SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. November 2012, 06:13 Uhr

Uno-Gipfel in Doha

Klima sucht Retter

Von

Beim Uno-Gipfel in Katar soll in dieser Woche das Klima gerettet, die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt werden. Doch Experten glauben nicht an einen Erfolg. Selbst die Europäer, die die Verhandlungen lenken könnten, gehen mit schlechtem Beispiel voran.

Die Zahlen sind eindeutig. Eindeutig desaströs. In seinem "Emissions Gap Report 2012" rechnet das Uno-Umweltprogramm (Unep) vor, wie katastrophal die Welt bisher beim Klimaschutz versagt hat: Allein seit dem Jahr 2000 sind die CO2-Emissionen um rund 20 Prozent gestiegen, das haben 55 Forscher aus mehr als 20 Ländern nachgerechnet. Man muss sich klar machen: Im gleichen Zeitraum hat ein knappes Dutzend Weltklimagipfel stattgefunden - auf denen Politiker gebetsmühlenartig die Gefahr beschworen und zum Handeln gemahnt haben.

Das Problem: Pro Jahr bläst die Menschheit Treibhausgase im Umfang von 50 Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Und weil viele Leute mit dieser Zahl wohl wenig anfangen können: Das sind 50.000.000.000.000 Kilogramm, jedes Jahr. Nach der Wirtschafts- und Finanzkrise legen die Emissionen gerade wieder munter zu.

Vor diesem Hintergrund beginnt im Golfstaat Katar nun am Montag der insgesamt 18. Weltklimagipfel. Dass die Gastgeber der Staat mit dem weltweit höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf sind - geschenkt. Dass sich Oppositions- und Regierungspolitiker, Umweltschützer und Industrievertreter mit den erwartbaren Statements zu Wort melden - ebenfalls. Die entscheidende Frage für den Gipfel in Doha bleibt ganz simpel: Was tut die Menschheit gegen die Gefahren eines gefährlichen Klimawandels? Nur mit Reden, so viel steht fest, lässt sich nicht mal eben kurz die Welt retten.

Wie kommen die Verhandlungen voran? Wer blockiert?

"Das aktuelle Tempo des internationalen Klimaschutzes ist absolut unzureichend, um das angestrebte Zwei-Grad-Ziel tatsächlich zu erreichen", warnt Umweltminister Peter Altmaier (CDU) unmittelbar vor dem Gipfel. "Wir müssen versuchen, die Trendumkehr zu schaffen. In Deutschland haben wir sie schon erreicht, in anderen Regionen sind wir davon noch kilometerweit entfernt."

Weder die USA noch Länder wie China oder Indien haben in den vergangenen Jahren Interesse gezeigt, beim Klimaschutz global voranzugehen. In Washington konnte US-Präsident Barack Obama größeres Engagement nicht in der heimischen Politik durchsetzen. Auch nach der Wiederwahl lässt er Enthusiasmus vermissen. Von der neuen chinesischen Führung wird einstweilen auch wenig zu erwarten sein, sie muss ihre Linie noch finden. Die Schwellenländer verweisen generell auf ihren weiter bestehenden Aufholbedarf - und darauf, dass die klassischen Industrieländer aus der Vergangenheit noch eine CO2-Schuld haben. Für die Zeit, in der sie die Atmosphäre allein verpestet haben.

Ein globaler Klimavertrag soll bis 2015 ausgehandelt sein und fünf Jahre später in Kraft treten. Das ist erstens eine optimistische Vorstellung, zweitens lange hin - und drittens müssten nach den Unep-Berechnungen die globalen Emissionen bis dahin ihren Höhepunkt schon erreicht haben. "Entscheidend ist, dass alle Staaten eigenverantwortlich vorarbeiten", sagt Regine Günther von der Umweltorganisation WWF.

Die Erwärmung soll unter zwei Grad bleiben - wie realistisch ist das?

Wissenschaftler haben immer wieder gewarnt, dass bei einer stärkeren Erwärmung von mehr als zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter die Folgen des Klimawandels nicht kontrollierbar sind. Doch seit Anfang des Jahrhunderts sind die Temperaturen im Schnitt bereits um 0,7 Grad gestiegen. Viel Spielraum bleibt also nicht, während die Emissionen von Rekord zu Rekord eilen.

Forscher warnen, dass das Ziel wohl kaum mehr als eine Träumerei ist. Die Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius zu begrenzen, sei "politisch kaum durchsetzbar", warnt daher Jochem Marotzke, der Vorsitzende des Deutschen Klimakonsortiums, im SPIEGEL. Selbst ein Drei-Grad-Ziel "wäre natürlich weltweit mit gewaltigen Anstrengungen verbunden", so der Chef des Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Es stelle sich die Frage, "ob es gute Politik ist, unerreichbare Ziele zu proklamieren".

