Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Klimakiller Kohlenstoff: Was die Erde ohne Eis wäre

Von "National Geographic"-Autor Robert Kunzig

Es war eine Veränderung von ungeheurer Tragweite: Schon einmal - vor 56 Millionen Jahren - verwandelte der Klimakiller Kohlenstoff unseren Planeten in ein Treibhaus. Mehr als 150.000 Jahre dauerte es, bis diese Fieberepoche vorüber war. Lernen wir daraus, oder verheizen wir die Zukunft?

Die Erde hat das alles schon einmal durchlitten. Es war nicht das Klimafieber unserer Tage, denn die Welt sah noch ganz anders aus, als eine Veränderung von ungeheurer Tragweite sie vor 56 Millionen Jahren heimsuchte. Schon vor den Ereignissen, von denen hier die Rede sein wird, war es auf der Erde viel wärmer als heute. Als aber das Eozän die Epoche des Paläozäns ablöste, sollte es noch heißer werden - schnell und radikal. Diese Fieberperiode wird in der Wissenschaft als Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum, kurz PETM, bezeichnet.

Die Ursache war ein gewaltiger Ausstoß von Kohlenstoff, der nach geologischen Maßstäben sehr plötzlich geschah. Wie viel Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangte, ist nicht genau geklärt. Schätzungen zufolge entsprach es der Menge, die heute in die Luft geblasen würde, wenn die Menschen sämtliche Kohle-, Öl- und Erdgasvorräte verbrennen würden. Es dauerte mehr als 150.000 Jahre, bis der Kohlenstoff wieder abgebaut war. Dürre, Fluten und Insektenplagen überzogen den Planeten, Arten starben aus, das Leben veränderte sich drastisch. Der Mensch selbst ist ein Ergebnis dieser vom Kohlenstoff befeuerten Evolution. Und wir sind nun dabei, das Experiment zu wiederholen.

Woher kam der ganze Kohlenstoff?

"Das PETM ist ein Modell für das, was uns bevorsteht - es zeigt uns, was passiert, wenn wir mit der Atmosphäre herumspielen", erklährt der Wirbeltier-Paläontologe Philip Gingerich von der Universität von Michigan. Gingerich und andere Paläontologen entdeckten den tiefgreifenden evolutionären Wandel am Ende des Paläozäns, lange bevor man ihn auf den Kohlenstoff-Schock zurückführte. Und die Wissenschaftler erkannten den Kohlenstoff-Spitzenwert als charakteristische Spur freigesetzter Treibhausgase: Mit seiner Hilfe konnten sie das PETM weltweit nachweisen.

Doch woher kam der ganze Kohlenstoff? Am Ende des Paläozäns drifteten Europa und Grönland auseinander, und der Nordatlantik tat sich auf. Das könnte zu gewaltigen Vulkanausbrüchen geführt haben, die das Kohlendioxid aus den Sedimenten am Meeresboden herauskochten. Zur Zeit des PETM könnte eine Erwärmung - durch Vulkane oder eine geringfügige Verlagerung der Erdumlaufbahn - dazu geführt haben, dass Hydrate schmolzen. Die Folge: Die Methanmoleküle entwichen aus ihren "Käfigen" und stiegen in Blasen auf. Viele Fachleute glauben, dass uns heute wieder ein solches Szenario bevorsteht.

Matt Huber von der Purdue-Universität in West Lafayette, im US-Bundesstaat Indiana versucht aufzuzeigen, was geschehen wird, wenn die Menschen sämtliche Vorräte an fossilen Brennstoffen verbrauchen. Das Klimamodell, das Huber dazu verwendet, wurde vom National Center for Atmospheric Research in Colorado entwickelt. In seiner "vernünftigsten Annahme eines schlechten Szenarios" werden Regionen, in denen heute die Hälfte der Weltbevölkerung lebt, nahezu unbewohnbar. In großen Teilen Chinas, Indiens, Südeuropas und der Vereinigten Staaten würden die Durchschnittstemperaturen im Sommer Tag und Nacht, Jahr für Jahr deutlich über 40 Grad liegen.

Während des PETM wurden tropische Tier und Pflanzenarten in Richtung der Pole getrieben, Arten aus allen Kontinenten überquerten Landbrücken und vermischten sich. Im Bighorn Basin tauchten Huftiere auf, die Vorfahren von Pferden und Hirschen. Wenig später erschienen die ersten echten Primaten auf der Bildfläche. Manchen Säugetieren widerfuhr etwas Seltsames: Sie wurden zu Zwergen. Die Pferde im Bighorn Basin schrumpften auf die Größe von Siamkatzen; später, als das überschüssige Kohlendioxid aus der Atmosphäre verschwunden war, wuchsen sie wieder. Eines ist daraus deutlich abzulesen: Wenn die Umwelt sich verändert, sind die Tiere in der Lage, eine schnelle Evolution durchzumachen.

