Klimagipfel in Mexiko CO2-Dealer fürchten das Cancún-Debakel

Die Lage ist verfahren, die Gespräche sind zäh: In Cancún ringen die Staaten um ein neues Klimaabkommen. Doch was passiert, wenn der Gipfel scheitert? Vor allem dem globalen Emissionshandel droht dann das Aus - eines der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen die Erderwärmung wäre gefährdet.

Stahlwerk in Zentralasien: Ringen um den Klimaschutz
REUTERS

Stahlwerk in Zentralasien: Ringen um den Klimaschutz

Aus Cancún berichten und


Der norwegische Premierminister Jens Stoltenberg gilt als Primus der internationalen Klimapolitik. Als einer der ganz wenigen Staatschefs traute er sich zur Weltklimakonferenz nach Cancún - auch wenn das Risiko groß ist, dass der Gipfel scheitert.

Stoltenberg hat eine Milliarde Dollar lockergemacht für Waldschutzprojekte. Vor allem aber verspricht er als erster Premier eines westlichen Industrielandes, dass sein Land klimaneutral werden wird. Im Jahre 2030 soll es so weit sein. Zwar wird sein Land auch dann nicht aufgehört haben, Kohlendioxid auszustoßen - der Rest der Treibhausgasemissionen soll stattdessen mit Klimaschutzprojekten in anderen Ländern gegengerechnet werden.

Doch selbst der Musterknabe ist von seiner Mission in Mexiko zusehends nicht mehr überzeugt: "Wenn der ganze Prozess hier zusammenbricht, dann haben auch wir nicht die Möglichkeiten mehr, klimaneutral zu werden", gesteht der Staatschef im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Langsam beschleicht nicht nur Stoltenberg ein ungutes Gefühl: Wie er fürchten die vielen hundert Delegierten, dass mit einem Scheitern von Cancún fast alles zur Disposition stehen könnte, was die Welt sich in den vergangenen Jahren ausgedacht hat, um die Verschmutzung der Erdatmosphäre mit Kohlendioxid zu reduzieren.

"Die Industrie braucht Verlässlichkeit"

Mechanismen wie der Handel mit Emissionszertifikaten, aber auch Institutionen wie das Klimasekretariat der Uno in Bonn hängen in ihrer Existenz am sogenannten Kyoto-Protokoll, dem einzigen globalen, rechtsverbindlichen Klimaschutzvertrag. Das Protokoll läuft Ende 2012 aus. Ein Nachfolgeabkommen zu verabschieden, ist durch die aktuelle verfahrene Lage in den Verhandlungen in schier unerreichbare Ferne gerückt.

"Die Industrie braucht aber Verlässlichkeit für ihre Planungen", sagt etwa Henry Derwent, Präsident der Internationalen Emissionshandelsvereinigung. Der Lobbyist kämpft in den vielen Wirtschaftsforen dieser Mammutkonferenz dagegen, dass sie ohne ein rechtsverbindliches Abkommen endet.

Für diesen Fall fürchtet er nicht nur psychologische Folgen für die Kohlendioxid-Handelsmärkte. Die haben der globalen Konjunkturkrise verblüffend gut standgehalten. Während die Wirtschaftsleistung weltweit schrumpfte, wuchs das Gesamtvolumen des Kohlendioxidmarkts auf 103 Milliarden Euro, wie die Weltbank im Mai 2010 vorrechnete. Der Motor des Wachstums war der Emissionshandel in der EU, der allein einen Umfang von 89 Milliarden Euro erreichte. Insgesamt wurden 2009 Zertifikate im Gegenwert von 8,7 Milliarden Tonnen CO2 gehandelt - der Kohlendioxidmarkt gilt als eine der schärfsten Waffen im Kampf gegen den Klimawandel.

Ein Scheitern der Verhandlungen in Cancún aber, fürchtet Derwent, wäre Gift für Investitionsentscheidungen von Industrieunternehmen: "Wer heute ein Kohlekraftwerk plant, der muss eine ungefähre Vorstellung davon haben, wie viel er für eine Tonne Kohlendioxidemission in 30 oder 40 Jahren zu zahlen hat."

Nur eine kleine Avantgarde bliebe übrig

Ähnlich äußert sich die Weltbank in ihrer Kohlendioxidmarkt-Studie. Schon das Scheitern der Klimakonferenz von Kopenhagen Ende 2009 habe "das Gefühl der Unsicherheit über die Zukunft der globalen Emissionsreduzierung vertieft", heißt es in dem Papier. Die zahlreichen Schwierigkeiten bei der Regulierung des Emissionshandels drohten "das langfristige Interesse wichtiger Akteure bei der Finanzierung des Kohlendioxidgeschäfts zu untergraben".