Dagegen mahnt EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard in geübter Art und Weise: "Sollten wir das Ziel nicht erreichen, wird es für alle von uns sehr viel teurer, als wir es uns heute ausmalen können." Doch noch nicht einmal die Europäer haben es geschafft, sich vor dem Gipfel auf ehrgeizige Klimaschutzziele zu einigen.

Kann Europa die zähen Verhandlungen voranbringen?

Die EU wird nicht der Retter der Klimaverhandlungen werden, weil sie nicht mit positivem Beispiel vorangehen. Bisher haben sich die Europäer verpflichtet, ihre Emissionen bis 2020 um 20 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Zwischenzeitlich hatten sie signalisiert, dass 30 Prozent denkbar wären - wenn andere Staaten mitziehen, notfalls vielleicht aber sogar allein. Doch von dieser Idee wollen sie nun nichts mehr wissen.

Neben osteuropäischen Staaten - mit Polen als Sprachrohr - verhindert das auch Deutschland: Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) stellte sich zuletzt offen gegen seinen Kabinettskollegen Altmaier. Durch die schwarz-gelbe Zankerei würden sich Berlins Diplomaten bei der entscheidenden Abstimmung in Brüssel wohl enthalten müssen. Röslers Widerstand komme "wie Kai aus der Kiste", klagt Christoph Bals von der Umweltorganisation Germanwatch. Noch im Mai habe der Minister einem regierungsinternen Kompromiss zugestimmt.

Dabei hat die EU das 20 Prozent Ziel de facto schon erreicht - für die nächsten acht Jahre gäbe es damit kaum Anreize, überhaupt etwas für den Klimaschutz zu tun. Außerdem haben die Europäer ein Problem, sich wie auf dem Klimagipfel von Durban als Partner der am stärksten betroffenen Staaten zu präsentieren. Weil sie selbst nicht zu Potte kommen.

Was ist vom Gipfel in Doha zu erwarten?

Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik warnt: "Das Zwei-Grad-Ziel muss dringend fallengelassen werden. Eine Phantomdiskussion, wie sie in Doha wieder zu befürchten sei, verstelle nur den Blick auf pragmatische Lösungen. Man käme, so sagt Geden, beim Kampf gegen die Erderwärmung weiter, wenn einzelne Länder, aber auch Unternehmen oder Städte sich verbündeten.

Die Diskussion um das Zwei-Grad-Ziel darf aber auch nicht den Blick aufs Wesentliche verstellen: Der Klimawandel muss bekämpft werden - und dafür sind solche Bündnisse wohl beinahe zwingend nötig. Denn im Verhandlungsprozess selbst passiert zu wenig. In Doha wird vermutlich die Verlängerung des Kyoto-Protokolls beschlossen werden. Doch das umfasst überhaupt nur 15 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen - weil Staaten wie USA, Russland, Kanada, Japan und Neuseeland nicht dabei sind. Von Ländern wie China oder Indien ganz zu schweigen, die auf ihren Status als Entwicklungsland pochen.

"Es gibt abseits der internationalen Verhandlungen gerade weltweit interessante Entwicklungen, etwa bei Emissionshandelssystemen in Kalifornien, China oder Australien", hofft Umweltminister Peter Altmaier. "Wir leisten unseren Beitrag, indem wir das europäische Emissionshandelssystem funktionsfähig halten." Auch das ist eher ein Versprechen. Die Vorschläge von Kommissarin Hedegaard, wonach ein Teil der überschüssigen CO2-Zertifikate aus dem Markt genommen werden soll, sind noch längst nicht verabschiedet.

Was passiert, wenn es wieder keine Fortschritte gibt?

Im Zweifelsfall sollten die Klimadiplomaten vor dem Gipfel in Katar vielleicht noch einmal einen Blick auf dem Climate Action Tracker werfen. Dieser Index von Climate Analytics, Ecofys und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zeigt, wo die Welt mit den aktuellen Klimaschutzzusagen der Staaten landet: Im Moment steht das Thermometer auf einem Plus von 3,3 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.

Was das konkret bedeuten, haben die Organisationen gerade für die Weltbank aufgeschrieben. Die Szenarien sind geradezu apokalyptisch: Überflutete Küstenstädte, verheerende Wirbelstürme, massive Dürren.

Es ist vielleicht kein netter Lesestoff für die Delegationen auf dem Weg nach Katar - aber ein nötiger.

Dem Autor auf Twitter folgen:

Mit Material von dpa

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH