Klimagipfel Kopenhagen steht auf der Kippe

Der Klimagipfel von Kopenhagen hat seine kritische Phase erreicht. Die Entwicklungsländer fordern mehr Zugeständnisse von den reichen Nationen - doch vor allem die USA stellen sich stur. Viele Delegierte sind frustriert, ein totales Scheitern des Treffens scheint möglich.

Aus Kopenhagen berichten und

AFP

Galgenhumor ist vielleicht das einzige, was Yvo de Boer derzeit noch bleibt. Als der Chef des Uno-Klimasekretariats am Dienstag den Pressesaal der Kopenhagener Klimakonferenz betritt, hat er einen Rettungsring bei sich, den er kurz zuvor von der Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam bekommen hat. "Handelt jetzt. Rettet Leben", steht darauf, und: "Tck. Tck. Tck." Ob er für ein Foto seinen Kopf durch den Ring stecken könnte, fragt einer der anwesenden Journalisten de Boer. Der Uno-Klimachef setzt ein schiefes Grinsen auf. "Ich hänge mich damit auf, wenn das hier schiefgeht."

"Das hier" - der Kopenhagener Klimagipfel - hat am Dienstag eine kritische Phase erreicht. "In den nächsten 48 Stunden müssen die Umweltminister sehr konzentriert arbeiten", sagt de Boer. Gelinge es nicht, den in den nächsten Tagen eintreffenden 130 Staats- und Regierungschefs ein handfestes Ergebnis vorzulegen, könnte der Gipfel scheitern - indem er nichts weiter hervorbringt als eine wachsweiche politische Absichtserklärung. Am Mittwochnachmittag, so hieß es im Umfeld der Delegationen, werde die dänische Konferenzleitung vermutlich einen ersten offiziellen Entwurf einer Abschlusserklärung präsentieren.

Wie verbindlich die ausfällt, war am Dienstag allerdings offener denn je. Für Ernüchterung sorgte eine Stellungnahme der US-Delegation: Das bisher von Präsident Barack Obama genannte Ziel zur Verringerung der Treibhausgas-Emissionen der USA - 17 Prozent bis zum Jahr 2020 gegenüber 2005 - werde nicht erhöht. "Ich sehe nicht, dass es eine Veränderung dieser Verpflichtung geben wird", sagte Todd Stern, Leiter der amerikanischen Delegation. Auch die Chinesen nehmen eine Blockadehaltung ein. Die bisher genannten Emissionsziele Chinas "stehen nicht zur Diskussion", sagte Pekings Klimabotschafter Yu Qintai am Dienstagabend.

Für die Verhandlungen könnte das zu einem gewaltigen Problem werden. Die Entwicklungs- und Schwellenländer fordern mit immer schärferen Worten, dass die Industriestaaten ihre bisherigen Verpflichtungen erhöhen. China warf den USA und anderen reichen Staaten vor, sie würden nicht mehr, sondern sogar weniger anbieten als zuvor. Manche Vertreter besonders vom Klimawandel bedrohter Inselstaaten sprachen gar davon, dass sie keinen "Selbstmordvertrag" unterschreiben werden.

Geschacher um Prozente und Basisjahre

Ein Teil der reichen Länder hat bereits Entgegenkommen signalisiert, wie Bundesumweltminister Norbert Röttgen am Dienstag sagte. In der Arbeitsgruppe, in der es um die CO2-Ziele der Industriestaaten geht, vertritt er derzeit als Co-Vorsitzender die Industriestaaten. Er habe versucht, "jeden Zweifel darüber auszuräumen", das die Reduzierungen noch erhöht würden, so der Minister.

Die Angebote summieren sich laut Röttgen derzeit auf eine Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes um 16 bis 23 Prozent bis 2020 - und zwar im Vergleich zu 1990. Die von den USA angebotenen 17 Prozent gegenüber dem Jahr 2005 nehmen sich dagegen geradezu winzig aus, denn umgerechnet auf das Basisjahr 1990 bleibt nur eine Reduzierung von etwa vier Prozent übrig.

