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Klimagipfel in Paris: Unbekannte Weltpolitiker auf Rettungsmission

DER SPIEGEL

Die größte Pokerpartie der Welt geht ins Finale: Ab Montag feilschen in Paris Vertreter aller Staaten um einen Welt-Klimavertrag. Der SPIEGEL hat einflussreiche Delegierte ein Jahr begleitet. Sie ringen um jedes Wort - mit erstaunlichem Erfolg.

Am 30. November beginnt in Paris der entscheidende Uno-Klimagipfel, die "wichtigste Konferenz aller Zeiten". Es geht um nichts weniger als die Zukunft des Planeten Erde.

Trotz aller Einschränkungen nach den Terroranschlägen ist es eine Konferenz der Superlative: 150 Staats- und Regierungschefs werden zum Auftakt erwartet. Delegierte aus 196 Ländern kommen, 14.000 Vertreter von Umweltverbänden und mehr als 3000 Journalisten.

Was aber wird COP21 bringen, wie der Gipfel in der Sprache der Diplomaten genannt wird? Gelingt der große Wurf - ein internationaler Klimavertrag? Wie will die Weltgemeinschaft heute und künftig Schäden des Klimawandels kompensieren? Wie soll eine weltweite Energiewende gelingen? Wie viel Treibhausgase soll die Menschheit noch ausstoßen?

Karsten Sach, Leiter der Deutschen Delegation auf dem Uno-Klimagipfel: Die Klimaverhandlungen sind sein Lebenswerk - Sach hat großen Einfluss. Zur Großansicht
Oliver Tjaden / DER SPIEGEL

Karsten Sach, Leiter der Deutschen Delegation auf dem Uno-Klimagipfel: Die Klimaverhandlungen sind sein Lebenswerk - Sach hat großen Einfluss.

Fünf Redakteure von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE haben ein Jahr lang wichtige Akteure bei Klimaverhandlungen begleitet - das Ergebnis der ausgiebigen Recherche können Sie im aktuellen SPIEGEL lesen.

Axel Bojanowski befragte Karsten Sach, den deutschen Chef-Unterhändler, Guido Mingels besuchte den indischen Umweltminister Prakash Javadekar in Neu-Delhi, Hauke Goos beobachtete Seyni Nafo den Sprecher der Afrika-Gruppe, Samiha Shafy reiste nach Washington, um zu beschreiben, welche Argumente Leugner des Klimawandels anführen.

Ullrich Fichtner ließ sich von Laurence Tubiana in Paris erklären, wie man einen solchen Mammutgipfel organisiert - und weshalb sie so sicher ist, dass die Konferenz ein Erfolg wird.

Prakash Javadekar, Umweltminister Indiens: Er bremst und fordert - die alten Industrieländer seien für den Klimawandel verantwortlich. Zur Großansicht
DER SPIEGEL / Graham Crouch

Prakash Javadekar, Umweltminister Indiens: Er bremst und fordert - die alten Industrieländer seien für den Klimawandel verantwortlich.

Die Delegierten sind zugleich unbekannt und einflussreich: Sie machen Weltpolitik, aber das lieber im Verborgenen. Erfolg können sie nur gemeinsam haben, und doch verfolgen sie alle auch die Interessen ihres Landes. Die unbekannten Weltpolitiker streiten ständig ums Geld, niemand darf Schwäche zeigen - doch triumphieren darf man schon gar nicht.

Die eigentümliche Welt der Klimadiplomaten soll den Klimawandel bändigen. Sie haben das ganze Jahr um jedes Wort und jedes Komma gerungen. Obwohl die Interessen der Staaten oft vollkommen zuwiderlaufen, ist es ihnen gelungen, einen robusten Entwurf für einen Klimavertrag vorzubereiten - ein erstaunlicher Erfolg.

Laurence Tubiana, französische Sonderbotschafterin für den Klimagipfel: "Es ist ein kollektiver Lernprozess der ganzen Welt". Zur Großansicht
Oliver Tjaden / DER SPIEGEL

Laurence Tubiana, französische Sonderbotschafterin für den Klimagipfel: "Es ist ein kollektiver Lernprozess der ganzen Welt".

Sogar die USA und China sind jetzt an Bord. In Paris wollen sie die Teilung der Welt in Industriestaaten und Entwicklungsländer endgültig beenden.

Doch selbst wenn sie es schaffen, wenn sich die Weltgemeinschaft zu einem Vertrag durchringt: Die bislang vorliegenden Selbstverpflichtungen zum CO2-Ausstoß reichen nicht aus, um die Erwärmung der Erde ausreichend zu bremsen - demnach wird die Menschheit den Treibhausgasausstoß bis 2030 weiter erhöhen.

