Klimakonferenz in Kopenhagen "Die Politik hat keine Ausrede mehr"

Endspurt für die Klimaunterhändler: Im Dezember werden Politiker in Kopenhagen darum ringen, ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll zu finden. Bereits jetzt trafen sich 2000 Wissenschaftler in der dänischen Hauptstadt. Sie warnten, sie mahnten - und sind trotzdem optimistisch.


Milde lächelnd trägt Hans Joachim Schellnhuber aus Potsdam vor 2000 weltweit führenden Klimaforschern seine düsteren Prognosen vor. "Wer hat hier schon mal russisches Roulette gespielt?", fragt der Physiker beim Vorbereitungstreffen auf den großen Uno-Klimagipfel in den Kopenhagener Saal, und natürlich meldet sich niemand. "Wir tun das alle mit dem Planeten", sagt der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Klimaberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Hans Joachim Schellnhuber: "Der ganze Skeptikerkram spielt keine Rolle mehr"
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Hans Joachim Schellnhuber: "Der ganze Skeptikerkram spielt keine Rolle mehr"

Er malte aus, welch katastrophale Folgen schon eine Erderwärmung um zwei Grad haben könnte. Dann sei zum Beispiel das völlige Abschmelzen aller Gletscher auf dem Tibet-Plateau möglich - mit Überschwemmungen in einem Wohngebiet von zwei Milliarden Menschen. Und zwei Grad sei noch eine "ziemlich vorsichtige Annahme".

Neun Monate vor der Uno-Klimakonferenz in Dänemarks Hauptstadt führte Schellnhuber am Donnerstag vor, welche Widersprüche die Klimadebatte prägen. Einerseits werden die Prognosen der Forschung mit zunehmender Genauigkeit und umfassenderen Daten immer düsterer. Doch gerade deswegen sind die Klimaforscher optimistisch, dass die Politiker künftig mehr gegen den Klimawandel tun werden. In Kopenhagen trugen die Top-Experten vor, dass sich der Meeresspiegel wahrscheinlich infolge der Erderwärmung doppelt so kräftig hebt wie noch vor zwei Jahren vom Weltklimarat (IPCC) angenommen.

"Man muss jetzt der Welt nicht nur die Folgen von zwei Grad Erwärmung erklären, sondern laut und deutlich sagen, was fünf Grad bedeuten", sagte der britische Ökonom Lord Nicholas Stern und nannte als Beispiel die Zahl von über einer Milliarde Klimaflüchtlingen. Stern war durch einen extrem düsteren Bericht über die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels im Jahr 2006 international bekannt geworden. Heute sieht er selbst seinen eigenen Report als "zu optimistisch". Stern hatte damals errechnet, dass etwa ein Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts genüge, um die Erderwärmung zu bremsen, andernfalls drohe ein weitaus größerer Schaden.

Schellnhuber berichtete vor seinen Kollegen, dass er vor wenigen Wochen der Kanzlerin die finsteren Szenarien nach dem jüngsten Forschungsstand "fast" offen dargelegt habe: "Aber ich habe der Politikerin am Ende doch einiges erspart, was ich hier vor Wissenschaftskollegen darlegen kann."

Schellnhuber erläuterte, dass aus seiner Sicht bei einer Erwärmung des Planeten um fünf Grad kein Weg daran vorbeiführen werde, die Lebensmittelproduktion auf wenige Gebiete der Welt zu konzentrieren. 80 Prozent der bisherigen Anbauflächen müssten stillgelegt werden. "Für Politiker heute ein völlig unmöglicher Gedanke, denn da geht es um Territorien." Hinsichtlich der zu erwartenden Klimaflüchtlinge aus den armen Ländern sagte Schellnhuber an die Adresse der Industriestaaten: "Wer 25 Prozent der CO2-Emissionen verursacht, der soll auch 25 Prozent der Flüchtlinge aufnehmen."

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Der Potsdamer Institutschef wird einer der Hauptautoren für einen 30-seitigen Bericht über den aktuellen Stand der Klimaforschung sein. Er soll Politikern im Dezember bei der Klimakonferenz in Kopenhagen als Grundlage dienen. Dass deren Bereitschaft zu weitreichenden Entscheidungen im Gefolge von Finanz- und Wirtschaftskrise massiv sinken wird, fürchten weder Schellnhuber noch Stern.

"Ich sehe enorme Handlungsbereitschaft in Ländern wie Indien, China und Brasilien", sagte Stern. Auch die neue US-Führung unter Präsident Barack Obama mache Hoffnung. Stern sagte, er sei trotz der schlechteren Prognosen "optimistischer als vor zwei Jahren".

Schellnhuber sieht es ähnlich: "Der ganze Skeptikerkram spielt keine Rolle mehr." Niemand bezweifle mehr den Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und drohender Klimakatastrophe. Mit Blick auf die Uno-Klimakonferenz im Dezember sagte er: "Die Botschaft der Wissenschaft ist so klar, dass die Politik keine Ausrede mehr hat".

Thomas Borchert, dpa

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