Klimagipfel in Cancun Politiker ringen um Urwald-Abholzungsstopp

Waldschwund ist der zweitwichtigste CO2-Verursacher - wie bringt man ärmere Länder dazu, ihre Urwälder zu bewahren? In Cancún suchen Politiker fieberhaft nach finanziellen Anreizen. Ein Schutzabkommen scheint möglich. Aber noch sind wichtige Fragen umstritten.

Aus Cancún berichtet

REUTERS

Wer sich mit dem Flugzeug dem Tagungsort des Uno-Weltklimagipfels in Cancún nähert, der sieht es vor der Landung: Bis zum Horizont leuchtet das Grün auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Ein Spaziergang offenbart dann die Vielfalt des Lebens: Fledermäuse jagen unter den Baumkronen entlang, Vögel zwitschern in den Zweigen, Insekten surren und zirpen. Natürlich gewachsene Wälder wie diese sind nicht zuletzt auch ein wichtiger Speicher für Kohlenstoff. Er wird in der Biomasse gebunden und gelangt nicht in Form von Kohlendioxid in die Atmosphäre.

Auch wenn die Erwartungen an den derzeit laufenden Klimagipfel generell eher niedrig sind, könnte das Treffen doch wichtige Entscheidungen für den Schutz solch wertvoller Gebiete bringen. REDD ("Reducing Emissions from Deforestation and Degradation") nennen die Klimadiplomaten in ihrer abkürzungsgeprägten Sprache die Strategie zum Erhalt der Wälder. Im Prinzip geht es darum, ärmere Länder dafür zu bezahlen, dass sie ihre noch existierenden Baumgebiete unangetastet lassen. Das müssen sie aber auch zweifelsfrei nachweisen können, zum Beispiel mit Satellitenaufnahmen.

Diskutiert wird ein solcher Wald-Deal, der auch Naturschutzmaßnahmen umfasst, schon seit Jahren. Profitieren könnten viele Staaten, zum Beispiel Brasilien, Indonesien oder die Demokratische Republik Kongo. Vor dem Gipfel in Kopenhagen galt eine Einigung als beinahe unterschriftsreif. Doch das Chaos in den Verhandlungssälen der dänischen Hauptstadt verhinderte einen Abschluss. Immerhin wurde REDD im unverbindlichen Gipfeldokument, dem "Copenhagen Accord", erwähnt. Nun sollen also die Gespräche in Cancún den entscheidenden Schritt nach vorn bringen.

Bitter nötig ist er allemal: Entwaldung ist nach Uno-Schätzungen Schuld an etwa 18 Prozent des weltweiten Ausstoßes an Treibhausgasen. In Ländern wie Brasilien sorgt die Abholzung immer noch für die überwiegende Menge der Emissionen - auch wenn es im Amazonas zuletzt einen positiven Trend gab. Weltweit ist der Waldschwund nach dem Energiesektor der zweitwichtigste CO2-Verursacher.

Teil eines langfristigen Klimaschutzprogramms

"Wir werden uns um unsere Wälder kümmern", versprach Mexikos Präsident Felipe Calderón am Sonntag beim "Forest Day" in Cancún, einer Nebenveranstaltung zum Klimagipfel. Die Staatengemeinschaft müsse aber auch handeln. REDD müsse Teil eines langfristigen internationalen Klimaschutzregimes werden. Die Chancen dafür stehen nicht unbedingt schlecht - auch wenn im derzeitig diskutierten Entwurf für das Gipfeldokument gerade einmal 170 von 1300 Wörtern nicht in irgendeiner Form umstritten sind.

Bei den Wäldern stehen für die weiteren Verhandlungen genau drei Textbausteine zur Auswahl. "Es hat sehr gute Fortschritte gegeben. Man ist deutlich weiter als in Kopenhagen", beschreibt Louis Verchot vom Center for International Forestry Research (CIFOR) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den Stand der Gespräche. "Es liegt vielleicht ein Text vor, auf den man sich einigen kann."