Mehr als 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff freigesetzt

Etwa 56 Millionen Jahre später haben Primaten, deren Vorfahren damals so groß wie Mäuse oder Kaninchen waren, das Sagen, und sie haben sich eine Lebensweise zu eigen gemacht, die ihre Energie fast ausnahmslos aus fossilen Brennstoffen bezieht. Allein dadurch wurden seit dem 18. Jahrhundert mehr als 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff freigesetzt - vermutlich weniger als ein Zehntel dessen, was noch im Boden liegt oder was während des PETM in die Atmosphäre gelangte. Im vergangenen Jahr haben die globalen Treibhausgas-Emissionen erneut einen Rekordwert erreicht. Was wird geschehen, wenn wir auch den Rest unserer Vorräte verbrennen? Gibt es der Evolution erneut einen Schub, vielleicht führt es zu einem massenhaften Artensterben. Aber ganz gleich, was mit der Menschheit geschieht, in einigen Zigmillionen Jahren dürfte es auf der Erde grundlegend anders aussehen, als es vielleicht möglich gewesen wäre - hätten wir unser Leben nicht ein paar Jahrhunderte lang auf diese Weise angeheizt.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter: www.nationalgeographic. de/warme_erde

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1205 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Treibhausklima?
Thomas11, 09.10.2011
Das wundert mich nun doch etwas, dass vor 56 Mio Jahren ein besonderes Treibhausklima geherrscht haben soll. Das müsste sich doch auch in einem Meeresspiegelhöchststand niedergeschlagen haben. Ein hoher Meeresspiegel mit erhaltenen Ablagerungen ist aber erst aus dem folgenden Oligozän dokumentiert. Vom Ende der Oberkreide bis dahin sollte das Klima eher gemäßigt gewesen sein.
2. oooo
inci 09.10.2011
Zitat von sysopEs war eine Veränderung von ungeheurer Tragweite: Schon einmal - vor 56 Millionen Jahren - verwandelte der Klimakiller Kohlenstoff unseren Planeten in ein Treibhaus. Mehr als 150.000 Jahre dauerte es, bis diese Fieberepoche vorüber war. Lernen wir daraus, oder verheizen wir die Zukunft? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,790374,00.html
ja, das ist den menschen vor 56 mio jahren gar nicht gut bekommen, der technische fortschritt und vor allem die mobilität und das verbrennen fossiler brennstoffe allerorten. scherz beiseite. anstatt mit milliarden sich einem mehrheitlich natürlichen kreislauf der erde zu stemmen, sollte man einen teil des geldes dafür investieren, herauszufinden, wo die vorteile eines klimawandels liegen könnten. geringere heizperioden, anbau "tropischer" früchte in mitteleuropa. was z.b. den transport reduzieren würde, und damit die ebenfalls die co2-bilanz aufmöbeln könnte. wie müsste eine architektur aussehen, die davon ausgeht, daß es höhere außentemperaturen gibt, welche pflanzen sind einem erhöhten klima innerhalb von städten sinnvoll? etc, pp. und so weiter und so fort. nein, lieber verbrennen wir geld um z.b. feinstaub in innenstädten zu verbieten, als der an der umgehungsstraße einfach aufhörte zu existieren, und noch mehr geld verbrennen wir, in dem gewisse kreise allen ernstes versucht dem volk klarzumachen, daß man sich gegen so etwas großes wie den planeten erde (und andere, wie die sonne) stemmen könnte. die bürger, die seinerzeit licht in säcken ins rathaus in schilda getragen würden ob dieser beklopptheit in helle begeisterung verfallen.
3. Er,
chico 76 09.10.2011
Zitat von sysopEs war eine Veränderung von ungeheurer Tragweite: Schon einmal - vor 56 Millionen Jahren - verwandelte der Klimakiller Kohlenstoff unseren Planeten in ein Treibhaus. Mehr als 150.000 Jahre dauerte es, bis diese Fieberepoche vorüber war. Lernen wir daraus, oder verheizen wir die Zukunft? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,790374,00.html
eine grüne Instanz, sieht das Problem des co2-Ausstosses auf seine Weise. Für Kernenergie, Respekt, ein Lerner. http://www.faz.net/aktuell/2.2032/im-gespraech-umweltaktivist-stewart-brand-ihr-deutschen-steht-allein-da-1626138.html
4. Heuchler
TooLowFlaps 09.10.2011
Ein Wirrkopf. Für den Atomkraft - wie für viele Amerikaner, die nur isoliert auf ihrem Kontinent leben - das Nonplusultra und darüberhinaus auch noch klimaschonend sein soll. Nur weil Atomkraftwerke nicht qualmen. Über den gigantischen Ölverbrauch der Staaten (Streitkräfte, Verkehr, Beleuchtung) läßt er sich - wieso auch - nicht aus. Nicht ernstzunehmen, der Mann. Der Artikel dafür um so mehr, sägen wir uns doch den Ast ab, auf dem wir sitzen. Der Natur ist das scheißegal.
5. Tut mir leid, aber wenn in der Kopfzeile...
lensenpensen 09.10.2011
schon "Klimakiller Kohlenstoff" steht, erübrigt sich das Lesen. Schnellsuche via Wikipedia ergibt: "Kohlenstoffverbindungen bilden die molekulare Grundlage allen irdischen Lebens." "Kohlenstoff ist ein essentielles Element der Biosphäre, es ist in allen Lebewesen – nach Sauerstoff (Wasser) – dem Gewicht nach das bedeutendste Element. Alles lebende Gewebe ist aus (organischen) Kohlenstoffverbindungen aufgebaut." --------------------------------------------------------------------------------------------
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Gefunden in

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Oktober 2011, www.nationalgeographic.de.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: