Profitable Katastrophen-Prognosen: Forscher rügen Klimawarnungen von Versicherungen

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Stärkere Hurrikane, Gewitter, Niederschläge: Versicherungen verdienen am Wetter-Geschäft. Die Münchener Rückversicherung will den ersten Beweis dafür gefunden haben, dass der vom Menschen gemachte Klimawandel in Nordamerika immer mehr Wetterkatastrophen auslöst. Wissenschaftler sind entsetzt.

Beschädigtes Haus in Rhode Island nach Tropensturm "Irene": Nehmen Katastrophen zu? Zur Großansicht
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Beschädigtes Haus in Rhode Island nach Tropensturm "Irene": Nehmen Katastrophen zu?

Hamburg - Versicherungen machen mit Wettergefahren Geschäfte, das weiß jeder Kunde. Die Debatte ums Klima hat nun dazu geführt, dass die Assekuranzen vermehrt Briefe verschicken, die vor häufigeren Unwettern warnen. Man schaffe "Angebote, die mit dem Klimawandel verbundene Risiken reduzieren", schreibt etwa die Allianz.

Die Münchener Rück (MR), die Versicherungen gegen extreme Schadenszahlungen versichert, meldet einen wichtigen Befund: Naturkatastrophen der vergangenen 30 Jahre offenbarten "den ersten Fußabdruck" des menschengemachten Klimawandels in Nordamerika. Prompt nehmen viele Medien die Meldung auf: Katastrophen nehmen zu, warnt eine Versicherung, heißt es da. Wissenschaftler jedoch kritisieren den Rückversicherer für sein Vorpreschen.

Tatsächlich warnt auch der Uno-Klimarat IPCC für die kommenden Jahrzehnte vor mehr Hitzewellen, Sturzregen und Hochwasser. Dass der Klimawandel das Wetter aber bereits extremer gemacht hätte, lässt sich in den meisten Fällen nicht beweisen. Mal trügt die Wahrnehmung, mal entspricht sie den Daten. Doch es muss nicht alles schlimmer werden: Kältekatastrophen und Stürme könnten laut IPCC-Report künftig sogar weniger werden.

Die meisten Prämien aus den USA

Zwar gilt es als bewiesen, dass der Mensch mit seinen Abgasen das Klima erwärmt. Doch wenn es um Extremwetter geht, übt sich der Uno-Klimarat in Zurückhaltung: Es könne Jahrzehnte dauern, bis sich das neue Klima bemerkbar mache. Bei allen natürlichen Klimaschwankungen fällt es meist erst spät auf, wenn Extreme häufiger werden - doch dann könnte es zu spät sein, den Klimawandel einzudämmen.

Das Hauptproblem ist die Seltenheit extremer Ereignisse, also der Mangel an Daten - er erschwert schon die Bestandsaufnahme: Eine große Menge an Daten ist nötig, um zu ermitteln, ob der zunehmende Treibhauseffekt bereits in den vergangenen Jahrzehnten die Häufigkeit von Wetterextremen verändert hat.

Die Münchener Rück scheint geeignet, Aufklärung zu stiften: Sie verfügt nach eigenen Angaben über die "weltweit umfassendste Datenbank zu Naturkatastrophen". Ihr wichtigster Markt sind die Vereinigten Staaten: "Weit über die Hälfte der Naturkatastrophen-Prämien kommen aus den USA", sagt Vorstandsmitglied Peter Röder, der für den nordamerikanischen Markt zuständig ist.

"Starke Beweiskette"

Vor allem bei Hurrikan-Versicherungen sei man "stark exponiert". Mit den heutigen Prämien gegen Wetterkatastrophen in den USA sei man bereits "recht zufrieden", erklärte Röder nun bei einem Pressegespräch in München. Denn die Erwartung auf heftigere Wirbelstürme habe man bereits einkalkuliert.

Neue Erkenntnisse sollen die Strategie stützen: Seit 1980 hätten sich die Sachschäden durch Wetterkatastrophen in Nordamerika verfünffacht, berichtet die MR; nirgendwo auf der Welt habe es einen stärkeren Anstieg gegeben.

Neben der wachsenden Bevölkerung und wachsenden Städten sei für die Zunahme auch der anthropogene, also vom Menschen verursachte, Klimawandel verantwortlich, teilt die Rückversicherung in einer Pressemitteilung mit, mit der sie ihre Studie zum Thema bekannt macht. "Eine derart starke Beweiskette für den Einfluss des Klimawandels hat es bislang noch nicht gegeben", sagt der Leiter des Fachbereichs Geoforschung bei der MR, Peter Höppe.

Wo stehen die Beweise?

