Klimaforschung: Neue Daten belegen Trend zu weiterer Erwärmung

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Temperaturanomalien (im Januar 2010): Warme Arktis, kaltes Europa und Nordamerika Zur Großansicht
REUTERS/Nasa Earth Observations Project

Temperaturanomalien (im Januar 2010): Warme Arktis, kaltes Europa und Nordamerika

Macht die Erderwärmung tatsächlich Pause? US-Forscher haben jetzt eine Studie mit eindeutiger Botschaft vorgelegt: Der Klimawandel geht nach ihrer Ansicht ungebremst weiter. Das vergangene Jahrzehnt, so sagen sie, war sogar das wärmste seit Beginn der Messungen.

Die Untersuchung erschien im renommierten Fachblatt "Nature", und sie sorgte unter Klimaforschern für deftigen Ärger: Ein Team um den Kieler Wissenschaftler Mojib Latif hatte ausgerechnet, dass die Erderwärmung sich in den nächsten Jahren verlangsamen wird. "Legt die globale Erwärmung eine kurze Atempause ein?", lautete die Überschrift der Pressemitteilung zu der Studie. Eine Gruppe um den Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf legte scharfen Widerspruch ein - und bot den Kieler Kollegen gar eine publikumswirksame Wette über 5000 Euro an. Latif ging nicht darauf ein und möchte das Angebot bis heute nicht öffentlich kommentieren.

Jetzt fühlt sich Rahmstorf als Sieger - denn das National Climatic Data Center (NCDC), eine Abteilung der US-Wetterbehörde NOAA, vermeldet nun, dass der Zeitraum zwischen 2000 und 2009 das wärmste Jahrzehnt seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen war.

Was ist da los? Offenbar liegt es vor allem an Betrachtungszeitraum und -gebiet, ob die Werte nach oben gehen oder nicht - auch wenn kaum ein seriöser Forscher bezweifelt, dass es langfristig ohnehin nur eine Richtung gibt: nach oben.

Global gesehen hätten die Temperaturen von Land und Ozeanen im gerade abgelaufenen Jahrzehnt 0,54 Grad über dem langjährigen Mittel gelegen, heißt es beim NCDC. Dieser Wert lag weit über dem der neunziger Jahre, als ein weltweites Durchschnittsplus von 0,36 Grad zu verzeichnen war. "Wenn ich über die Dekade mittele, ist das vollkommen unstrittig", sagt Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Frage ist aber, ob wir auch innerhalb der Dekade einen Trend haben." Zum Beispiel sei es wichtig, ob die Berechnung im Jahr 2000 oder im Jahr 2001 beginne.

Das wärmste Jahr des abgelaufenen Jahrzehnts war nach den Aufzeichnungen der NCDC-Forscher 2005 mit Durchschnittstemperaturen von 0,62 Grad über den normalen Werten. Und auch im vergangenen Jahr habe es eine massive Abweichung nach oben gegeben. Sie lag bei 0,56 Grad - damit liegt 2009 zusammen mit 2006 auf Platz fünf der NCDC-Temperatur-Rekordliste. Eine Auswertung der Nasa sieht 2009 dagegen als zweitwärmstes Jahr an, zusammen mit 2007. Auf der Südhalbkugel sei das vergangene Jahr sogar das wärmste überhaupt gewesen.

7200 Stationen an Land, Schiffe, Messbojen

"Anzeichen für eine nennenswerte Abschwächung des Erwärmungstrends gibt es keine", schreibt der Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) deshalb in seinem Blog. Die Nasa-Forscher um James Hansen, Chef des Goddard Institute for Space Studies (GISS), verwenden in ihrem Artikel beinahe dieselbe Formulierung.

Gemessen werden die Wetterdaten von rund 7200 Stationen an Land sowie Schiffen und Messbojen in den Ozeanen. Doch weil zwischen den Messpunkten oft große Lücken klaffen, sind die Informationen nicht so präzise, wie es sich viele Forscher wünschen. Für Analysen werden normalerweise zwei Datensätze verwendet. Einer davon stammt vom GISS, der andere von der Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia, die durch den Diebstahl von Forscher-E-Mails weltweit in die Schlagzeilen geraten ist.

Die zweite Sammlung von Beobachtungsdaten, im Fachjargon HadCRUT genannt, zeigt in der Tat einen geringeren Erwärmungstrend. Nach Ansicht der Wissenschaftler um Hansen liegt das aber vor allem daran, dass bei dieser Betrachtung die Arktis außen vor gelassen wird - und gerade sie erwärmt sich besonders stark.

Schon im Dezember, pünktlich zur Klimakonferenz von Kopenhagen, hatte die Uno-Meteorologiebehörde WMO erklärt, das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends sei so warm ausgefallen wie kein anderes seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Doch nicht nur global machte sich ein Plus bemerkbar. Auch gesonderte Auswertungen für Deutschland bestätigten den Trend. Der Deutsche Wetterdienst erklärte, der Zeitraum 2000 bis 2009 sei wärmer gewesen als alle anderen Dekaden seit mindestens 1880.

"Jeder weiß, dass es einen langfristigen Erwärmungstrend gibt"

Die Diskussion über eine mögliche Erwärmungspause ist daher vor allem eine emotionale: Quasi kein ernstzunehmender Forscher zweifelt daran, dass sich unser Planet langfristig aufheizt, weil die Menschheit immer mehr Treibhausgase ausstößt. "Jeder weiß, dass es einen langfristigen Erwärmungstrend gibt", sagt Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) in Kiel zu SPIEGEL ONLINE.

