Leck beim IPCC: Blogger veröffentlicht vertraulichen Uno-Klimabericht

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Blamage für den Uno-Forscherrat IPCC: Der nächste Weltklimabericht ist ein Dreivierteljahr vor der offiziellen Veröffentlichung ins Netz gesickert. Das Gremium muss nun mit ansehen, wie Klimawandel-Skeptiker Details aus dem Report für haarsträubende Behauptungen nutzen.

Kohlekraftwerk (in Großbritannien): IPCC-Klimareport vorzeitig veröffentlicht Zur Großansicht
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Kohlekraftwerk (in Großbritannien): IPCC-Klimareport vorzeitig veröffentlicht

Es war im Grunde nur eine Frage der Zeit. Der Uno-Klimarat IPCC hatte unabhängige Experten weltweit eingeladen, Vorabversionen seines nächsten großen Sachstandsberichts zu begutachten - im Sinne von mehr Transparenz und Offenheit. Zugleich aber sollte der Report geheim gehalten werden.

Dass das nicht funktionieren konnte, ist spätestens jetzt klar: Einer der 800 externen Gutachter, ein Blogger namens Alec Rawls, hat einen aktuellen Entwurf des nächsten IPCC-Sachstandsberichts ins Netz gestellt. Es handelt sich um den Report der IPCC-Arbeitsgruppe eins, der sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen der Klimaerwärmung befasst und eigentlich erst im September 2013 erscheinen sollte.

Bahnbrechende neue Erkenntnisse sind darin freilich nicht zu lesen. An der Erstellung des Berichts sind Tausende Wissenschaftler in aller Welt beteiligt - und alles, was bisher über ihn bekannt wurde, deutete in die gleiche Richtung: Er bestätigt im Großen und Ganzen den letzten IPCC-Report, der im Februar 2007 erschien und den Klimawandel zum globalen Nachrichtenthema machte. Er besagte, dass die globale Durchschnittstemperatur steigen, die Meere anschwellen und Gletscher verstärkt schmelzen werden. Und sehr wahrscheinlich sei der Mensch für große Teile dieser Entwicklung verantwortlich.

Die Beweislage dafür "hat sich weiter verdichtet", lautet nun einer der ersten Sätze in dem jetzt veröffentlichten Entwurf. Es sei "extrem wahrscheinlich", also zu 95 Prozent sicher, dass menschliche Aktivitäten mehr als die Hälfte des seit 1950 zu beobachtenden Temperaturanstiegs zu verantworten hätten. Doch der als radikaler Klimaskeptiker bekannte Rawls und andere einschlägige Blogs stürzten sich auf ein anderes Detail aus dem Report. Es beweist ihrer Meinung nach, dass nicht der Mensch, sondern die Sonne hinter der Erwärmung steckt.

Ist die Sonne an allem schuld?

Das allerdings wäre wirklich eine Sensation. Denn der IPCC tut nichts anderes, als vorhandene wissenschaftliche Studien zu sammeln und auszuwerten. Und die haben in den vergangenen Jahren ergeben, dass der Einfluss der Sonne auf die Erwärmung der vergangenen 50 Jahre klein war - falls es ihn überhaupt gab.

Die von den Skeptikern angeführte Passage des neuen IPCC-Berichts besagt, dass "zahlreiche empirische Zusammenhänge" zwischen kosmischer Strahlung und einigen Aspekten des Klimasystems berichtigt worden seien. Da die direkte Sonnenstrahlung diese Beobachtungen nicht erklären könne, deute dies auf einen "Verstärkungsmechanismus" hin.

Ein solcher Mechanismus könne die vermehrte Wolkenbildung durch kosmische Strahlung sein. Die Theorie ist bereits seit Jahren im Umlauf. Sie besagt, dass Partikel aus den Tiefen des Alls in der Erdatmosphäre Wolken sprießen lassen, die das Sonnenlicht reflektieren und so die Erde abkühlen. Die Sonne spielt dabei eine wichtige Rolle: Mit ihrem Magnetfeld schützt sie ihre Planeten vor der kosmischen Strahlung. In Phasen hoher Sonnenaktivität ist das Feld stärker, die Intensität der kosmischen Strahlung sinkt also.

Doch die Argumentation der Skeptiker ist in zwei Punkten problematisch:

  • Dass kosmische Strahlung zu bedeutend mehr Wolkenbildung führt, ist keinesfalls bewiesen. Im neuen IPCC-Bericht ist vielmehr von einer "großen Einigkeit" der Forscher die Rede, dass der Effekt aufs Klima vernachlässigbar ist.
  • Hätte die kosmische Strahlung einen Effekt, hätte er in den vergangenen Jahren sogar zur Abkühlung der Erde führen müssen - denn die Aktivität der Sonne war eher niedrig. Doch die Website Skeptical Science bemerkt, dass die auf der Erde gemessene kosmische Strahlung seit dem Jahr 2000 steigt und zuletzt sogar einen Rekordwert erreicht hat - während die Temperatur aber kräftig zugelegt hat.

Der britische "Telegraph" titelte indes: "Vom Menschen verursachte Erwärmung: IPCC gibt zu, dass das Spiel aus ist". Dass selbst die Autoren der angeblich verräterischen Passage etwas völlig anderes meinen, scheint da nicht weiter zu stören. "Unser Schluss besagt das exakte Gegenteil", sagte Steve Sherwood von der University of New South Wales, einer der Hauptautoren des Berichtskapitels, dem australischen Sender ABC. "Der Effekt der kosmischen Strahlen erscheint vernachlässigbar." Die Behauptungen von Rawls und seinen Mitstreitern seinen "komplett lächerlich".