US-Delegationschef Stern begründete die Weigerung seiner Regierung, mehr anzubieten, mit den politischen Verhältnissen in Washington: Seit Monaten hängt im dortigen Kongress ein Klimaschutzgesetz fest. Präsident Obama wird nach Ansicht von Beobachtern in Kopenhagen keinesfalls mehr versprechen, als er daheim durchsetzen kann.

Schwellenländer wie Indien und China wiederum haben bisher lediglich zugesagt, ihren CO2-Ausstoß relativ zu ihrem Wirtschaftswachstum zu begrenzen. Absolute Emissionsreduktionen lehnen sie ab - mit gutem Grund, wie der indische Chef des Uno-Weltklimarats Rajendra Kumar Pachauri am Beispiel seines Heimatlands erklärt: "Es ist nicht fair, über Reduktionen für ein Land zu sprechen, in dem 400 Millionen Menschen keinen Zugang zu elektrischer Energie haben und 90 Prozent der Haushalte auf dem Land zur Zubereitung ihrer Mahlzeiten Zweige, Kuhdung und Blätter verbrennen", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Deswegen werde es keine Reduktionen geben: "Politisch gesehen kann man das für Indien abschreiben." Eine indische Regierung, die mit Reduktionsverpflichtungen aus Kopenhagen nach Hause komme, würde schon am nächsten Tag zu Fall gebracht werden, mutmaßt Pachauri.

Ärger droht

Ein am Dienstag beim Gipfel kursierender Entwurf einer Abschlusserklärung las sich entsprechend ernüchternd. Er enthielt zu keiner der zentralen Fragen konkrete Zahlen. Wie stark die CO2-Emissionen langfristig gesenkt werden, wann sie ihren Scheitelpunkt erreichen, wie stark die globale Erwärmung maximal ausfallen darf, in welchem Umfang die armen Länder von den reichen unterstützt werden: Alles blieb offen. Sollte es bis zum Ende des Gipfels am Freitag dabei bleiben, wäre das Scheitern der Konferenz komplett.

"Die Industrieländer müssen ein gemeinsames Reduktionsziel vorlegen, nicht für 2050, sondern für 2020", fordert der Inder Pachauri. Passiere das nicht, dann gebe es "eine Menge Ärger in einigen Ländern der Welt", unter anderem in Afrika und in den kleinen Inselstaaten.

Die Angst vor einem totalen Scheitern der Konferenz treibt offenbar auch die Bundeskanzlerin um. "Wir wissen, dass die Zeit uns knapp wird", sagte Angela Merkel am Dienstag nach einem Treffen mit dem indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono in Berlin. "Ich will nicht verhehlen, dass ich schon etwas nervös bin, ob wir das alles schaffen."



Forum - Was bringt der Klimagipfel in Kopenhagen?
insgesamt 4342 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
yubi 28.10.2009
1. Was bringt der Klimagipfel?
Er bringt viel inhaltsloses Geschwätz, vollmundige (und windelweiche) Absichtserklärungen, Forderungen an "die Anderen", endlich auch etwas zu tun (bevor man selber was tut), .... Gut, daß die mal wieder drüber gesprochen haben ..... Ausser Spesen wieder nichts gewesen, und .... dann bis zum nächsten mal.
Maschinchen, 28.10.2009
2.
Bleiben seitens der EU finanzielle Zusagen für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern weiterhin aus, wird es schwer, diese mit ins Boot zu holen. Meiner Ansicht nach ist es ohnehin utopisch, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Klimaschützer werden sich zunehmend mit dem ungeliebten Wort adaptation anfreunden müssen.
Edgar, 28.10.2009
3.
Wird wohl auf die übliche Verzögerunstaktik hinaus laufen, Aussitzen, bis die Klimahysterie vorbei ist, bis da hin Valium verteilen. Gut so! Wird nämlich trotzdem noch viel zu viel Geld sinnlos verbrannt. Deutschland wird wohl leider wieder als letzter Staat merken, dass die Party vorbei ist, und brav 'Vorbild' spielen.
Internetnutzer 28.10.2009
4. Atomkraft
Alle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Maschinchen, 28.10.2009
5.
Zitat von InternetnutzerAlle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Nun, was schlagen Sie vor? Anreise im Schlauchboot, Übernachtung auf dem Campingplatz?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.