Klima-Kongress in Berlin Heiße Luft und ein fordernder Gore

"Wir müssen Augen, Bewusstsein und Herzen öffnen": Klimaschutz-Vorkämpfer Al Gore wurde in Berlin bei seinem ersten großen Auftritt seit dem Nobelpreis deutlich. Er sprach auf einem Zukunftsenergie-Kongress - der jedoch offenbarte, wie uneinig sich Politiker, Forscher und Manager noch sind.

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Fünf Minuten sollte Al Gore sprechen. Am Ende wurde es eine halbe Stunde. Er wollte sich an die Begrenzung einfach nicht halten: "Ich bin mitgerissen", sagte der nobelpreisgekrönte Klimaguru - und jetzt wolle er die Menschen hier mitreißen, im Saal des EnBW-Klimakongresses.

Merkel, Gore: Reden über die Katastrophe - aber handeln?
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Der frühere US-Vizepräsident forderte dann von den Staatschefs der Welt verstärkte Klimaschutzbemühungen: Das Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll solle 2010 statt 2012 in Kraft treten. Er hoffe, dass China und die USA dabei mitmachen. Gore rief die Gesellschaft zu einem Bewusstseinswandel auf: "Wir müssen unsere Augen, unser Bewusstsein und unsere Herzen öffnen." Die Atmosphäre dürfe nicht wie eine Kloake behandelt werden.

Nach der Rede bekam er reichlich Beifall - es wirkte wie Harmonie, wie Einigkeit unter den Kongressteilnehmern.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wer vor dem heutigen Dienstag noch Zweifel hegte, dass die Welt ein ernsthaftes Problem hat, aber nicht weiß, wie sie es lösen soll, brauchte nur eben jenen Klimakongress des Energiekonzerns EnBW zu besuchen. Kein einziger Umweltaktivist (außer vielleicht Gore) hatte sich ins noble Axica-Veranstaltungszentrum am Berliner Platz eingeschlichen, um die beschlipsten Anzugträger aus Wirtschaft und Politik zu bedrängen, aber dergleichen war auch gar nicht notwendig. Denn Dissens gab es auch so reichlich.

Deutschland, der Mahner und Warner

Die Rednerliste versprach eigentlich viel: Vertreter Chinas, der deutschen Bundes- und der US-Regierung waren gekommen, außerdem des Weltenergierats, der Energieindustrie und der Klimaforschung sollten ihre Meinungen über die Wege aus der Treibhausfalle zum Besten geben - und lagen kräftig über Kreuz.

In der Rolle des Warners und Mahners: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. "Tiefe und Tempo des Klimawandels sind dramatisch, die Zeitfenster zum Handeln noch knapper als befürchtet", rief der SPD-Politiker in den Saal. In der Rolle der Faktenlieferanten: Mojib Latif vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften und Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. In Sachen Erderwärmung und Meeresspiegel-Anstieg "bewegen uns an der Oberkante dessen, was wir vorhergesehen hatten", sagte Latif. Rahmstorf erklärte anschließend, warum es gar keine gute Idee wäre, die globale Durchschnittstemperatur gegenüber vorindustriellen Zeiten um mehr als zwei Grad steigen zu lassen.

Damit war der konsensfähige Teil des Klimakongresses beendet, denn jetzt folgten die Vorstellungen über die besten Wege aus der Treibhausfalle. Clayland Boyden Gray, US-Botschafter bei der EU, sieht sein Land im Kampf gegen den Klimawandel nicht etwa als Bremser, sondern in der weltweiten Führungsposition: Die USA investierten wesentlich mehr in saubere Energien als Europa, und auch bei der Anwendung der CO2-Abscheidung bei der Kohle-Verbrennung hätten die USA die Nase vorn.

Die USA sehen vor allem ein Image-Problem

Dass die USA die Welt auch beim Pro-Kopf-Ausstoß von Kohlendioxid mit weitem Abstand anführen, erwähnte Gray nicht. "Manche Leute haben das klimapolitische Engagement der USA in Frage gestellt", so der Botschafter. Insbesondere die Regierung von Präsident George W. Bush sei oft kritisiert worden. "Das ist in Ordnung, weil wir die Medien nicht richtig im Griff hatten." Im Grunde sei das einzige Problem der USA ihr Image, das in der Klimapolitik Einfluss gekostet hätte.

Kurt Yeager, Chef der Studiengruppe Energie und Klimawandel beim Weltenergierat, will der Welt vor allem Strom und erst in zweiter Linie Umweltrichtlinien bringen. Die Politik von Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger, den CO2-Ausstoß drastisch zu reduzieren, stempelte er zum PR-Gag. "Schwarzenegger kriegt damit viele Schlagzeilen, was der erste Schritt beim Gewinnen von Wählerstimmen ist. Aber es bedeutet nicht allzu viel." Erst wenn eine solche Politik zumindest auf nationaler Ebene eingeführt würde, könne sie Erfolg haben. "Aber das wird so schnell nicht passieren", meinte Yeager.

