Klima Nordhalbkugel überschreitet Zwei-Grad-Schwelle

Klimaforscher warnen vor einer zwei Grad wärmeren Welt. Im Februar hat die Nordhälfte der Erde die Schwelle bereits übersprungen, vor allem wegen des Wetterphänomens El Niño. Drohen jetzt die Folgen des Klimawandels?

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Berglandschaft in Norwegen
REUTERS

Berglandschaft in Norwegen


Auf zwei, möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zum 19. Jahrhundert möchte die Weltgemeinschaft die Klimaerwärmung begrenzen, das hat sie im Dezember in ihrem Klimavertrag beschlossen. Ab zwei Grad, so lautet die Warnung von Wissenschaftlern, würde der Klimawandel höchst gefährlich.

Aktuelle Temperaturmessungen zeigen, dass es schwer werden könnte, die Erwärmung vorher zu bremsen. Die Temperaturkurve der Nordhalbkugel dokumentiert einen erstaunlichen Ausschlag: Binnen weniger Wochen war sie über die Zwei-Grad-Schwelle geschnellt (siehe Grafik, sie zeigt die Temperaturen im Vergleich zum Durchschnitt 1981 bis 2010, im Vergleich zum 19. Jahrhundert liegen sie rund 0,5 Grad höher); mittlerweile ist es wieder ein wenig abgekühlt.

Beginnt jetzt jenes gewagte Experiment mit der Umwelt, vor dem Klimaforscher gewarnt haben? Leben wir nun in der gefürchteten Zwei-Grad-Welt?

Durchschnittstemperaturen der bodennahen Luft im Vergleich zum Zeitraum 1981 bis 2010 (Nulllinie): Weltweit (schwarz), Nordhalbkugel (blau), Südhalbkugel (grün). Die Nulllinie liegt etwa 0,5 Grad höher als die Temperatur im 19. Jahrhundert, die als Vergleichswert für das Zwei-Grad-Ziel gilt. Gegenüber dem 19. Jahrhundert lag die Durchschnittstemperatur der Nordhalbkugel also bereits über zwei Grad.
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Durchschnittstemperaturen der bodennahen Luft im Vergleich zum Zeitraum 1981 bis 2010 (Nulllinie): Weltweit (schwarz), Nordhalbkugel (blau), Südhalbkugel (grün). Die Nulllinie liegt etwa 0,5 Grad höher als die Temperatur im 19. Jahrhundert, die als Vergleichswert für das Zwei-Grad-Ziel gilt. Gegenüber dem 19. Jahrhundert lag die Durchschnittstemperatur der Nordhalbkugel also bereits über zwei Grad.

Dass die stete Mehrung von Treibhausgasen in der Luft aus Industrie, Kraftwerken und Autos das Klima wärmt, halten Forscher für erwiesen. In den vergangenen Monaten aber kam ein natürlicher Wärmeausbruch hinzu: Das Wetterphänomen El Niño, das im Pazifik warmes Wasser an die Oberfläche treibt, hat die Luft weltweit erwärmt.

Rekorde im Februar

El Niño hat seinen Höhepunkt zwar bereits überschritten, aber es dauert Monate, bis sich die pazifische Wärme weltweit in der Atmosphäre verteilt. Jetzt scheint sie sich in der Nordhälfte der Erde auszubreiten.

Allerdings, betonen Klimaforscher, gab es ähnlich starke El Niños wie den aktuellen in der Vergangenheit, ohne dass die Temperaturen dermaßen gestiegen wären. Die Gelehrten sehen darin ein klares Zeichen für den zunehmenden Einfluss des Menschen auf das Klima.

Offizielle Zahlen für Februar gibt es zwar noch nicht. Aber vorliegende Daten dokumentieren, dass der Februar der fünfte Monat in Folge war, in dem die globale Durchschnittstemperatur die Ein-Grad-Schwelle überschritten hat - das hatte sie zuvor noch nie seit Beginn der Messungen Ende des 19. Jahrhunderts.

Mehr noch: Die Abweichung der Temperatur vom langjährigen Durchschnitt war im Februar offenbar so groß wie nie während der systematischen Messungen. Der vergangene Monat war global den inoffiziellen Daten zufolge mehr als ein Grad wärmer als der Februar-Durchschnitt. Der Februar war demnach der wärmste Monat seit Beginn der Messungen.