Christiana Figueres, Chefin der Uno-Klimasekretariats hatte sich bereits am Freitag optimistisch gezeigt. Die Arbeit an REDD sei "weit fortgeschritten". Man habe "einen Kompromiss erreicht" und warte nun darauf, dass sich auch in anderen Bereichen der Klimagespräche Bewegung ergebe. Das Ziel sei dann ein "ausbalanciertes Paket". Figueres, das darf man nicht vergessen, wird aber auch dafür bezahlt, zumindest etwas Optimismus zu verbreiten.

Denn nach wie vor gibt es in den Gesprächen strittige Punkte. So ist zum Beispiel nicht klar, ob nur für den Schutz alter Wälder Prämienzahlungen fließen. Das fordern viele Umweltschützer. Sonst könnten Staaten im schlechtesten Fall selbst dann Zahlungen bekommen, wenn sie Regenwälder abholzen und durch Palmenplantagen für die Ölproduktion ersetzen. Das Problem: Die Retorten-Forste haben ein viel schlechteres Speichervermögen für Kohlenstoff - ganz zu schweigen von den Emissionen, die bei der Zerstörung des Regenwaldes freigesetzt werden.

Und dann ist da die Frage, wie die Rechte traditioneller Bewohner von Waldgebieten geschützt werden. Müssen die Betroffenen in Zukunft stets um Erlaubnis gefragt werden, wenn es Änderungen bei der Bewirtschaftung des Waldes geben soll? Oder genügt es, ihnen - vereinfacht gesagt - nur kurz Bescheid zu geben? "Eine Konsultation reicht nicht aus", fordert Pablo Favias, Vizepräsident der Ford Foundation, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir brauchen ein Zustimmungsmodell." Die Lebensweise indigener Bevölkerungsgruppen sei so eng mit dem Wald verflochten, dass man unter keinen Umständen über deren Köpfe hinweg Entscheidungen treffen dürfe.

Finanzierung noch nicht geklärt

Länder wie Bolivien machen sich stark dafür, dass die Zustimmung indigener Gruppen verpflichtend wird. Saudi-Arabien opponiert vehement dagegen. Beobachter vermuten, dass sich die Saudis auf diese Weise Zugeständnisse in anderen Bereichen der Klimaverhandlungen erkaufen wollen. Zum Beispiel dringt das Öl-Land darauf, dass die Verpressung von CO2 unter die Erde, die sogenannte CCS-Technologie, in internationale Emissionshandelssysteme einbezogen wird.

Wenn auch die Urwälder in diese Systeme integriert werden, könnte das Gelder für den Waldschutz bringen. Denn wie der finanziert werden soll, ist strittig. Viele Milliarden sind dauerhaft nötig. Kurzfristig stehen genügend Mittel zur Verfügung. Das ist das Verdienst einer Gruppe von Staaten, die sich in Kopenhagen zur Zahlung von insgesamt 4,5 Milliarden Dollar bereiterklärt hatte, zum Beispiel Norwegen, Japan, Frankreich und die USA.

Doch wie soll das langfristig nötige Geld beschafft werden? Die Einbeziehung der Wälder in bereits existierende Emissionshandelssysteme, die durch das bis 2012 laufende Kyoto-Protokoll begründet werden, wäre eine relativ einfache Variante. Das würde bedeuten, dass Firmen das Recht zur Verschmutzung der Luft mit Treibhausgasen dadurch erkaufen könnten, dass sie zum Beispiel im Amazonas für den Schutz eines Regenwaldgebietes zahlen.

Länder wie die USA und Australien würden das gern sehen, doch Umweltschützer warnen vor solch einem Modell: "Waldprojekte wollen einige Länder in den Kohlenstoffmarkt einbeziehen, nicht, damit sie geschützt werden, sondern damit sie billige CO2-Zertifikate garantieren", sagt Leiter der Klimapolitik von Greenpeace, Martin Kaiser. Einen Wald einfach stehen zu lassen ist weit billiger, als einen klimaschädlich arbeitenden Industriebetrieb umzurüsten. Nötig ist aber wohl beides.

