Klimakatastrophe im Mittelalter Europas härtestes Jahrzehnt

Mit dem Winter 1431 begann ein grausames Jahrzehnt: Hunger, Krankheiten und Kriege entvölkerten Europa. Die Ursache: eine erstaunliche Witterung. Die Katastrophe könnte sich jederzeit wiederholen.

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Das Unglück begann mit einem Hochzeitstanz. Nach langer Zeit war die Pegnitz in Nürnberg im Winter 1431/32 mal wieder zugefroren. Eine Feiergesellschaft ergriff die Gelegenheit, auf dem Eis zu tanzen.

Die fröhlichen Menschen ahnten nicht, dass sie den Aufzug einer zehnjährigen Klimakatastrophe erlebten.

Gerade erst war das Leben besser geworden in Europa, zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Zuvor hatten Krankheiten die Bevölkerung verkleinert, sodass nun die meisten Leute Arbeit fanden und gutes Auskommen hatten.

Wölfe schlichen um die Häuser

Endlich, so schien es, hatten es die Europäer geschafft, sich gegen Krankheiten und Ernteausfälle zu wappnen. Doch die 1430er-Jahre änderten alles, sie waren eines der härtesten Jahrzehnte überhaupt.

Lebensmittelpreise vervielfachten sich, Menschen litten Hunger, Handelskriege wurden entfesselt, Außenseiter gelyncht, Kriege brachen aus.

Bald wanderten Wölfe ins Land, schlichen um die Häuser. Schließlich kamen die Krankheiten zurück. Zehn Jahre später war Europa Katastrophengebiet. Was war geschehen?

Das perfekte Katastrophenrezept

Es musste am Wetter gelegen haben, vermuteten Historiker. Doch weder waren Vulkanausbrüche noch schwache Sonnenaktivität bekannt, die das Klima verschlechtert hätten.

Wettersimulationen weisen nun auf die Ursache: Forscher um Chantal Camenisch vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung in Bern haben am Computer berechnet, ob sich zehn Jahre Dürre, Kälte und Regenfluten einstellen können, ohne dass Vulkane ausbrechen oder die Sonne schwächelt.

Ihr Ergebnis: Die Katastrophe der 1430er lasse sich mit zufälligen Schwankungen der Witterung erklären, berichten Camenisch und ihre Kollegen im Fachmagazin "Climate of the Past". Es ist eine gruselige Erkenntnis, denn sie zeigt: Solch ein Wetter kann sich jederzeit wiederholen.

Die Katastrophe nahm ihren Lauf, weil ein extrem langer Winter auf den nächsten folgte, unterbrochen jeweils von warmen Sommern, in denen viel Regen fiel - es war das perfekte Rezept, Ernte zu zerstören.

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Am 20. November 1431 erreichte die Katastrophe einen ersten Höhepunkt, ab diesem Tag waren alle Flüsse Nordeuropas zugefroren, auch Donau und Rhein. Auch weite Teile des Bodensees und der Ostsee froren zu, Wölfe liefen übers Eis von Norwegen nach Dänemark und weiter nach Süden.

Selbst die Lagune von Venedig konnte vom 6. Januar bis 22. Februar mit dem Wagen überquert werden, was sonst alle paar Jahrzehnte höchstens mal ein paar Tage möglich war. Der Winter 1431/32 war einer der kältesten und längsten in Europa. In Frankreich erfroren die Weinstöcke.

Das Problem blieb zunächst unsichtbar

Das größte Problem aber blieb zunächst unsichtbar: Weil den ganzen Winter kaum Schnee gefallen war, war die Saat auf den Feldern extremer Kälte ausgesetzt - eine Schneedecke hielt den Frost sonst ab.

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Erst im März, vielerorts erst im April, taute der Boden - da war die Saat großteils gestorben. Nun staute sich Schmelzwasser in den Flüssen zu Fluten, die in die Städte schwemmten; besonders schwer traf es Orte entlang der Donau.

Regen im Sommer besorgte den Rest, die verbleibende Ernte verrottete. Die Hungersnot begann 1432 in Böhmen.

Andernorts waren noch einige Speicher gefüllt. Ein Jahr später aber, nach einem weiteren harten Winter, verzeichnen sämtliche Handelschroniken von Dublin über Köln und Magdeburg bis Prag Spitzenpreise für Getreide.

Das Wunder von Bologna

Streit entbrannte, zum Beispiel in Ungarn: Obwohl Landsleute hungerten, exportierte das Land weiterhin lukrative Nahrungsmittel in Nachbarländer. Erst im Oktober 1434 verbot eine königliche Verfügung den Verkauf. Andere Länder erließen ähnliche Vorschriften.

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In ihrer Not wandten sich die Leute der Religion zu. In Bologna begann der Kult um das Kloster Santuario Madonna di San Luca: Weil der Regen nicht aufhörte, flehten die Menschen, ein Bildnis mit Maria und Jesus aus dem Kloster möge hinunter in ihre Stadt gebracht werden.

Als es am 5. Juli durch die Straßen getragen wurde, ließ der Regen nach. Seither wird das Ritual alljährlich wiederholt.

Brot aus Baumrinde

Andernorts machten die Leute Minderheiten fürs schlechte Wetter verantwortlich - Angst und Aggression entluden sich in grausamer Gewalt: Roma und Juden wurden verletzt und ermordet. Auch Frauen, die zu Hexen erklärt wurden, mussten Gewalt fürchten.

Die neuen Klimasimulationen zeigen: Es war schlicht Pech, dass Jahr auf Jahr im Winter monatelang riesige wolkenarme Hochdruckgebiete über Mitteleuropa lagen, die das Land auskühlten und im Sommer dauernd Tiefdruckzonen Regen ausschütteten, der die karge Ernte faulen ließ.

Der Getreidemangel zwang 1435 die Leute dazu, Brot aus Baumrinde herzustellen. Die meisten Regionen Europas meldeten nun schwere Ernteausfälle und Hungersnot, lediglich der Süden des Kontinents blieb teilweise verschont.

Der Winter 1435 war erneut so streng, dass selbst der Rhein bis auf den Grund gefror. Auf dem Eis bauten die Kölner Marktbuden, in denen sie die wenigen Lebensmittel teuer anboten.

Krieg in der Schweiz

"1438 gab es solch eine Teuerung und Hungersnot in den Niederlanden, dass niemand mehr wusste, wie er sich beschweren sollte über all das Leid", schrieb ein Chronist.

Die geschwächten Menschen wurden anfällig für Krankheiten, das feuchte Sommerwetter bot gefährlichen Keimen beste Lebensverhältnisse. Hunderttausende starben. Unzählige Nutztiere gingen ein.

Die Konkurrenz um Lebensmittel verschärfte sich in Schottland so sehr, dass lange befreundete Clans im Hochlands gegeneinander in den Krieg zogen. In der Schweiz schloss die Stadt Zürich die Gemeinden Schwyz und Glarus aus von ihren Getreidemärkten, woraufhin der Alte Zürichkrieg ausbrach.

Die Folgen der Katastrophendekade blieben lange spürbar: Die Bewohnerzahl Europas fiel drastisch. Die Menschen waren nicht vorbereitet gewesen auf solch einen Ernteausfall. Sie zogen Konsequenzen: Städte bauten größere Kornkammern und erstellten Notfallpläne, die unter anderem den Import von Nahrung aus fernen Ländern vorsahen.

Drohender Ernstfall - auch heute

"Das Klima der 1430er war einmalig in den Daten von 400 Jahren, die wir untersucht haben", sagt Kathrin Keller vom Oeschger-Zentrum, Mitautorin der neuen Studie.

Zivilisationen seien auch heute anfällig für ungewöhnliche Witterung, schreiben die Forscher weiter. Zwar hortet etwa Deutschland Hunderttausende Tonnen Weizen und Hafer für den Notfall, dennoch seien selbst Hochzivilisationen stets in Gefahr.

2003 starben in Folge einer Hitzewelle in Europa Zehntausende Menschen - dabei dauerte die Extremhitze lediglich 14 Tage. Die Studienautoren empfehlen, Gesellschaften sollten sich besser auf den Ernstfall einstellen - auf eine jahrelange Wetterkatastrophe.

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