Klima-Schlagzeilen Forscher sprechen Bäume frei

Vor wenigen Tagen hat ein Forscherteam international Schlagzeilen gemacht: Pflanzen stoßen große Mengen des Treibhausgases Methan aus. Prompt gaben manche Medien den Bäumen die Schuld am Klimawandel. Jetzt reagieren die Wissenschaftler.


Er war wieder einmal eine dieser Schlagzeilen, die Eingeweihte schmunzeln lassen und Unbedarfte auf den Holzweg führen. Ein schönes Beispiel also für hintergründigen Humor, hätte die Schlagzeile nicht in Deutschlands Zentralorgan für eher derbe Witze gestanden: "Klimaschock - sind die Bäume selber schuld?"

"Bild"-Schlagzeile: Sind die Bäume Schuld?

"Bild"-Schlagzeile: Sind die Bäume Schuld?

Wäre das wahr, dürfte sich der Mensch ohnehin für unschuldig und der Schock in Grenzen halten. So aber waren vor allem die Wissenschaftler schockiert, deren im Fachblatt "Nature" veröffentlichte Studie die Quelle der Aufregung war. Die Untersuchung, über die auch SPIEGEL ONLINE ausführlich berichtet hat, besagte, dass die Pflanzen einen großen Anteil am jährlichen weltweiten Methan-Ausstoß haben - obwohl Biologen bislang überzeugt waren, dass die lebendige Flora überhaupt nichts von dem hochwirksamen Treibhausgas produzierte.

Die Entdeckung war zwar neu, die Tatsache selbst aber Jahrmillionen alt. Viele Medien reagierten dennoch mit wilden Spekulationen über die wirkliche Rolle des Menschen beim Klimawandel, den vermeintlichen Schaden durch Wiederaufforstung und die Folgen für das Kyoto-Klimaprotokoll. Die beteiligten Wissenschaftler sahen sich nun zu einer ungewöhnlichen Reaktion genötigt: Sie veröffentlichten eine Stellungnahme, in der sie den Falschmeldungen entgegentreten.

Erschrocken zeigen sich die Forscher um Frank Keppler vom Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik insbesondere darüber, dass in vielen Zeitungen zu lesen war, das Methan der Pflanzen sei mitverantwortlich für die globale Erwärmung. "Diese Emissionen sind eine natürliche Quelle", erklären die Wissenschaftler. "Sie existierten schon lange, bevor der Mensch begann, die Zusammensetzung der Atmosphäre zu beeinflussen."

Die Emissionen der Menschen seien dagegen für den Anstieg der Methan-Konzentration verantwortlich, der seit Beginn des Industriezeitalters zu beobachten sei. "Der Ausstoß der Pflanzen trägt zwar zum natürlichen Treibhauseffekt bei, nicht aber zum jüngsten Temperaturanstieg, der als 'globale Erwärmung' bezeichnet wird." Selbst wenn die Landnutzung des Menschen den Methan-Ausstoß der Pflanzen verändert habe, sei das als menschlicher Faktor anzusehen.

Die schlechte Nachricht lautet also: Wir dürfen nicht wieder besten Gewissens Sportwagen fahren. Die gute Nachricht: Bäume machen keinen Klimaschock. Dass sie einen Anteil am Methan-Haushalt haben, ist zwar eine neue Erkenntnis. Doch die schon bekannte jährliche Methan-Produktion haben sie dadurch um kein einziges Gramm in die Höhe geschraubt.

Markus Becker

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