Rahmstorf aber triumphiert: "Es wäre ein schöner Dienst an der Öffentlichkeit und der Wissenschaft, wenn die Kieler und Hamburger Kollegen einmal über ihre Schatten springen und öffentlich sagen würden, dass ihre Abkühlungsprognose falsch war", schreibt der PIK-Forscher nun in seinem Blog. Doch Latif sieht dafür keinen Grund: "Ich warte bis 2015 ab, dann schauen wir uns an, wie sich die ganze Sache entwickelt hat."

Unter Klimaskeptikern sorgt unterdessen eine aktuelle Publikation für Furore. Stephen Schwartz vom Brookhaven National Laboratory versucht im "Journal of Climate" zu ergründen, warum die Erwärmung der Erde nicht sogar stärker ausfällt als bisher zu beobachten - und spekuliert dabei unter anderem darüber, ob unser Planet vielleicht weniger anfällig für eine Aufheizung durch CO2 sein könnte als bisher vom Weltklimarat (IPCC) angenommen.

Latif plädiert unterdessen dafür, bei Diskussionen über den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel möglichst nicht zu kleinteilig zu argumentieren: "Kurze Zeiträume zu betrachten ist unwissenschaftlich." Und sein Hamburger Kollege Marotzke stellt klar: "Es soll keiner kommen und sagen: Die globale Erwärmung ist nicht da." Der Streit um eine mögliche Atempause beim Temperaturanstieg sei "kein Argument gegen die Realität des menschgemachten Klimawandels".

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1. ...
Schalke 20.01.2010
Komisch! Bis letztens hieß es sogar noch von Seiten der Klimafritzen, daß es seit 1999 wieder kühler wird. Latif hat diese Phase ja im Nachgang "vorhergesagt". Jetzt auf einmal ist das letzte Jahrzehnt das wärmste? Die Tage kam im Radio, daß der Januar trotz wieder gestiegener Temperaturen der kälteste seit 110 Jahren gewesen sein könnte. Was denn nun? Dieses Hü und Hott spricht immer mehr dafür, daß jetzt verzweifelt alles ausgegraben wird, um einen anthropogenen Klimawandel zu beweisen.
2. 5 Klimaforscher = 6 Meinungen?
spiegel-hai 20.01.2010
Zitat von sysopMacht die Erderwärmung tatsächlich Pause? US-Forscher haben jetzt eine Studie mit eindeutiger Botschaft vorgelegt: Der Klimawandel geht nach ihrer Ansicht ungebremst weiter. Das vergangene Jahrzehnt, so sagen sie, war sogar das wärmste seit Beginn der Messungen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,673025,00.html
auch diese "Botschaft" wird den Weg alles Irdischen gehen. Immerhin trompeten sie nicht gleich eine neue "Wahrheit" in die Welt sondern eine "Ansicht" - Vorsicht ist die Mutter der Prozellankiste.
3. Mach mal Pause
plopp! 20.01.2010
Mögen sich die Herren Wissenschaftler an ihren Studien berauschen und sich freuen, wenn sie sagen können "Ätsch, ich hatte doch recht, es wird wärmer!" Meine bescheidenen Untersuchungsergebnisse der letzten drei Wochen zeigen eindeutig: zumindest in diesem Zeitraum hat die Klimaerwärmung eine Pause gemacht. Oder ist da jemand anderer Meinung?
4. Politik und Medien brauchen die Klima-Apokalypse
AntiTaliban 20.01.2010
Der Markt ist für die Presse härter geworden. Da nicht jeden Tag ein großes Erdbeben passiert, bietet sich die angebliche Klimakatstrophe zum Ausschlachten an. Politiker wie Gore und Merkel benötigen die Klima-Apokalypse, um sich selbst in Szene zu setzen. Und die Klimaforscher? Ohne die mediale Aufregung gäbe es weniger Geld. Die Institute wären in ihrer Existenz bedroht. Wer würde da nicht schwach werden ... Also stehen Klimaforscher und Politiker unter gewissen Zwängen. Wer an eine von selbslosen Protagonisten geführte Klimadebatte glaubt, glaubt wohl auch an den Weihnachtsmann.
5. Nichts Neues.
Klo 20.01.2010
Zitat von sysopMacht die Erderwärmung tatsächlich Pause? US-Forscher haben jetzt eine Studie mit eindeutiger Botschaft vorgelegt: Der Klimawandel geht nach ihrer Ansicht ungebremst weiter. Das vergangene Jahrzehnt, so sagen sie, war sogar das wärmste seit Beginn der Messungen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,673025,00.html
Es steht hinsichtlich der Klimaforschung nichts neues in dem Artikel. Quasi alles wurde von mir in den hiesigen Foren bereits belegt. Das Klo.
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IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.

Fotostrecke
Himalaja: Streit über Gletscherschmelze
Die weltweit wärmsten Jahre seit 1880
Rang Jahr Abweichung vom globalen Durchschnitt
1 2005 0,62 Grad
2 1998 0,60 Grad
3 2003 0,58 Grad
4 2002 0,57 Grad
5 2009 0,56 Grad
5 2006 0,56 Grad
7 2007 0,55 Grad
8 2004 0,54 Grad
9 2001 0,52 Grad
10 2008 0,48 Grad
10 1997 0,48 Grad
Quelle: National Climatic Data Center (Stand Jan. 2010)