Das eigentliche Problem sei nicht der Klimagas-Ausstoß, denn der werde sich erst in einigen Generationen wirklich bemerkbar machen. Vielmehr gebe es auf der Welt einige Menschen mit zu viel und viele mit zu wenig Energie - und viele mit zu wenig. Yeager: "Um eine nachhaltige Welt zu bekommen, müssen wir die Welt elektrifizieren."

Soll jeder Mensch ein CO2-Budget bekommen?

Jiahua Pan von der chinesischen Akademie der Wissenschaften machte klar, was er vom amerikanischen Vertrauen in die Technologie hält: gar nichts. Angesichts des explosiven Wachstums des Energiebedarfs in Schwellenländern wie China und Indien "können rein technologische Maßnahmen nicht die einzige Antwort sein". Stattdessen gehöre die gesamte Struktur der globalen Energiewirtschaft auf den Prüfstand - vor allem die Effizienz müsse dringend gesteigert werden.

Im Übrigen hätten die Bewohner der Schwellenländer das gleiche Recht auf einen hohen Lebensstandard wie Europäer und US-Amerikaner. "Man darf Inder und Chinesen nicht zu einem geringeren Lebensstandard verurteilen", sagte Pan. Er schlug vor, jedem Menschen ein persönliches CO2-Budget zuzuordnen. Dass dies vor allem Europäern und Amerikanern Einschränkungen abverlangen würde, brauchte Pan nicht näher auszuführen.

Wenigstens in einem waren sich Yeager und Pan einig: Die Atomenergie sollte ausgebaut werden. Allerdings müsste die Zahl der Atommeiler massiv gesteigert werden, wenn die Kernenergie einen nennenswerten Teil zur globalen Stromgewinnung beisteuern soll. Das Ergebnis wäre ein rasant wachsender Vorrat an atomwaffenfähigem Plutonium, das bei der Uran-Kernspaltung anfällt. Kritiker sehen deshalb im massiven Ausbau der Kernkraft einen erstklassigen Weg, die Welt in die Luft zu sprengen.

Was also tun? Eigentlich ist alles ganz einfach, meinte Klimaforscher Latif. Ein Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung würde ausreichen, um die Erwärmung in erträglichen Grenzen zu halten. "Wie man das allerdings im Einzelnen umsetzt, weiß ich auch nicht. Ich bin kein Politiker."

Gore kam für ein Statement, einen Vortrag und die Kanzlerin

US-Botschafter Gray sieht eine Möglichkeit in einer außenpolitischen Strategie, die Präsident Bush schon zuvor bemüht hat: Falls nicht die ganze Welt mitziehen will, formt man eben eine Koalitionen der Willigen.

"Wenn man sich die derzeitigen Klimawandel-Verhandlungen anschaut, hat man fast 200 Länder und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen. Es ist unmöglich, da etwas zustande zu bringen", sagte Gray. Die US-Regierung hoffe, mit einer kleineren Gruppe von Ländern "echte Fortschritte" zu erreichen.

Bleibt die Frage, ob diese Strategie noch erfolgreich sein kann oder die Welt sich doch lieber den Verhandlungen unter dem Dach der Vereinten Nationen unterwirft. Aber es gibt ja auch noch Akteure außerhalb der offiziellen Politik. Zum Beispiel eben Al Gore, der heute vor seiner Rede eigens Angela Merkel traf. "Der Klimawandel ist eine der großen globalen Herausforderungen", sagte Merkel bei dem Treffen und würdigte den Einsatz Gores. Der gab zurück, die Kanzlerin sei eine " starke Stimme der Vernunft", und das weltweit.

Geheim bleiben muss der genaue Inhalt von Gores abendlichem Dinner-Vortrag "Eine Unbequeme Wahrheit" (ein altbekannter Titel, der wenig Neues erwarten ließ). Dazu hatten die Veranstalter die Journalisten verpflichtet - nur aus dem halbstündigen Eingangsstatement darf öffentlich zitiert werden, sonst drohen "Schadenersatzforderungen in erheblicher Höhe".

Nobelpreisträger preist Merkel als "Stimme der Vernunft"

Gores Auftritt und die ganze Veranstaltung standen schon vor ihrem Beginn in der Kritik. Die Grünen kritisierten, der Energiekonzern EnBW versuche, sich mit der Einladung Al Gores "ein klimapolitisches Feigenblatt zuzulegen" - so drückte es Hans-Josef Fell aus, der Energie-Experte der Grünen-Bundestagsfraktion. Die Realität sei: In den kommenden Jahren baue EnBW Kraftwerke, die 3000 Megawatt Leistung mit der Verbrennung fossiler Energieträger produzieren sollen. Nur 500 Megawatt an erneuerbaren Energien seien geplant.

Über Gores Honorar für seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Nobelpreis-Bekanntgabe wurde nichts Offizielles bekannt. Spekulationen verdichteten sich nach Angaben der Nachrichtenagentur AP auf einen Betrag zwischen 180.000 Dollar (rund 127.000 Euro) und 180.000 Euro - Spesen nicht mit eingerechnet. Er kündigte an, seine gesamten Einnahmen an eine gemeinnützige Organisation zu spenden, die gegen die Klimakatastrophe kämpft.



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