Klimagipfel in Cancún Schachern bis zum Scheitern

Die heiße Phase des Uno-Klimagipfels in Cancún hat noch nicht begonnen, doch schon jetzt deutet sich an: Es wird kaum Bewegung geben. Vielmehr sichern sich die Delegierten ab, um im Fall eines Scheiterns nicht als Schuldige dazustehen.

Aus Cancún berichtet

Klimakonferenz in Cancún: Große Fortschritte werden nicht erwartet
AFP

Klimakonferenz in Cancún: Große Fortschritte werden nicht erwartet


Todd Stern hatte ein leichtes Spiel. Beim Uno-Klimagipfel im mexikanischen Cancún wurde der Leiter der US-Delegation gefragt, wie man das größte Hindernis auf dem Weg zu einem internationalen Abkommen überwinden könnte: den Streit um die Fortführung des Kyoto-Klimaprotokolls. "Das ist das Thema, das uns hier am fernsten liegt", sagte Stern. "Die USA sind nicht Teil des Kyoto-Protokolls." Er hätte auch kürzer antworten können: Ist nicht unser Problem.

Tatsächlich haben die USA das Kyoto-Protokoll zwar unterschrieben, aber nie ratifiziert - als einziges Industrieland der Welt. Der Streit um die Fortführung des Klimaschutzabkommens droht nun, das Treffen in Cancún im Desaster enden zu lassen - wie schon den Kopenhagen-Gipfel Ende 2009. Denn nach wie vor wirken die Fronten zwischen Industrie- und Entwicklungsländern hoffnungslos verhärtet.

Diesmal sind es vor allem Japan, Russland und Kanada, die ein Kyoto-Nachfolgeabkommen scharf ablehnen. Ihr Argument: Die Entwicklungs- und Schwellenländer, insbesondere rasant wachsende Ökonomien wie China, Indien oder Brasilien, sollen sich ebenfalls zur Senkung ihres Treibhausgasausstoßes verpflichten. Im Rahmen des Kyoto-Protokolls sind sie davon ausgenommen - und deshalb daran interessiert, den Vertrag mit möglichst geringen Änderungen fortzuführen.

Verhärtete Fronten

Wie in Kopenhagen stellen sich die Schwellenländer auch in Cancún auf den Standpunkt: Die Industrieländer haben den bisherigen Klimawandel verursacht und sind jetzt in der Pflicht, etwas dagegen zu tun. Die ärmeren Länder müssten dagegen zunächst die Chance haben, sich wirtschaftlich zu entwickeln - ohne allzu große Rücksicht auf die Umwelt nehmen zu müssen.

Auf diesem Standpunkt beharrt China weiterhin - daran ließ Pekings Unterhändler Xie Zhenhua am Montag keinen Zweifel. Sein Land werde sich seine Ziele zur Senkung des Treibhausgasausstoßes nur selbst geben, betonte Xie. Eine internationale Prüfung der Einhaltung dieser Ziele oder gar Sanktionen lehnt China strikt ab. Das Problem: China wird sich ohne Zugeständnisse der USA nicht bewegen, während die US-Regierung mehr Klimaschutz politisch derzeit nicht durchsetzen kann - in Washington herrscht politische Blockade. In der Weltklimapolitik schließt sich so der Teufelskreis.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass Länder wie Bolivien und Venezuela ebenfalls eine Fortführung des bestehenden Kyoto-Abkommens über 2012 hinaus fordern - allerdings mit teils radikaler Wortwahl. Boliviens Botschafter Pablo Solón etwa verglich die Politik der Industrieländer mit Völkermord. 300.000 Menschen kämen jedes Jahr durch die Folgen des Klimawandels ums Leben, bis 2020 könnten es eine Million pro Jahr sein. "Wenn wir über 300.000 Todesopfer reden", sagte Solon, "reden wir dann nicht über Völkermord?"

Suche nach dem Sündenbock beginnt

Nach Ansicht zahlreicher Beobachter und Delegationsmitglieder ist klar: Den großen Wurf wird es in Cancún nicht geben. Stattdessen positionieren sich die Teilnehmer bereits für die Zeit nach einem möglichen Scheitern der Konferenz - um möglichst nicht selbst als Schuldiger zu gelten.

Das war Ende 2009 Dänemark passiert: Die Führung des Kopenhagener Gipfels galt als katastrophal. Unter der Ägide des dänischen Premierministers Lars-Lokke Rasmussen hatte ein exklusiver Club einflussreicher Länder ein Abkommen ausgehandelt, das anschließend vom Plenum nur noch abgenickt werden sollte. Doch in der entscheidenden Vollversammlung verweigerten zahlreiche kleinere Staaten unter teils wütenden Protesten die Gefolgschaft - der Gipfel war gescheitert. Die Umweltorganisation Germanwatch stufte Dänemark im Klimaschutzindex 2011 prompt um 16 Plätze herab.

Mexikos Außenministerin Patricia Espinosa, Präsidentin des Klimagipfels in Cancún, will eine Wiederholung der Kopenhagen-Tragödie um jeden Preis verhindern. Niemand werde bei den Verhandlungen außen vor gelassen, sagte die Ministerin am Montag. "Es wird keinen geheimen Text und keinen parallelen Prozess geben. Alle Stimmen werden gehört."

"Die Mexikaner leisten großartige Arbeit"

Deutschlands Chefunterhändler Karsten Sach bescheinigte den Gastgebern des Gipfels in dieser Hinsicht gute Arbeit. Die Mexikaner machten "keine Stockfehler" und agierten äußerst vorsichtig. Ähnlich äußerte sich Alden Meyer vom US-Forscherverband Union of Concerned Scientists: "Die Mexikaner leisten großartige Arbeit. Das erhöht den Druck auf die Teilnehmer, bis zum Ende der Woche etwas vorzuweisen."