Die vielen Treffen dieses Jahres haben deutlich gemacht: Selbst für kleine Fortschritte brauchen die Verhandler enorme Ausdauer und ein großes diplomatisches Geschick.

Ob am Ende dann tatsächlich der erhoffte Weltklimavertrag zustande kommt, bleibt trotzdem ungewiss. Klimapolitik, sagt der Sprecher der Afrika-Gruppe, Seyni Nafo, ähnelt einer gewaltigen Denksportaufgabe aus Variablen, Koalitionen, Gegensätzen und Zeitdruck.

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Geplante Selbstverpflichtungen der Staaten

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1. Schade...
jjcamera 28.11.2015
Das Blöde ist, dass sich das Klima nicht an die Beschlüsse einer Klimakonferenz hält. Es sitzt nicht mit am Verhandlungstisch (die erste Konferenz dieser Art war 1979 in Genf). Vielleicht ist der Mensch doch nicht in der Lage, das Klima zu machen? Wäre ja immerhin möglich.
2. Seit zig Millionen Jahren ändert sich das Klima
kritischer-spiegelleser 28.11.2015
Und jetzt wollen ein paar "Wissenschafter" aus 200 Jahren Klimabeobachtung Schlüsse ziehen. Schon sehr mutig!
3. Kohle statt PV in Griechenland
tatsache2011 28.11.2015
Schön-Reden und Schlecht-Handeln. "Deutschland exportiert auch Kohle-Technik ins Ausland, ja sogar ganze Kohlekraftwerke. Die Unternehmen dürfen sich über tatkräftige Unterstützung der Bundesregierung freuen. Der Duisburger Konzern Hitachi Europe etwa hat von der staatlichen "Kreditanstalt für Wiederaufbau" (KfW) einen Kredit über 730 Millionen Euro erhalten, um im nordgriechischen Kohlerevier "Ptolemaida" ein neues Kraftwerk zu bauen. ... "Ohne die deutsche Hilfe wäre das Projekt nicht zustande gekommen", sagt Prof. Lazaros Tsikritzis von der Technischen Universität Kozani. Der Bergbauingenieur sieht das neue Werk, das 2019 ans Netz gehen soll, kritisch. “Es legt uns über Jahrzehnte auf die Nutzung von Kohlestrom fest”, meint Tsikritzis. Dabei liege es für Griechenland nahe, auf Sonnenenergie zu setzen. Deutschland will am Kohleboom mitverdienen." Zitat 26.11.2015 https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2015/Deutschland-exportiert-Kohlekraftwerke,kohlekraftwerk126.html
4. Der Mensch macht das Klima nicht.
Beat Adler 28.11.2015
Zitat von jjcameraDas Blöde ist, dass sich das Klima nicht an die Beschlüsse einer Klimakonferenz hält. Es sitzt nicht mit am Verhandlungstisch (die erste Konferenz dieser Art war 1979 in Genf). Vielleicht ist der Mensch doch nicht in der Lage, das Klima zu machen? Wäre ja immerhin möglich.
Der Mensch macht das Klima nicht. Das Klima existiert auch ohne Mensch. Was der Mensch macht, ist die Athmosphaere mit CO2 und Methan abfuellen. Das reicht um ein neues Zeitalter zu gestalten: Das Zeitalter des 400 ppm PLUS CO2 Gehalt der Athmosphaere. Wir duerfen alles, was wir in der Schule ueber Eiszeiten und Zwischeneiszeiten gelernt haben ueber Bord werfen. Seit es uns Menschen gibt, also seit etwas ueber 250'000 Jahren war der CO2 Gehalt der Athmosphaere nie weniger wie 220 ppm und nie mehr wie 280 ppm. Das galt bis Ende des 19. Jhd. Willkommen im neuen Menschenzeitalter des 400 PLUS CO2 Gehaltes der Athmosphaere. Klima hin oder her. mfG Beat
5.
litholas 28.11.2015
Zitat von kritischer-spiegelleserUnd jetzt wollen ein paar "Wissenschafter" aus 200 Jahren Klimabeobachtung Schlüsse ziehen. Schon sehr mutig!
Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Wissenschaftler ziehen Schlüsse aus dem Absorptions- und Emissionsverhalten von Kohlendioxid. Und 200 Jahre Klimabeobachtung bestätigen diese Schlüsse. Die "Wissenschaftler" versuchen dann, diesen Vorgang verdreht darzustellen und die Erkenntnisse herunterzuspielen.
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Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

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