Auch Jonathan Shopley, geschäftsführender Direktor der Emissionshandels-Unternehmensberatung The CarbonNeutral Company, ahnt Ungemach für den volatilen Handel mit dem flüchtigen Gas. Zwar würde sich der globale Kohlendioxidmarkt nicht in Luft auflösen, sollte der Gipfel in Cancún im Desaster enden - aber es bliebe wohl nur eine kleine Avantgarde übrig. "Nur fünf bis zehn Prozent der Unternehmen würden sich dann noch am Emissionshandel beteiligen", meint Shopley. "Der Handelsmarkt würde in kleine Teile zerfallen."

Die Industrie jedenfalls plant bereits für die Zeit nach dem Misslingen der Uno-Verhandlungen. "Wir haben auf der ganzen Welt Unternehmensführer befragt, und alle erwarten nichts mehr von der Klimapolitik der Vereinten Nationen." Diese bittere Bilanz zieht Mauricio Bermudez-Neubauer, Direktor für Kohlendioxidmärkte bei der internationalen Unternehmensberatung Accenture, der eine entsprechende Studie diese Woche in Cancún vorgestellt hat.

Uno-Studie warnt vor Lücke nach Auslaufen des Kyoto-Vertrags

Die Politik scheint die Dramatik noch nicht ganz erkannt zu haben - oder aber blendet sie wissentlich aus. So sagte die Chefverhandlerin der Uno, Christina Figueres, man habe noch Zeit bis zum nächsten Klimagipfel im südafrikanischen Durban. Dort könne man einen Folgevertrag zum Kyoto-Prozess verabschieden. In Cancún, so beeilen sich Politiker wie auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen zu versichern, gehe es erst einmal um Teillösungen.

Doch um zu erkennen, wie sehr die Zeit drängt, hätte Figueres nur eine Studie ihrer eigenen Behörde lesen müssen. Die Juristen des Uno-Klimasekretariats UNFCCC haben in diesem Sommer das komplizierte Vertragswerk seziert, das 1997 in Kyoto beschlossen und erst 2005 in Kraft getreten war. In der 14-seitigen Abhandlung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, warnen sie vor einer Lücke, die dadurch entstehen könnte, dass nicht rechtzeitig ein Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll beschlossen wird.

Denn selbst wenn das in Cancún gelingt, wird es extrem eng. Mindestens drei Viertel der 143 Staaten, die damals den Kyoto-Vertrag unterschrieben haben, müssten ein wie auch immer geartetes, rechtsverbindliches Nachfolgeabkommen bis Ende 2012 unterzeichnen, damit es in Kraft treten kann. "Beim letzen Mal hat das volle acht Jahre gedauert", sagt der Klimaökonom Reimund Schwarze vom Climate Service Center in Hamburg, der als Beobachter in Mexiko mit dabei ist. Selbst Deutschland hat fünf Jahre für die Ratifizierung gebraucht.

Zeitplan kaum einzuhalten

Käme sogar erst im Dezember 2011 im südafrikanischen Durban ein rechtskräftiger Beschluss für einen zweiten Kyoto-Vertrag zustande, dann würde das "einen extrem beschleunigten Zeitplan" für die Ratifizierung erfordern, so steht es in dem Gutachten. Die Rechtsgelehrten spielen deshalb schon juristische Winkelzüge durch, wie der Kyoto-Vertrag einige Jahre gestreckt werden könnte. Sie bemühen eine Art völkerrechtlichen Notfallplan aus den sechziger Jahren.

Mit seiner Hilfe soll der mühsame Ratifizierungsprozess abgekürzt werden. "Das müsste auf einer Weltklimakonferenz wie hier in Cancún formell beschlossen werden", erläutert Schwarze, "doch von einem Vorstoß in diese Richtung ist in den Verhandlungen weit und breit nichts zu sehen."

Ein Zusammenbruch des einzigen real existierenden Klimaschutzabkommens hielte Volkswirtschaftler Schwarze für extrem schädlich: "Selbst der europäische Emissionshandel, der auf EU-Ebene rechtlich verankert ist, leitet sich aus Kyoto ab." Schwarze warnt vor einem Zerreißen des fragilen Netzwerks aus Einsparmechanismen. Die Preise von Emissionszertifikaten der EU seien mit jenen der Uno verschränkt.

Bei Letzteren handelt es sich um den sogenannten Clean Development Mechanism (CDM), eine Art Ablasshandel zum Schutz des Klimas: Industrieländer können Projekte in Entwicklungsländern fördern - etwa die Einführung von Solarkochern in Indien - und sich auf diese Art Emissionszertifikate verschaffen.