Wissenschaftler jedoch vermissen Beweise: "In der Studie stehen sie nicht", wundert sich der Umweltforscher Roger Pielke Junior von der University of Colorado in Boulder, USA. "Das meiste darin ergibt keinen Sinn, und es widerspricht den Beobachtungen", ergänzt der Atmosphärenforscher Clifford Mass von der University of Washington in Seattle.

Von 1980 bis 2011 betrug der Gesamtschaden aus Wetterkatastrophen in Nordamerika laut der MR-Studie 1,06 Billionen US-Dollar, von denen 510 Milliarden versichert waren. Rund 30.000 Menschen kamen ums Leben. Die teuerste Naturkatastrophe war der Hurrikan Katrina im Jahr 2005.

Die Erwärmung der Ozeane hätte Wirbelstürme angefacht, meint Höppe: "Je höher die Meerestemperaturen, desto größer das Risiko für starke Hurrikane", sagt er. Andere Kräfte jedoch können die Wirbelstürme bremsen, etwa Scherwinde und Staubwolken.

Das Rätsel der Wirbelstürme

Um zu klären, ob Hurrikane tatsächlich gefährlicher geworden sind, oder ob einfach nur mehr Siedlungen in ihrem Weg stehen, müssen Forscher die Stürme der vergangenen Jahrzehnte vergleichbar machen: Sie kalkulieren, welche Wirkung Hurrikane gehabt hätten, wenn die Bebauung früher so dicht gewesen wäre wie heute.

Eine solche Studie von Pielke von vor vier Jahren hatte ein überraschendes Ergebnis gebracht: Der zerstörerischste Hurrikan wäre bei gleicher Bebauung wie heute der von Miami 1926 gewesen, gefolgt von Katrina 2005 und zwei Hurrikanen in den Jahren 1900 und 1915. Ein Klimatrend zu kräftigeren Wirbelstürmen in den USA war nicht auszumachen.

Ein ebenso überraschendes Ergebnis präsentiert Pielke zusammen mit zwei Kollegen nun auch für Tornados in den USA in einer Studie, die in Kürze im Fachmagazin " Environmental Hazards" erscheinen soll. Tornados sind die kleinen Verwandten von Hurrikanen. Die Auswertung von 56.457 Tornados seit 1950 habe gezeigt, dass der Schaden durch die Windhosen zurückgegangen wäre, hätte über die vergangenen sechs Jahrzehnte die gleiche Bebauung bestanden, schreibt Pielke.

"Das macht verdächtig"

Angesichts dieser Widersprüche müssen auch andere Aussagen der MR-Studie zweifelhaft erscheinen. Gewitter und Starkregen seien im Landesinneren der USA vielerorts häufiger geworden, schreibt die Versicherung unter Berufung auf eine drei Jahre alte Studie der Cornell University - für einen "ersten Fußabdruck des Klimawandels" wäre diese Quelle freilich zu alt.

Die Entwicklung entspreche jedenfalls den Erwartungen, erläutert die Versicherung: Wärmere Luft halte mehr Feuchtigkeit, die sich in stärkeren Unwettern entladen könnte. Aus diesem Grund prognostiziert auch der Uno-Klimarat im Zuge des Klimawandels mehr Sturzregen.

Für Großbritannien meinen Wissenschaftler bereits nachweisen zu können, dass der verstärkte Treibhauseffekt Regen verstärkt hat. Doch was in einer Region geschieht, hängt vor allem von der örtlichen Witterung ab. Mit solchen Einschränkungen lassen sich aber natürlich keine Klima-Versicherungsprämien begründen.

Pielke kritisiert die Münchener Rück für ihr Vorgehen: "Wenn die MR meint, sie habe den ersten Fußabdruck entdeckt, sollte sie ihre Studie in einem wissenschaftlichen Fachmagazin zur Begutachtung einreichen." Eine angebliche Entdeckung per Pressemitteilung zu verbreiten "mache verdächtig". Atmosphärenforscher Mass stimmt zu: "Der Klimawandel ist ernst, aber den Trend zu hypen und ihn zu verzerren, ist unverantwortlich."

Politiker nutzen den Trend

Bislang, sagt Pielke, habe der Einfluss des vom Menschen beschleunigten Klimawandels nicht in den Daten der Katastrophenschäden identifiziert werden können. Auch einen Trend zu stärkeren Hitzewellen in den USA gibt es offenbar nicht - trotz der Dürre in diesem Sommer. Daten zeigen, dass Dürren in den USA in den vergangenen Jahrzehnten kürzer und weniger häufig geworden sind.

Das Wissenschaftsmagazin "Nature" unterstrich das Wetter-Problem jüngst in einem Editorial: Man müsse diskutieren, ob es aufgrund der technischen Schwierigkeiten überhaupt sinnvoll sei, nach einem Klimasignal zu suchen, schrieb das Magazin. Schließlich entstünden Katastrophen eben meist schon aufgrund der Armut der Bevölkerung, mangelnder Gesundheitsvorsorge oder korrupter Behörden.

