grünte; zahlreiche Seen hatten Menschen in die Wüste gelockt, wo sie an Felswänden paradiesisch anmutende Malereien hinterließen.

Vorbei. Irgendwann hatte sich das Klima verschlechtert, Landschaften verdorrten. Die Abkühlung sollte die Geschichte entscheidend verändern: Menschen taten sich zusammen, die Zivilisation reifte. Welchen Einfluss hatte das Klima auf historische Ereignisse? Eine neue Studie hilft, Erklärungen zu finden. Forscher liefern darin die erste umfassende Weltgeschichte der Temperatur von 9300 vor Christus bis heute.

Nach der Eiszeit war es von ungefähr 7000 bis 4000 vor Christus im weltweiten Durchschnitt ähnlich warm wie heute, berichtet die Gruppe um Shaun Marcott von der Oregon State University in den USA im Wissenschaftsmagazin "Science". Dann kühlte das Klima langsam ab, aber einige Umschwünge sorgten für historische Umwälzungen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird es wieder wärmer, teilweise aufgrund des Ausstoßes von Treibhausgasen durch menschliche Technologie. Am Ende dieses Jahrhunderts dürfte der CO2-Ausstoß die Globaltemperatur den geltenden Prognosen zufolge auf nacheiszeitliche Rekorde treiben, schreiben die Autoren.

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Taumelnde Erde

"Ich bin von der systematischen Zusammenfassung und der Analyse der großen Datenmengen beeindruckt", sagt Jan Esper von der Universität Mainz, einer der führenden Experten auf dem Gebiet; er war an der Studie nicht beteiligt. Endlich gebe es genauere Auskunft über den Temperaturverlauf. "Die räumliche und zeitliche Datenabdeckung ist einmalig", lobt sein ebenfalls renommierter Kollege Ulf Büntgen von der Forschungsanstalt WSL in der Schweiz.

Marcott und seine Kollegen haben 73 natürliche Klimaarchive aus aller Welt zusammengeführt, sie stammen vor allem aus Schlammschichten im Meeresboden. In Kalkschalen abgestorbener Einzeller ist schwerer und leichter Sauerstoff gespeichert: Je wärmer das Klima, desto mehr schwerer Sauerstoff verdunstet in Wasserteilchen aus dem Meer, Organismen bauen dann vermehrt die leichtere Variante in ihre Schalen ein - seine Menge liefert ein Maß für die Temperatur.

Eine rhythmische Schwankung der Erde ließ den Garten Eden gedeihen: Wie bei einem taumelnden Kreisel neigt sich die Achse des Planeten mal steiler, mal flacher. Vor 8000 Jahren begann eine Phase, in der die Erde stärker geneigt um die Sonne kreiste, wodurch höhere Breiten stärker von der Sonne beschienen wurden. Die Wärme verlagerte Winde, außerdem ließ sie mehr Wasser verdunsten, es regnete häufiger.

Paradies in der Nordsee

Das gute Klima lockte Menschen bis nach Dänemark, wo sie in den vorgerückten Birken- und Kieferwäldern Rentiere und Wisente jagten. An Engstellen zwischen vielen Seen und Tümpeln legten sie sich auf die Lauer. Das Herz des Nordens aber schlug dort, wo heute die Nordsee schwappt. Über Doggerland, dem heutigen Meeresgrund, schlängelten sich Flüsse durch pralle Gräser- und Strauchlandschaften. Es gab genügend Nahrung für alle: Die Gewässer wimmelten von Fischen, im Schilf nisteten Vögel, Beerenbüsche säumten die Ufer. Tausende Menschen siedelten bis vor etwa 8000 Jahren dort, das beweisen Hunderte Funde von Steinwerkzeugen, Harpunen und menschlichen Knochen.

Im Nahen Osten lebte man schon länger in Hütten und Häusern. Auch in China, Thailand und bei den malaiischen Völkern entstanden erste Siedlungen. Jericho, die erste Stadt der Welt, war bereits 9000 vor Christus nahe einer Salzlagerstätte entstanden - das "weiße Gold" wurde neuerdings zur Konservierung von Lebensmitteln benutzt. Viele Bewohner kamen bald wohl auch von den Küsten nach Jericho, wo das Wasser immer mehr Siedlungen geschluckt hatte: Das Schmelzwasser tauender Gletscher ließ die Meere steigen.

