Klimadebatte Globale Erwärmung belegt und geleugnet

Der Klimaforscher Michael Mann war kurz das Maskottchen der Warner - und die Zielscheibe der Leugner eines menschgemachten Klimawandels. Längst belegen bessere Daten die beispiellose Erwärmung, sagt eine Studie für den US-Kongress. Doch auch Klima-Skeptiker schlachten das Papier aus.

Von Stefan Schmitt


Der einzige deutsche Forscher, der an der Studie für den Umweltausschuss des US-Kongress mitgewirkt hat, ist zufrieden. Endlich werde klar zwischen zwei Dingen unterschieden: Einerseits der Debatte um Michael Mann und andererseits der Sicherheit der veröffentlichten Schätzungen über die Temperaturschwankungen der letzten 1000 bis 2000 Jahre.

Schmelzender Eisberg in Grönland: Breiter Konsens über eine menschgemachte Klimawerwärmung
DPA

Schmelzender Eisberg in Grönland: Breiter Konsens über eine menschgemachte Klimawerwärmung

"Bisher wurden die Kritik an Mann und am Klimawandel in eine Kiste gesteckt", sagte Hans von Storch zu SPIEGEL ONLINE. Stoch arbeitet als Klimatologe an der Universität Hamburg und am GKSS-Forschungszentrums in Geesthacht.

Ende der neunziger Jahre hatte Michael Mann mit zwei Kollegen in den Fachzeitschriften "Nature" und "Geophysical Research Letters" Temperatur-Rekonstruktionen vorgestellt, aus denen er unter anderem gefolgert hatte, das Jahr 1998 das wärmste Jahr des Jahrzehnts gewesen sei, und die neunziger Jahre das wärmste Jahrzehnt des Jahrtausends waren.

Geführt von zwei kanadischen Kritikern, dem Statistiker und Bergbau-Berater Stephen McIntyre und Ross McKitrick, einem Ökonom, hatten unterschiedliche Wissenschaftler die Methode von Manns Arbeit untersucht - und angezweifelt. Dieser hatte unter anderem Baumringe als Belege für Temperaturschwankungen gelesen. McIntyre und McKitrick warfen ihm vor, er habe diese sogenannten Proxies selektiv ausgewertet.

Überinterpretiert schon, manipuliert nicht

Die gestern veröffentlichte Studie " Surface Temperature Reconstructions for the Last 2,000 Years" des Forschungsrats der renommierten National Academy of Sciences (NAS), sprach Mann und seine Kollegen vom Verdacht der Manipulation und selektiven Darstellung frei. Methodische Fehler und Unzulänglichkeiten bemängelte das Forschergremium aber durchaus.

Der Abgeordnete Sherwood Boehlert, Vorsitzender des Umweltausschusses im US-Kongress, kommentierte: Es gebe nun "keinen Zweifel" mehr daran, "dass irgendein Fachaufsatz zur Temperaturrekonstruktion seriöse wissenschaftliche Arbeit war".

In Europa hat sich die Klimadebatte von dem Streit um Manns Grafik vom Hockeyschläger - so bezeichnet, weil in ihr die Temperaturkurve des zwanzigsten Jahrhunderts steil anstieg, wie das krumme Ende eines Hockeyschlägers - weitgehend emanzipiert. In den USA hingegen wurden und werden oft mit Mann auch alle anderen Warner vor einer globalen Erwärmung diskreditiert: Panikmache, selektive Darstellung, politische Agitation - so lautete der Generalverdacht.

"Ändert nichts an Hauptschlussfolgerung"

"Die Situation ist dort eine andere", sagte der Hamburger Wissenschaftler Storch, "da haben Skeptiker des Klimawandels direkten Kontakt zu einflussreichen Mitgliedern des Senats und des Repräsentantenhauses." Auch die mediale Darstellung sei anders als in Europa. "Da wird gerne der Eindruck erweckt, als gäbe es in der Klimaforschung zwei gleich starke Seiten - und die werden dann auch beide ausgewogen angehört."

Auch deswegen hatte wohl die Hockeystick-Thematik in der Anfrage des Abgeordneten Boehlert deutlich größeres Gewicht als in der darauf folgenden Projektbeschreibung zur NAS-Studie. Beide liegen SPIEGEL ONLINE vor.

Mann und seine Kollegen, so hatte das Panel befunden, hätten methodologisch unzulänglich gearbeitet. Ihre Schlussfolgerungen für einzelne Jahre seien eine Überinterpretation der Daten.

"Aber das ändert nichts an der Hauptschlussfolgerung", sagte Storch. Der Wissenschaftler hatte Anfang dieses Jahres in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" vorgerechnet, das die Temperaturentwicklung im 30-jährigen Mittel Ende des zwanzigsten Jahrhunderts über dem historischen Mittel liegt - unabhängig welche Proxy-Werte man für die Rekonstruktion verwendet. Storch gelang dieser Befund auch mit Daten von Manns schärfstem Kritiker Steve McIntyre.

Neues Propaganda-Futter für die Skeptiker

Die Datenlage für die Rekonstruktion von Oberflächentemperaturen hatte das Gremium abgestuft beurteilt: Mit Sicherheit könne man die Temperaturverläufe für die letzten 400 Jahre rekonstruieren - und sagen, dass die gegenwärtige Erwärmung beispiellos sei.

Für die zurückliegenden 1000 Jahre seien die Daten nicht so eindeutig, für die letzten 2000 Jahre noch weniger. Kritiker verweisen gerne und genüsslich darauf, dass zwischen 1500 und 1850 eine "kleine Eiszeit" (LIA für little ice age) genannte Kaltperiode herrschte. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Leugner eines Klimawandels das nutzen werden", sagte Storch.

Sie tun es bereits. Einer der Klimahardliner, der republikanische Senator James Inhofe aus Oklahoma sagte: "Versuchte man eine menschgemachte globale Erwärmung zu beweisen, indem man die wohlbekannte Tatsache, dass es heute wärmer ist als zum Ende der kleinen Eiszeit, ist das genau so, als würde man Sommer mit Winter vergleichen um einen katastrophalen Temperaturtrend zu belegen."

Erwärmungs-These fußt nicht nur auf Temperaturkurven

Storch sagte, nicht die absoluten Temperaturschwankungen seien wichtig für die Klimaforschung, sondern die Veränderungen. Und einen so starken Anstieg wie gegenwärtig habe es noch nicht gegeben.

Der Ausschussvorsitzende Sherwood Boehlert sagte der Zeitung "New York Times": "Es gibt nichts im gesamten Report, das irgendeinen Zweifel am breiten wissenschaftlichen Konsens über den Klimawandel wecken könnte - der ohnehin nicht in erster Linie auf den Temperaturrekonstruktionen fußt."

Ob das 155-seitige Dokument, das Boehlert von dem Wissenschaftler-Gremium überreicht wurde, den allgemeinverbindlichen Kenntnisstand bei Washingtons Politikern nun anhebt, ist zumindest fraglich. Nicht nur geht Boehlert, der Klima-Dissident im Lager der Republikaner, am Ende des Jahres in den Ruhestand.

Sein Gegenspieler, der Ausschussvorsitzende für Handel und Energie, Joe Barton, hat auch bereits ein eigenes Gremium aus Statistikern auf die Arbeiten von Michael Mann und seinen Kollegen angesetzt. Es ist vorhersehbar, dass sie sich weiter an dessen Hockeystick abarbeiten werden.

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