Klima-Propaganda: Die Verkäufer der Wahrheit

Von

Dürre Thesen, große Wirkung: Ein Buch des RWE-Managers Fritz Vahrenholt sagt die Klimakatastrophe ab und widerspricht führenden Wissenschaftlern. Beide Seiten profitieren von dem Streit. Wem soll man glauben?

Kampf ums Klima: Heiße Sonne, erhitzte Rebellen Fotos
AFP/ NASA/ SDO

Hamburg - Wissenschaft kann so einfach sein. Der RWE-Manager Fritz Vahrenholt und der ebenfalls bei dem Energiekonzern arbeitenden Geologe Sebastian Lüning haben ein Buch geschrieben, in dem sie die Klimakatastrophe absagen. Wichtige Erkenntnisse der Forschung würden verschwiegen, behaupten die Autoren. Nun beschwören Medien wie die "Bild"-Zeitung die "CO2-Lüge". Denn nicht Treibhausgase, sondern vor allem die Sonne bestimme das Klima, erklären die beiden Rebellen.

Das Buch ist der neueste Coup in einem Meinungskampf, der die Öffentlichkeit verwirrt zurücklässt. Was passiert denn nun mit dem Klima? Wie kann man sich ein Bild vom Stand der Forschung machen? Die verlässlichste Quelle ist der Klimabericht der Vereinten Nationen. Das Intergovernmental Panel for Climate Change (IPCC) fasst alle paar Jahre das Wissen über das Klima in einem Report zusammen. Der Bericht dokumentiert Unsicherheiten und Unwissen ausgiebig, und er liest sich - entgegen der Vorstellung vieler IPCC-Kritiker - streckenweise wie ein Skeptikerbuch. Allerdings gibt es auch die "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger". Sie wird nicht von den Forschern, sondern von Funktionären verfasst - und gerät deshalb zum Teil wenig neutral.

Freunde von Verschwörungen

Auch die Ideen aus dem Buch von Vahrenholt und Lüning finden sich im Klimabericht der Uno. Dennoch behauptet das Duo, das IPCC verschweige die wahren Fakten - und bedient damit die Freunde von Verschwörungstheorien.

Dass der Uno-Klimarat zu anderen Schlüssen kommt als die beiden Buchautoren, liegt schlicht daran, dass in dem IPCC-Report neben den Vahrenholt-Thesen viele andere Ergebnisse stehen, so dass ein Urteil zur Klimaentwicklung nicht so leicht fällt, wie es die beiden Provokateure vorgeben. "Wir wollen die festgefahrene Debatte beleben", rechtfertigt sich Vahrenholt im SPIEGEL-Interview.

Er und sein Mitstreiter steigen damit in eine teils emotionale Debatte zwischen Klimawandel-Warnern und -Skeptikern ein. Das Problem: Beide Seiten profitieren von dem Streit - auf Kosten der Allgemeinheit und der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Auf der einen Seite stehen Wissenschaftler, Verbände und Kommentatoren, die einen angeblichen Konsens der Klimaforscher herbeireden, den es zu vielen wichtigen Fragen aber nie gegeben hat. Auf der anderen Seite stehen Kritiker wie Vahrenholt und Lüning, die mit extremen Thesen aufwarten.

Alte Thesen, keine Belege

Im Falle der beiden Buchautoren ist die Sache einfach: Sie haben sich jene Theorien herausgepickt, die ihre marketingwirksame Entwarnungsthese stützen. Die Sonne steuere auf eine Schwächephase zu, zusammen mit anderen natürlichen Einflüssen mildere das erkaltende Gestirn den Wärmeeffekt der vom Menschen in die Luft geblasenen Treibhausgase.

Vahrenholts Thesen sind alt: Bereits vor fünf Jahren breitete der dänische Sonnenforscher Henrik Svensmark vom Danish National Space Center in seinem Buch "The Chilling Stars" ("Die erkaltenden Sonnen") die Theorien von der bevorstehenden Abkühlung aus. Der Experte vertritt zusammen mit anderen Sonnenforschern die These, die Wirkung des Gestirns auf das Klima würde unterschätzt. Die Fachleute machen vor allem indirekte Effekte geltend: Die Strahlung der Sonne steuere die Wolkenbildung, meinen sie.

Die Kritiker könnten Recht haben; ihre Theorien gelten als plausibel. Indes: Es fehlen brauchbare Belege. Der Uno-Klimarat stuft das Wissen über die Klimawirkung der Sonne redlicherweise als gering bis sehr gering ein. Verschwiegen aber werden die Ergebnisse nicht.

Findet sich die Antwort im Pazifik?