Der Klimawandel hatte aber auch die Hochdruckgürtel der Subtropen extrem nach Norden verlagert - mit ihnen wanderten die lebenspendenden Monsunregen. Menschen lernten Ackerbau, Viehzucht, Fischerei - sie gewannen mehr und mehr Unabhängigkeit von den Naturmächten. Die Keramik wurde erfunden, man lernte, mit Kupfer und Blei umzugehen.

Stürmische Vorboten der Wende

Aber plötzlich war die gute Zeit vorbei. Die neue Studie zeigt, dass sich das Weltklima ziemlich genau um 3000 vor Christus stetig abzukühlen begann. Immer höher auflaufende Sturmfluten hatten quasi als Vorboten die Wende eingeleitet: Doggerland war versunken, zahlreiche Siedlungen folgten. Die Sintflut-Erzählung könnte damals geboren worden sein.

Aus Zentralasien flohen ganze Völker gen Süden nach Indien und China - und nach Ägypten und Mesopotamien. Womöglich war es das miese Klima, das dort die Entstehung der ersten Hochkulturen bewirkte, es zwang wohl zum Zusammenhalt: Der Mangel an Weideflächen und Wild habe die Vorteile von Kultivierung und Bewässerung offensichtlich gemacht und Menschen veranlasst, Landwirtschaft zu treiben, hatte der berühmte britische Klimahistoriker Hubert Lamb in den achtziger Jahren gemutmaßt - die neuen Daten scheinen ihm nun recht zu geben.

In Mesopotamien schufen die Sumerer nun eine neue Kultur: Sie erfanden eine Schrift, konnten ihre Gesetze und Mythen wie das Gilgamesch-Epos aufschreiben, erbauten Tempel und befestigte Städte. Eine These von Lambs damaligem Kollegen Hideo Suzuki gewinnt durch die neue Studie an Gewicht: Die Not von Menschen, die aus vertrockneten Ländern verdrängt worden waren, habe den Aufstieg der neuen Städte bewirkt. Erst ihre massenhafte Beschäftigung habe Landwirtschaft in großem Stil ermöglicht - und letztlich auch den Bau der Pyramiden, deren Bau etwa 2700 vor Christus begonnen wurde.

Dürre in Babylon

Kälte und Dürre wurden schlimmer, bald schoben sich Gletscher wieder bis in die Täler, selbst die Sommer waren kalt. 1150 vor Christus legten die Dorer das prachtvolle Mykene in Schutt und Asche. Sie waren aus dem heutigen Albanien gekommen, aus dem sie von den aus Norden vorrückenden Illyrern verdrängt worden waren. Und in Babylon erodierte der trockene Boden, er wurde von den vielen Zugewanderten zu stark beansprucht. Die Perser hatten 539 vor Christus keine Mühe, das geschwächte Babylon einzunehmen.

Auch in anderen Erdteilen ging es bald abwärts. In Zentralasien fiel der Niedergang der Induskulturen ab 1900 vor Christus mit schweren Dürren zusammen. Alexander der Große traf auf seinen Eroberungszügen am Indus nur noch auf winzige Reste der einstmals üppigen Seenlandschaft. In Mittelamerika sollten sich Jahrhunderte später die Maya von ähnlichen Klimarückfällen nicht mehr erholen.

Zur Römerzeit wurde es wieder wärmer. Aufstieg und Niedergang des Römischen Reiches verliefen nahezu deckungsgleich mit dem Anfang und Ende der zwischenzeitlichen Warmphase. Die weitere Klimageschichte hatten Forscher anhand detaillierter Daten bereits rekonstruieren können.

Rätsel der Klimasprünge

Die neue Studie zeige, dass das Klima stärker von Bewegungen der Erde beeinflusst werde als angenommen, resümiert Esper. Gleichwohl falle auf, dass es den Daten zufolge in den vergangenen 11.300 Jahren nie einen so starken Wärmesprung gegeben habe wie im vergangenen Jahrhundert, seit der Mensch das Klima erwärme, sagt Studienautor Marcott.

Ob es jedoch tatsächlich der einzige derartige Temperatursprung gewesen sei, ist Büntgen und Esper zufolge unklar: Die zeitliche Genauigkeit der Kurve liege bei durchschnittlich 120 Jahren, gibt Büntgen zu bedenken. Nur in den vergangenen Jahrzehnten gibt es auf den Tag genaue Aufzeichnungen. "Da kann die jüngste Erwärmung im Vergleich dann dramatischer erscheinen", sagt Esper.