Und es bedeutet auch, dass Mexiko im Falle eines Scheiterns des Cancún-Gipfels wohl nicht den Sündenbock spielen müsste. Die Top-Kandidaten für diese Rolle sind derzeit die Verbalradikalen Japan und Bolivien. Die Amerikaner und Chinesen verstehen es hingegen inzwischen meisterhaft, in der Sache hart zu bleiben, im Ton aber konziliant zu klingen. "Es könnte ein funktionierendes Ergebnis mit Entscheidungen in allen wichtigen Bereichen geben", sagte US-Unterhändler Stern. "Aber ich kann nicht vorhersagen, ob wir es erreichen."

Bisher haben sich die Staaten nicht einmal darauf geeinigt, die freiwilligen Selbstverpflichtungen festzuschreiben, die sie im Rahmen des "Kopenhagen-Akkords" geleistet haben - und die nicht besonders ambitioniert sind. Selbst wenn alle Staaten ihre Zusagen einhielten, würde sich die Atmosphäre nach Ansicht von Experten immer noch um 3,5 bis 4,5 Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten aufheizen. Wissenschaftler glauben jedoch, dass eine Begrenzung auf zwei oder sogar 1,5 Grad notwendig ist, um potentiell katastrophale Folgen zu vermeiden.

Momentan aber ist völlig unklar, wie es zu einer Einigung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern kommen könnte. Die Verhandlungsführer haben bisher offenbar keine Lösung, aber sie bewundern das Problem. "Die Positionen sind diametral gegensätzlich", sagte Christiana Figueres, Chefin des Uno-Klimasekretariats, am Montag. Auch der deutsche Chefunterhändler Sach räumt ein, dass die Standpunkte Japans und der Entwicklungsländer "nicht kompatibel" seien.

Zumindest eines scheint festzustehen: Einen Plan B gibt es nicht. Auf die Frage, was ein Scheitern des Cancún-Gipfels für die internationalen Klimaschutzverhandlungen bedeuten würde, sagte Sach: "Ich bin zuversichtlich, dass das hier nicht scheitert."

Mit Material von Reuters

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
weisser, 07.12.2010
1. ....die Fronten sind einfach da
Zitat von sysopDie heiße Phase des Uno-Klimagipfels in Cancún hat noch nicht begonnen, doch schon jetzt zeichnet sich ab: Es wird kaum Bewegung geben. Vielmehr sichern sich die*Delegierten schon jetzt ab, um im Fall eines Scheiterns nicht als Schuldige dazustehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,733204,00.html
Natürlich gibt es keine Bewegung, denn siehe http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,733230,00.html
der gärtner 07.12.2010
2. Entschuldigung...
Zitat von sysopDie heiße Phase des Uno-Klimagipfels in Cancún hat noch nicht begonnen, doch schon jetzt zeichnet sich ab: Es wird kaum Bewegung geben. Vielmehr sichern sich die*Delegierten schon jetzt ab, um im Fall eines Scheiterns nicht als Schuldige dazustehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,733204,00.html
...aber ist dieses Treffen wirklich wichtig? Bei allen Göttern, ich kann mir nicht vorstellen das dieses Treffen jemand ernst nimmt. Aber was solls: In Mexico ist das Bier warm und die Prostituierten billig....
dijan1601 07.12.2010
3. was das Spesenkonto hergibt...
Die Story vom "menschengemachten Klimawandel" ist doch ein alter Hut.Seit "Climagate" und anderen Vorgängen weiß doch Jeder, dass alles aufgeblasen und gelogen ist.Die Amis haben ihre CO-Börse geschlossen, da der Zertifikatehandel nicht mehr so läuft wie gedacht.Nur die Europäer und allen voran wir haben es noch nicht gemerkt, dass der Kaiser nackt ist.Da werden Konferenzen abgehalten (die man online machen könnte) und um die Welt geflogen.Hauptsache ein paar schöne Tage auf Kosten Anderer.
ekel-alfred 07.12.2010
4. Dicke Luft?
Zitat von sysopDie heiße Phase des Uno-Klimagipfels in Cancún hat noch nicht begonnen, doch schon jetzt zeichnet sich ab: Es wird kaum Bewegung geben. Vielmehr sichern sich die*Delegierten schon jetzt ab, um im Fall eines Scheiterns nicht als Schuldige dazustehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,733204,00.html
Das ist wie beim Beamten Mikado. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren... Tröstlich ist, dass die Amis und die Chinesen diesen Planeten ebenso wenig verlassen können, wie der Rest der Welt. Wenn wir also draufgehen, dann wenigstens alle. Der Point of no return ist eh längst überschritten.
TheBear, 07.12.2010
5. Ohne Fakten geht gar nichts
Zitat von sysopDie heiße Phase des Uno-Klimagipfels in Cancún hat noch nicht begonnen, doch schon jetzt zeichnet sich ab: Es wird kaum Bewegung geben. Vielmehr sichern sich die*Delegierten schon jetzt ab, um im Fall eines Scheiterns nicht als Schuldige dazustehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,733204,00.html
... und das ist ganz normal. Es fehlen nämlich die Fakten, wenn man unter *Fakten folgendes versteht: Die Umweltzerstörung betreffenden Zahlen für jeden Staat, die von allen anderen Staaten als wahr akzeptiert werden.* Ich benutze hier den Begriff "Umweltzerstörung" anstelle von "Klima", weil es unsinnig ist, sich nur um das Klima zu kümmern. Die Fakten zu haben ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Wenn man sie nicht kennt, geht gar nichts. Wenn man sie kennt, fängt die Diskussion ja erst an.
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