Muss das IPCC sein Verfahren ändern?

Der Klimarat selbst reagierte schmallippig auf das Leck. "Der IPCC bedauert die nicht autorisierte Veröffentlichung, die den Beurteilungs- und Prüfprozess behindert", hieß es in einer Mitteilung am Freitag. Man werde den Inhalt des Entwurfs nicht kommentieren, weil die Arbeit daran noch nicht beendet sei. 800 Experten und 26 Regierungen hätten mehr als 30.000 Kommentare abgegeben, die man in den kommenden Wochen prüfen und dann einen weiteren Entwurf aufsetzen werde.

Das Leck wirft allerdings die Frage auf, wie zeitgemäß die Verfahren des IPCC noch sind. So konnte sich Alec Rawls als "Experten-Gutachter" anmelden, ohne über klimawissenschaftliche Expertise zu verfügen. Nach eigenen Angaben hat er Wirtschaft studiert und seine Promotion abgebrochen, weil seine Arbeit ihn "mehr in Richtung Moraltheologie und Verfassungsrecht" geführt habe. Was das bedeutet, ist in Rawls' jüngstem Buch "Crescent of Betrayal" ("Halbmond des Verrats") nachzulesen. Darin geht es um eine Moschee, die angeblich in Pennsylvania gebaut werden soll - als "Denkmal für Terroristen".

Den Entwurf des IPCC-Reports hat er auf der Website Stopgreensuicide.com veröffentlicht, die in den Stunden danach nicht mehr erreichbar war. Dennoch fand sich der Bericht auf diversen anderen Websites wieder. Er enthält bereits die "Zusammenfassung für Entscheidungsträger", in der die Ergebnisse des IPCC-Berichts auf rund 20 Seiten abgehandelt werden. Sie besitzt zentrale politische Bedeutung, um die Wortwahl wurde bei früheren IPCC-Berichten monatelang mit harten Bandagen gekämpft.

Vorher verhandeln Wissenschaftler, weitgehend abgeschottet von der Öffentlichkeit, in drei Arbeitsgruppen die Ergebnisse der Forschung - um dann am Ende mit einem gewaltigen Datenkonvolut an die Öffentlichkeit zu treten. Dass dieses Verfahren nicht zukunftsfähig sein könnte, zeigte sich schon Ende 2009 mit dem Climategate-Skandal um gestohlene Forscher-E-Mails.

Ob das jetzige System eine Zukunft hat, dürfte nun ebenfalls in den Sternen stehen. "Der Versuch, durch ein halboffenes System Glaubwürdigkeit zu gewinnen und zugleich Vertraulichkeit zu bewahren", schreibt Umweltjournalist Andy Revkin in seinem New York Times-Blog, "erscheint mir wir ein seltsames Spiel, das man nur verlieren kann."

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d2e4 14.12.2012
Es ist eigentlich gut das der Bericht geleakt ist. Es freut mich auch das SPON hier mal nicht auf den "Skeptiker" Zug aufspringt und gleich alles für bare Münze nimmt was an Verschwörungstheorien im Netz kursiert, stattdessen auch recherchiert. Beim Meeresspiegelanstieg meien ich aber wird es sehr große Unterschiede geben, da mittlerweile von 1-2 Metern Meeresspiegelanstieg bis 2100 ausgegangen wird. Was das für die Deutsche, bzw europäische Küste bedeutet und das Hinterland wurde bisher nicht angemessen berücksichtigt.
2. optional
ae1 14.12.2012
Für die knappe Hälfte der angeblichen Erderwärmung (es gibt sie nicht) wäre also der Mensch verantwortlich. Über die andere Hälfte wisse man nichts. Die Klimahysteriker bereiten ihren Rückzug vor und die größte Abzocke des 21. Jahrhunderts funktioniert vielleicht doch nicht so wie gewünscht.
3. Hellseher?
wadenzwicker 14.12.2012
Ein Dreivierteljahr vor der Veröffentlichung? Da stellt sich doch die Frage: Für wieviele Jahre reicht denn der Vorrat an Klimaberichten noch? Haben die Leutchen einen Hellseher unter Vertrag?
4. Mit anderen Worten:
Hugo55 14.12.2012
Zitat von sysopGetty ImagesBlamage für den Uno-Forscherrat IPCC: Der nächste Weltklimabericht ist ein Dreivierteljahr vor der offiziellen Veröffentlichung ins Netz gesickert. Das Gremium muss nun mit ansehen, wie Klimawandel-Skeptiker Details aus dem Report für haarsträubende Behauptungen nutzen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimabericht-der-uno-ipcc-report-im-netz-veroeffentlicht-a-872984.html
fast die Hälfte des Temperaturanstiuegs ist NICHT von Menschen verursacht. Das ist nach den manipulativen Hockey-Kurven immerhin ein wichtiger Schritt in Richtung Seriosität.
5. Skrupellose Lobbyisten
jenom 14.12.2012
Wie einfach irgendjemand behaupten kann es gäbe keine Umweltverschmutzung wird mir immer ein Rätsel bleiben. Aber neben denen, die gerne in krank machendem Dreck leben, handelt es sich zu 100% um Lobbyisten, denen das Leid, Elend und Verpestung, die sie verursachen völlig egal sind. Die Schädlichkeit von CO2 kann jeder im Selbstversuch in der Garage testen. Dann hochrechnen.
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Im Überblick: Kipp-Punkte des Weltklimas
IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.