Auch die Prognose einer abnehmenden Sonnenaktivität ist unter Experten umstritten: Tatsächlich erwarten manche eine Schwächephase der Sonne ab 2020. Die meisten Studien ergaben aber, dass selbst ein ausgeprägtes Minimum wie zur Zeit der sogenannten Kleinen Eiszeit im Mittelalter lediglich eine Abkühlung der globalen Durchschnittstemperatur in Bodennähe um höchstens ein halbes Grad verursachen würde - der Ausstoß von Treibhausgasen könnte den Effekt also deutlich übertreffen. Doch auch hier konstatiert der Uno-Klimabericht ehrlicherweise "geringes Wissen".

Vahrenholt und Lüning hingegen dozieren kühn, mehrere Sonnenzyklen würden gleichzeitig auf ein Minimum zusteuern. "Die Auffassung verschiedener Solarforschergruppen ist, dass wir vor schwachen Solarzyklen stehen", sagte Vahrenholt im SPIEGEL-Interview. Was er verschweigt: Die Auswirkungen der unterschiedlichen Zyklen aufs Klima sind schlecht bekannt. Erschwerend für die Berechnungen kommt hinzu, dass die Temperatur auf der Erde auch in den vergangenen Jahrhunderten oft nicht parallel zur Sonnenstärke verlief.

Die beiden Buchautoren behaupten deshalb, dass auch zyklische Veränderungen von Meeresströmungen für Abkühlung sorgen würden. Sie bringen beispielsweise die Pazifische Dekadische Oszillation ins Spiel, die das Weltklima im Rhythmus vieler Jahre merklich verändern kann. Allerdings verlief der pazifische Klimazyklus über weite Strecken des 20. Jahrhunderts nicht parallel mit der globalen Durchschnittstemperatur - warum also sollte er es künftig tun? Vahrenholt und Lüning raten also einfach, was mit dem Klima geschehen wird.

Die Mär vom Konsens unter Klimaforschern

Auf der anderen Seite steht eine Reihe prominenter Klimaforscher, die immer wieder das Gleiche betonen: Längst sei sich die Wissenschaft einig, dass die Erde vor einer gefährlichen Klimaerwärmung stehe. Dabei besteht weitgehende Einigkeit nur in der Frage, dass der Mensch mit Treibhausgasen das Klima aufheizt; über Ausmaß und Folgen wird gestritten.

Einen Konsens zu anderen wesentlichen Fragen hat es nie gegeben. Das belegen neben dem IPCC-Report auch Umfragen von Soziologen unter Klimaforschern. Zahlreiche Forscher machen erhebliche Zweifel geltend. Als ungenügend erforschte, aber klimaentscheidende Faktoren gelten beispielsweise:

  • Der Verlauf des Klimas der Vergangenheit, aus dem auf das Klima von morgen geschlossen wird.
  • Der Wasserkreislauf. Dabei entscheidet vor allem die Menge des Treibhausgases Wasserdampf in der Luft über die Temperatur.
  • Die Wirkung von Partikeln aus Industrie-, Heizungs- und Autoabgasen, aus Ozeanen, Vulkanen und dem Erdboden ist laut IPCC-Report "kaum verstanden". Die Partikel dienen als Saatgut für Wolken. Schätzungen zufolge könnte eine Vergrößerung der Wolkendecke um ein Hundertstel die Verdopplung des CO2-Gehaltes in der Luft ausgleichen.
  • Viele Klimaforscher zweifeln an der Qualität der Computermodelle, die das Klima prognostizieren.

Trotz dieser erheblichen Ungewissheiten kann es natürlich sinnvoll sein, sich auf einen bedrohlichen Klimawandel vorzubereiten; Indizien dafür finden sich vielerorts. Gleichwohl vermarkten führende Wissenschaftler selektive Darstellungen des Forschungsstands als attraktiv einfache Antworten auf die Kritik von Skeptikern. Sie bringen damit den Umweltschutz in Gefahr: Verschwiegene Wissenslücken machen die Gegner irgendwann öffentlich - und bringen damit die Forscher in Verlegenheit. Der sogenannte Climategate-Skandal um die geklauten E-Mails von Klimaforschern konnte nur deshalb so hochkochen, weil die Wissenschaftler intern über Wissenslücken sprachen, die sie in der Öffentlichkeit verschwiegen.

Perfekte Symbiose

In Deutschland touren prominente Wissenschaftler mit beliebten Wahrheiten durchs Land. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zahlen Firmen und Verbände für Vorträge führender Klimaforscher mitunter Beträge von 5000 Euro. Auch als Berater für Verbände und Parteien werden vor allem jene Wissenschaftler gefragt, die eindeutige Botschaften vermitteln.