Gleichwohl erliegen auch führende Politiker immer wieder der Versuchung, Naturkatastrophen als Beweis für den menschengemachten Klimawandel heranzuziehen. Stärkere Wettextreme seien mittlerweile "Realität", verkündete im September EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard. Der Klimawandel sei das "neue Normale".

Versicherungen dürften solche Aussagen willkommen heißen, Wissenschaftler und Bürger jedoch nicht. Es gilt das Wort des gerade verstorbenen Vaters der Österreichischen Klimaforschung, Reinhard Böhm: "Man sollte um des kurzfristigen Gags, der leichter Beachtung findet, nicht die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft untergraben."

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insgesamt 97 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ihr armen
Torfkopp 18.10.2012
Zitat von sysopStärkere Hurrikane, Gewitter, Niederschläge: Versicherungen verdienen am Wetter-Geschäft. Die Münchener Rückversicherung will den ersten Beweis dafür gefunden haben, dass der vom Menschen gemachte Klimawandel in Nordamerika immer mehr Wetterkatastrophen auslöst. Wissenschaftler sind entsetzt. Klima-Studie der Münchener Rück: Warnungen von Versicherung in Kritik - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klima-studie-der-muenchener-rueck-warnungen-von-versicherung-in-kritik-a-861839.html)
Forscherlein.....irgendwie tut ihr mir Leid. Egal auf welcher Seite des Zaunes ihr steht, immer findet sich doch einer, der eure Ergebnisse schamlos missbraucht..... Aber ich bin da nicht Bange, in den letzten Wochen habe ich etwas Neues bei SPON dazugelernt : Versicherer, Wirtschaftsweise und alle aus dieser Kaste wollen alle nur Spaß haben - die fahren gerne Achterbahn. Hinauf, Hinunter, Hinauf, Hinunter.....kann man beinahe täglich hier nachlesen. Solltet ihr also spekulieren, auch in solch ein prognostisches Wägelchen hineinzusteigen : Gebet Acht dass ihr genug Abstand zu den Mitfahrern haltet - sonst kotzt ihr euch am Ende gegenseitig in die Halskrause......
2. Wie zum Hohn
Haarspalter 18.10.2012
Zitat von sysopStärkere Hurrikane, Gewitter, Niederschläge: Versicherungen verdienen am Wetter-Geschäft. Die Münchener Rückversicherung will den ersten Beweis dafür gefunden haben, dass der vom Menschen gemachte Klimawandel in Nordamerika immer mehr Wetterkatastrophen auslöst. Wissenschaftler sind entsetzt.
Die Anzahl der Tornados ist in diesem Jahr stark unterdurchschnittlich. Dürren gibt es in Nordamerika auch alle paar Jahrzehnte. Aber am Ablasshandel kann man ja gut verdienen.
3.
z_beeblebrox 18.10.2012
Zum Glück wird inzw. auf SPON ein wenig differenzierter über den (anthropogenen) Klimawandel geschrieben. Die Hysterie ist zumindest raus. Zum Glück haben wir noch die Euro-Krise, auch die trägt zur geringeren Klima-Berichterstattung bei. Zum Thema: Wer Versicherungen irgendetwas glaubt, der ist doch selber schuld. Klar, dass die sich die Sachen so zurechtschustern, dass möglichst viele Kunden, möglichst viele (teure) Versicherungen abschließen. Davon leben diese Typen doch. Und mit Panikmache lässt sich nach wie vor am meisten abzocken.
4. Hä ?
Schlumperli 18.10.2012
Zitat von sysopProfitable Katastrophen-Prognosen: Forscher rügen Klimawarnungen von Versicherungen
Habe das richtig verstanden ? Wenn Al Gore das sagt, ist es OK. Wenn Versicherungen das Selbe sagen, ist es schlecht.
5.
chmb 18.10.2012
Zitat von sysopStärkere Hurrikane, Gewitter, Niederschläge: Versicherungen verdienen am Wetter-Geschäft. Die Münchener Rückversicherung will den ersten Beweis dafür gefunden haben, dass der vom Menschen gemachte Klimawandel in Nordamerika immer mehr Wetterkatastrophen auslöst. Wissenschaftler sind entsetzt. Klima-Studie der Münchener Rück: Warnungen von Versicherung in Kritik - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klima-studie-der-muenchener-rueck-warnungen-von-versicherung-in-kritik-a-861839.html)
Ist schon interessant, dass die Münchner Rück-Aussagen schon sehr lange von den Alarmisten immer wiederholt werden. Dabei haben die Kritiker sofort gesagt, dass dies nur Panikmache ist um mehr Geld zu verdienen.
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