Würden durch den Kollaps des Kyoto-Vertags die CDM-Papiere ihrer rechtlichen Grundlage beraubt, würden die Emissionshandelsbörsen unter schweren Druck kommen. Schwarze vergleicht das mit der Diamantenbörse. "Die hätte auch ein Problem, wenn es auf einmal keine Diamanten mehr auf der Welt gäbe."

"Wie ein Tropfen Quecksilber"

Andere Experten hoffen darauf, dass die Emissionshandelsbörsen robust genug sind, dem Zusammenbruch der Uno-Klimapolitik zu trotzen. "Die Emissionsbörsen jedenfalls haben das Scheitern von Cancún schon in die Kurse der Emissionszertifikate eingepreist", sagt Lobbyist Derwent. Er baut darauf, dass die Welt auch nach Kyoto noch für den Klimaschutz kämpfen wird - und erinnert an freiwillige Maßnahmen, etwa die gerade eröffnete Emissionshandelsbörse im US-Bundesstaat Kalifornien oder geplante etwa in Südkorea.

Auch Shopley glaubt, dass Unternehmen weiterhin mit CO2-Zertifikaten handeln würden. "Durch ein Scheitern der Verhandlungen in Cancún würde das Thema ja nicht einfach verschwinden", sagt der britische Unternehmensberater. Allerdings fände der Handel dann wohl auf vielen unterschiedlichen nationalen und regionalen Märkten statt, die erst später wieder zusammenwachsen würden. "Das ist, als ob ein großer Tropfen Quecksilber auf den Boden fällt", erklärt Shopley. "Erst streben die Kügelchen auseinander, aber nach einer Zeit verschmelzen sie wieder."

Diesen Optimismus teilen jedoch nicht alle Fachleute. Vor einem Flickenteppich ohne weltweiten Rechtsrahmen graut es der Industrie, wie die Accenture-Umfrage unter Wirtschaftsbossen eindeutig ergeben hat. "Die Folge solcher Insellösungen ist, dass die Konzerne ausweichen an Orte, wo ihnen keine Belastungen aus dem Emissionshandel entstehen", sagt Unternehmensberater Bermudez-Neubauer.

Deshalb fordern die befragten Konzernchefs fast unisono, dass ein System aus Einfuhrzöllen entstehen muss, die jene Wettbewerbsnachteile für die betroffenen Firmen ausgleicht. In den Verhandlungen von Cancún spielt dieses Thema überhaupt keine Rolle. Wie auch? Denn dann würden sich die emsigen Klimaretter bereits vor dem Ende des Treffens das eigene Scheitern eingestehen.

In Cancún hat Bermudez-Neubauer in vielen Gesprächen versucht, den Delegierten diesen Gedanken beizubringen - mit rhetorischem Fingerspitzengefühl. Zölle, säuselte der Consultant, seien "die zweitbeste Lösung".

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insgesamt 122 Beiträge
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ThoRusch, 09.12.2010
1. Röttgen
Herr Röttgen sprichts endlich mal offen aus: Klima ist ein Geschäftsmodell. Es geht nicht um 2 Grad oder den Anstieg der Meere (ohnehin alles Unsinn), es geht ums Geschäft. Na also, war doch gar nicht so schwer, das mal zu kommunizieren.
kunibertus 09.12.2010
2. Cancun
Kann mal jemand ausrechnen, wieviele kt CO2 durch die Reisetätigkeit nach Cancun in die Luft geblasen worden sind. Dann kann man evtl. einen Kosten-Nutzen-Vergleich von solchen politischen Schauveranstaltungen machen.
tobi_g 09.12.2010
3. eines der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen die Erderwärmung wäre gefährdet
Wie bitte? Haben Sie sich einmal ausgiebig über die tatsächlichen Vorgänge beim Zertifikatehandel informiert? Ich kann Ihnen da als schnelle Infoquelle die letzte Ausgabe der GEO ans Herz legen. Nach der Lektüre des entsprechenden Artikels sehen Sie die Dinge vielleicht etwas anders. Zurzeit ist der Zertifikatehandel nämlich das größte Übel im Kampf gegen die Erderwärmung: Die größten Umweltverschmutzer verdienen am meisten daran.
Meckermann 09.12.2010
4. Emissionshandel
Der Emissionshandelist Schwachfug, jedes Kind, das bis zwei zählen kann, weiß das. Die Missbrauchsmöglichkeiten sind endlos. Wenn der untergeht, wäre das ein Gewinn für die Umwelt.
Flensburger, 09.12.2010
5. "Verschmutzung der Erdatmosphäre mit Kohlendioxid"
Komisch, Besitzer von Aquarien lassen exra CO2 ins Wasser blubbern, damit die Wasserpflanzen besser wachsen.
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