Zwischen Umweltverbänden und Klimaforschern hat sich eine enge Zusammenarbeit etabliert - zum beiderseitigen Nutzen: Die Verbände ergattern wissenschaftliche Glaubwürdigkeit, die Forscher stärken ihren Einfluss. Je mehr Verbände die Parole eines wissenschaftlichen Konsens verbreiten, umso besser festigt sich die Position der Klimatologen mit jener Botschaft.

Gerade hat sich in Berlin die "European Climate Foundation" niedergelassen, die nach eigenen Angaben jährlich 20 Millionen Euro für den Kampf für Klimaschutz ausgibt. Mit Hilfe von Wissenschaftlern verbreitet die Stiftung Zusammenfassungen zum Stand der Forschung. Die Einseitigkeit der Darstellungen dürfte Werbung und Anreiz sein für Skeptiker wie Vahrenholt. Dessen Thesen fördern wiederum die Aufmerksamkeit für die Stiftung - eine perfekte Symbiose.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1800 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. 0.03 % co2
derweise 08.02.2012
Zitat von sysopAFP/ NASA/ SDODürre Thesen, große Wirkung: Ein Buch des RWE-Managers Fritz Vahrenholt sagt die Klimakatastrophe ab und widerspricht führenden Wissenschaftlern. Beide Seiten profitieren von dem Streit. Wem soll man glauben? Klima-Propaganda: Die Verkäufer der Wahrheit - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,813953,00.html)
0.03 % CO2 sind in der Atmosphäre. Und das soll ein wirksames Treibhausgas sein?!
2. Wie lässt Goethe ...
mborevi 08.02.2012
Zitat von sysopAFP/ NASA/ SDODürre Thesen, große Wirkung: Ein Buch des RWE-Managers Fritz Vahrenholt sagt die Klimakatastrophe ab und widerspricht führenden Wissenschaftlern. Beide Seiten profitieren von dem Streit. Wem soll man glauben? Klima-Propaganda: Die Verkäufer der Wahrheit - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,813953,00.html)
... seinen Mephistopheles sagen: "Verleugnet nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allergrößte Kraft, dann hab' ich Euch schon. Unbedingt!" Ist das genug Antwort auf Vahrenholt?
3. .
frubi 08.02.2012
Zitat von sysopAFP/ NASA/ SDODürre Thesen, große Wirkung: Ein Buch des RWE-Managers Fritz Vahrenholt sagt die Klimakatastrophe ab und widerspricht führenden Wissenschaftlern. Beide Seiten profitieren von dem Streit. Wem soll man glauben? Klima-Propaganda: Die Verkäufer der Wahrheit - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,813953,00.html)
Wem soll man glauben? Nicht WEM sondern was soll man glauben. Ich glaube auf jeden Fall nicht, dass ohne CO2 unser größtes Problem ist und das diese steife Fokussierung auf das CO2 ganz andere Gründe hat. Ich finde z. B. die massive Umweltverschmutzung und ein übertriebenes und unlogisches Konsumverhalten wesentlich schlimmer für unsere Umwelt.
4. Wo bleibt das Fragezeichen?
mag-the-one 08.02.2012
Zitat von sysopAFP/ NASA/ SDODürre Thesen, große Wirkung: Ein Buch des RWE-Managers Fritz Vahrenholt sagt die Klimakatastrophe ab und widerspricht führenden Wissenschaftlern. Beide Seiten profitieren von dem Streit. Wem soll man glauben? Klima-Propaganda: Die Verkäufer der Wahrheit - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,813953,00.html)
Wem man glauben soll? Niemandem natürlich. Beide Seiten haben die Plausibilität des Anscheins für sich. Das ersetzt aber keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die liegen bisher nicht vor. Dennoch gibt es einseitigen Meinungsdruck, der nicht gerechtfertigt ist. Man frage sich: Cui bono? Insofern ist Vahrenholts Buch eine erfrischende Provokation.
5. Danke für Ihre Unterstützung!
alex300 08.02.2012
Zitat von mborevi... seinen Mephistopheles sagen: "Verleugnet nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allergrößte Kraft, dann hab' ich Euch schon. Unbedingt!" Ist das genug Antwort auf Vahrenholt?
Vahrenholt war auch mal verblendet von Klima-Propaganda. Aber, die Vernunft hat gesiegt: es reicht nur ein Bisschen sich mit dem Thema zu beschäftigen, und die Klimalüge wird offensichtlich. Die Katastrophiker sind weltweit am Rückzug.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Klimawandel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1800 Kommentare
Klimaforschung in der Krise

Besondere Tricks der Umweltpolitiker

Maunder Minimum: Während der Kleinen Eiszeit gab es Phasen extremer Sonnenschwäche Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Maunder Minimum: Während der Kleinen Eiszeit gab es Phasen extremer Sonnenschwäche