Bolivien hat in den Verhandlungen darauf gedrungen, dass Waldschutz dezidiert nicht in Emissionshandelssysteme einbezogen wird. Einer der drei aktuellen Textentwürfe enthält deswegen eine klare Absage an dieses Prinzip. Dann müssten Hilfszahlungen in vielen Fällen direkt aus den reicheren Staaten kommen - für die Empfängerländer wäre das auch praktisch, weil selbst dann Geld fließen würde, wenn es keinen Nachfolger für das Kyoto-Protokoll gäbe.

Die kommenden Tage werden zeigen, ob sich die Delegierten bei diesen Punkten verständigen können. Man hoffe zwar darauf, dass es eine Einigung beim Waldschutz gebe, sagt Frances Seymour, Chefin des Center for International Forestry Research. Im schlechtesten Fall müsse es aber auch ohne gehen: "Freiwillige Zusagen und Initiativen haben längst eine Eigendynamik entwickelt." Ein solch "nicht perfektes Ergebnis" sei immer noch besser als Untätigkeit.

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Manimal, 06.12.2010
1.
Es gibt nur ein weltweites Problem - die Überbevölkerung, aber darüber wird in Cancun ganz sicher nicht gesprochen! Solange man das aber nicht tut, kann man sch alles andere Geschwätz schenken!
endbenutzer 06.12.2010
2. Ärmere Länder?
Zitat von sysopWaldschwund ist der zweitwichtigste CO2-Verursacher - wie bringt man ärmere Länder dazu, ihre Urwälder zu bewahren? In Cancún suchen Politiker fieberhaft nach finanziellen Anreizen. Ein Schutz-Abkommen scheint möglich. Aber noch sind wichtige Fragen umstritten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,733008,00.html
Als wenn die armen Ländeer an der Abholzung der Regenwälder schuld wären. Ohne uns in den reichen Ländern würde da noch alles schön weiterwachsen.
TheBear, 06.12.2010
3. Überbevölkerung
Zitat von ManimalEs gibt nur ein weltweites Problem - die Überbevölkerung, aber darüber wird in Cancun ganz sicher nicht gesprochen! Solange man das aber nicht tut, kann man sch alles andere Geschwätz schenken!
Meine Rede. Leider ist über die Überbevölkerung zu reden nicht politically correct, weil dies ja vor allem die ärmeren Länder, allen voran Indien und viele afrikanischen Länder betrifft. Unser Planet mit etwa einer Millarde Bewohnern, immer noch genug das Überleben unserer Species zu sichern, könnte ein Paradies sein.
Spiegeleii 06.12.2010
4. So
Zitat von ManimalEs gibt nur ein weltweites Problem - die Überbevölkerung, aber darüber wird in Cancun ganz sicher nicht gesprochen! Solange man das aber nicht tut, kann man sch alles andere Geschwätz schenken!
siehts aus. Dieser Planet bietet nicht die Möglichkeit das die Menschheit unendlich wächst und ihn damit zwangsläufig bis an die Grenzen des Erträglichen ausbeutet. So eine Spezies hat die Natur nicht vorgesehen und die wird sie deshalb auch nicht ewig dulden. Und die letzten die daran was ändern sind diese maximal debilen Politiker aller Herren Länder. Hat das Merkel nicht erzählt es hat beschlossen, natürlich in einer gemeintschaftlichen Lösung das die Erdtemperatur um 2°C sinkt. Die haben einen Dachschaden, sonst nix. Die verpesten nur einmal mehr die Umwelt indem sie zu schwachsinnigen Klimakonferenzen fliegen und dort in klimatisierten Hotels wohnen.
paradiddlediddle 06.12.2010
5. Überbevölkerung?
Zitat von ManimalEs gibt nur ein weltweites Problem - die Überbevölkerung, aber darüber wird in Cancun ganz sicher nicht gesprochen! Solange man das aber nicht tut, kann man sch alles andere Geschwätz schenken!
an dem Problem wird sogar fleißig gearbeitet, Hilfsmittel zur Dezimierung der Weltbevölkerung gibt es doch auch genug: Atomwaffen Biowaffen Chemiewaffen Armut Hunger Vernichtung von Lebensgrundlagen Kriege Ausrottung Völkermord usw. usw. Weltweit 20.000 Hungertote pro Tag sind doch schon mal ein guter Anfang, oder?
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