Ungewollter Blick in die Zukunft

Besonders warm war es in der Arktis, dort war es in den vergangenen Wochen 16 Grad wärmer als normal, was die Durchschnittstemperatur der Nordhalbkugel besonders hochtrieb. Ursache war unter anderem der schwach ausgebildete Polarwirbel, eine Kaltluftzone, die sonst wie ein Bollwerk gegen Luft aus Süden wirkt.

Diesen Winter aber drang subtropische Luft an den Nordpol vor, was den Eisschollen der Arktis arg zusetzte - die Ausdehnung des winterlichen Meereises ist so klein wie nie seit Beginn der Satellitenüberwachung Ende der Siebzigerjahre.

Wie geht es weiter? Nach dem Abflauen von El Niño erwarten Meteorologen eine Abkühlung des Klimas. Langfristig aber dürfte der anhaltende Treibhausgasausstoß die globale Erwärmung antreiben, erwarten Forscher - wie stark, ist aber umstritten. Auch die Folgen der erwarteten Erwärmung sind unklar.

Das Überschreiten der Zwei-Grad-Schwelle auf der Nordhalbkugel könnte nun zum Experiment werden: Forscher beobachten, welche Auswirkungen die Wärme beispielsweise auf Extremwetter hat. So könnte die aktuelle Witterung einen ungewollten Blick in die Zukunft bieten, in eine zwei Grad wärmere Welt.


Anmerkung der Redaktion: Die Temperaturkurve wurde am 5. März von den verantwortlichen Meteorologen korrigiert. Die erste Version zeigte einen noch deutlicheren Anstieg. Wir haben die Kurve durch die aktuelle Version ersetzt.

Zum Autor
Axel Bojanowski
Christian O. Bruch/ laif

Axel Bojanowski ist Diplom-Geologe und Redakteur im Wissenschaftsressort von SPIEGEL ONLINE. Seine Themen: Klimaforschung, Umweltpolitik, Geologie, Geophysik, Meereskunde, Energie, Rohstoffe.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 542 Beiträge
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Athlonpower 04.03.2016
1. Der Sommer war sehr trocken, der Winter ebenso
Das wirklich dramatische ist nach einem sehr trockenen Sommer 2015 jetzt auch noch einen sehr niederschlagsarmen Winter 2016 zu bekommen, sollte es dann wieder einen trockenen Sommer 2016 geben, dann werden die schlimmen Vorhersagen zum Klimawandel wohl langsam Realität werden.
MatthiasPetersbach 04.03.2016
2.
Das bedeutet, die Erde hält sich nicht an Frau Merkels 2-Grad-Grenze? Da würde ich aber auf entsprechende Sanktionen bestehen.
stefan.putt 04.03.2016
3. Gegen CO2 Betrug.
Eines Tages müssen wir, begreifen dass CO2 hat nichts mit dem Klima zu tun Wichtigstes Merkmal ist, dass Strahlungswärme nicht die Luft erwärmt, da sie selbst kein Wärmeträger ist, sondern vielmehr die Erwärmung des getroffenen Objekts bewirkt.
steven.vanderbold 04.03.2016
4. Ist doch vollkommen egal
Besser wir verrecken alle, als dass wir uns weiter vom Establishment unterjochen lassen. Die Folgen dieser Unterdrückung sind Frustration breiter Massen des Bürgertums. In den USA will jetzt das beiderseitige Establishment mit Hilfe der Medien und Wall Street Banker Trump stürzen. Und da kommt jetzt ein bezahlter Systemjournalist daher und möchte über die Eisschmelze reden. Ihr Medien seid der Untergang der westlichen Zivilisation
Mik. 04.03.2016
5. Vor Jahren : provokanterweise
ich habe vor Jahren in einem Beitrag geschrieben : Nordpol eisfrei . Dies war zugegebenermaßen überspitzt, aber ich wollte provozieren. Genützt hat es leider gar nichts, man muß es so sagen, die herrschende Elite läßt sich nicht beirren. Es ist aus, die Fakten liegen seit Jahren offen, nichts passiert, die Menschheit löscht sich selber aus, wohlgemerkt, sich selber, der Planet lebt weiter. Wir bringen´s nicht
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