Die meisten Daten stammen vom Meeresgrund. Doch Klimadaten aus dem Ozean zeigen üblicherweise geringere Ausschläge nach warm und kalt als Daten vom Land, erläutert der Forscher. Die Temperatur könnte in Wirklichkeit also mehr Sprünge gemacht haben. Mögliche Auswirkungen solcher Klimaschocks auf historische Ereignisse sollen künftige Studien klären.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 170 Beiträge
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Seite 1
thorusch 08.03.2013
1. Was lernen wir?
Zwei Dinge: 1) Seit 16 Jahren wird hier nix wärmer 2) Wärme gut, Kälte schlecht. Nicht in Grönland wurden Pyramiden gebaut und das Papier erfunden.
Thaeve 08.03.2013
2. Veraltetes Schulbuchwissen
Zitat von sysopCorbisDiese Fieberkurve der Erde reicht 11.300 Jahre in die Vergangenheit: Wissenschaftler haben die bisher längste globale Temperaturreihe erstellt - sie erlaubt erstaunliche Einsichten in unsere Geschichte. Offenbar zwang ein Kälteschub die Menschen zur Entwicklung der ersten Hochkulturen. Klima im Holozän: Globale Temperatur-Kurve seit 11.300 Jahren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klima-im-holozaen-globale-temperatur-kurve-seit-11-300-jahren-a-886819.html)
Die mykenische Hochkultur endete gegen 1200 vChr. Der dazugehörige Zerstörungshorizont geht mit dem Zusammenbruch der Königsherrschaft einher und ist wohl einer inneren Unruhephase geschuldet, die andernorts Auswirkungen im sogenannten Seevölkersturm hatte. Die mykenische Kultur setzte sich aber bruchlos auf niedrigerem Niveau in der submykenischen Phase fort, was eher gegen eine Invasion durch einen neuen Volksstamm spricht. Erst mit einem neuen Zerstörungshorizont ab 1050 vChr endet auch diese und hier erst ist mit der Einwanderung zu rechnen. Gibts mal ein Thema, wo ich auch klugscheißen kann.
vinyl 08.03.2013
3.
Der letzte Abschnitt des Artikels stellt das elementare Problem bei der Argumentation der Klima-Gläubigen dar. Von deren Seite wird ständig behauptet, ein derartig schneller Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur sei in der Erdgeschichte besonders oder gar einmalig. Gestützt wird das ganze auf Daten, wie sie in diesem Abschnitt beschrieben werden, mit einzelnen Werten, die im Schnitt 120 Jahre auseinander liegen. Elementarste Grundlagen der Signalverarbeitung sagen nun, dass ich mit einer Abtastrate von 1/120Jahre nur Aussagen über zeitliche Vorgänge mit einer Periodizität von mindestens 240 Jahren machen kann. Wie kann anhand solcher Daten denn dann ein Zeitraum von nicht einmal 100 Jahren beurteilt werden? Ganz zu schweigen davon, dass durch diese niedrige Abtastrate Aliaseffekte auftreten, die selbst die Bewertung von größeren Zeiträumen faktisch unmöglich macht. Alles in allem ein sehr brüchiges Fundament, auf dem die ganze Klimapanik fußt.
mase_1 08.03.2013
4. Hochinteressant
Ich finde solche Interpretationen interessant und wichtig. Selbst glaube ich nicht an CO² als Klimakiller(tm), aber ich glaube sehr wohl, dass in den nächsten Dekaden/Jahrhunderten die Temperatur stark fallen oder steigen kann. Ich bin auf die daraus resultierende Völkerwanderung gespannt.
johnnybongounddie5goblins 08.03.2013
5. Nun was jetzt
"Aufstieg und Niedergang des Römischen Reiches verliefen nahezu deckungsgleich mit dem Anfang und Ende der zwischenzeitlichen Warmphase" Und ich dachte ein wenig wärmer und die Zivilisation geht unter? Oder geht die Behauptung dahin, dass Ende der 80er Jahre das Klima perfekt war und sich ab dann nicht ändern wollte, jedoch just dann der Mensch begann das Klima zu verändern?
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