Klimagipfel in Paris Der Sinn des Irrsinns

Der Klimagipfel von Paris wird die Welt nicht retten. Es wird hier keinen Vertrag geben, der das Problem der Erderwärmung löst. Und trotzdem braucht es dieses Treffen.

Klimakonferenz im Blick: Warum geben sich Zehntausende Menschen diesen Stress?
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Klimakonferenz im Blick: Warum geben sich Zehntausende Menschen diesen Stress?

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Seien wir ehrlich: Klimagipfel nerven. Tierisch. Uns als Journalisten. Und Sie als Leser oft leider auch. Das wissen wir aus den internen Klickstatistiken hier bei SPIEGEL ONLINE. Längst ist nicht mehr zu verstehen, worüber da im Detail gestritten wird. In knochentrockenen Sitzungen - gegen Ende der zwei Gipfelwochen gern rund um die Uhr - arbeiten sich die Delegierten an technischen Details ab. Selbst Fachleute sind oft überfordert. Und überhaupt: Die Dinge, über die da gesprochen wird, betreffen frühestens das nächste Jahrzehnt.

Es ist ein Irrsinn.

Zwei Wochen lang wird trotzdem ab heute in Paris wieder über das Weltklima verhandelt. Und alle, die schon mal bei so einer Veranstaltung dabei waren, wissen: Mit dem Wort Irrsinn ist das eigentlich sogar noch freundlich beschrieben. Die große Erfolgsmeldung wird es am Ende nicht geben. Es wird kein Vertrag auf dem Tisch liegen, der die Welt rettet. Auch wenn das mehr als wünschenswert wäre. Es wird höchstens ein kleiner Schritt auf einem langen Weg.

Warum also geben sich Zehntausende Menschen diesen Stress? Warum befassen sie sich mit einem Thema, das alle scheinbar nur nervt? Weil die Welt handeln muss. Und weil die vermaledeiten Gipfel zumindest nach aktuellem Stand wichtig dafür sind, dabei voranzukommen.

Immer wieder wenden Kritiker ein, der Klimawandel sei doch gar nicht wissenschaftlich erwiesen. Doch, das ist er. Und zwar in beeindruckender Detailtiefe. Immer wieder ist zu hören, die Temperaturen seien doch zuletzt gar nicht mehr gestiegen. Doch, das sind sie. Das zeigen aktuelle Auswertungen.

Selbst in Europa werden die Menschen wandern

Wenn Sie sich um die aktuelle Flüchtlingskrise sorgen, wenn Sie sich um Terrorismus sorgen, wenn Sie sich um die Sicherheit und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sorgen, dann sollten Sie sich auch um den Klimawandel sorgen. Die aktuellen Wanderungsbewegungen, ausgelöst durch Kriege in Europas unmittelbarer Nachbarschaft, dürften nur ein kleiner Vorgeschmack sein. Auf das, was da noch kommen wird - wenn alles so weiter geht wie bisher.

Wenn höhere und höhere Temperaturen etwa die Region am Persischen Golf praktisch unbewohnbar machen, dann wird das auch für uns nicht ohne Folgen bleiben. Wenn steigende Meere den Lebensraum von Hunderten Millionen Menschen bedrohen, wenn die Armut in Afrika und Südasien durch den Klimawandel zunimmt, dann wird uns auch das betreffen. Und zwar direkter als uns lieb ist - egal wie hoch wir unsere Deiche und Grenzzäune ziehen.

Und auch in Europa selbst werden die Menschen wandern - aus dem Süden Frankreichs oder Italiens, aus Spanien. Irgendwohin, wo es nicht so verdammt trocken ist, wie bei ihnen zu Hause. "Der Klimawandel ist an jedem Ort eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz", schreibt Uno-Chef Ban Ki Moon in einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE.

Was also tun?

Wenn man etwas Gutes über die bisherigen Klimagipfel sagen will, dann vielleicht dies: Sie haben dafür gesorgt, dass die Menschheit nicht so schlimm weitermacht wie bisher. Sie haben dafür gesorgt, dass sich regenerative Energien mit einem kaum für möglich gehaltenen Tempo in Richtung Marktreife entwickelt haben. Sie haben dafür gesorgt, dass Umweltschutz nicht mehr nur ein Luxusspielzeug derjenigen ist, die ihn sich scheinbar leisten können. Und sie haben dafür gesorgt, dass auch Schwellenländer wie Indien und China bereit sind, ihr Wachstum nicht rücksichtslos auf Kosten des Klimas voranzutreiben.

Details sind anstrengend

Das alles reicht nicht, aber es ist ein Anfang. Das Problem des Klimawandels wird nicht auf Gipfeln gelöst werden. Jedenfalls nicht vollständig. Aber darum geht es auch nicht. Diese Treffen spielen eine wichtige Rolle: Vor fünf Jahren in Cancun haben sich die Staaten geeinigt, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde um höchstens zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter steigen soll - um zumindest die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden.

Seitdem ist zu Recht über die praktische Machbarkeit dieses Ziels gestritten worden. Das sind aber vor allem akademische Debatten. Bezogen auf das Jahr 1880 haben wir nämlich schon ein Grad Temperaturerhöhung, für die wir Menschen verantwortlich sind. Die CO2-Werte liegen längst weit über allem, was die Erde in den letzten Hunderttausenden Jahren erlebt hat.

Die Alternative kann nicht ernsthaft sein, nichts zu tun. Und Meinungsumfragen belegen: Die Bevölkerungen rund um die Erde haben das begriffen. In 40 untersuchten Staaten haben sich im Schnitt 78 Prozent der Befragten dafür ausgesprochen, dass ihr Land als Teil einer Einigung in Paris weniger CO2 ausstoßen soll.

Die Details dafür - und die sind nun mal anstrengend - müssen ab jetzt auf Klimagipfeln ausgehandelt werden. Auf diesem. Und auf den vielen, die noch folgen werden.

Genau das ist der Sinn des Irrsinns.

Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.
Zum Autor
Christoph Seidler ist Wissenschaftsredakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christoph_Seidler@spiegel.de

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Seite 1
jubelyon 30.11.2015
1. Kluger Egoismus
Dieses gigantische Treffen wird ausser schönen Worten nicht viel mehr bringen als Kopenhagen. Jedes Land ist sich selbst am nächsten, und kaum einer will sich wirklich opfern für das grosse Ganze. Zumal : wir stecken in einer Zwischeneiszeit; die Klimaerwärmung eröffnet der Menschheit immerhin die Chance, den Beginn der nächsten Eiszeit etwas hinauszuschieben.
maynard_k. 30.11.2015
2. Pro Kopf ist entscheidend!
Auch wenn das unbequem ist und im Zweifel heißen kann, dass Länder wie China oder Indien erstmal wenig bis gar nichts einsparen müssen und andere entsprechend mehr, so bleibt das einzige dauerhaft zu rechtfertigende Kriterium der Pro Kopf Ausstoß! Dieser muss weltweit und für alle gleichermaßen gültig festgelegt werden.
wilam 30.11.2015
3.
auf einem langen Weg" Ja ist denn der Weg noch lang genug für kleine Schritte? Erstens weiß keiner, ob es beim Klima überhaupt eine Rückstellkraft gibt (labiles Gleichgewicht), zweitens bedarf es nur noch kleinster Anstöße (Wasserstreit), um weitere Kriege zu entflammen und drittens marschiert der Riese Bevölkerungswachstum ungebremst und krachend seinen Weg. Wenn das letzte Problem nicht angegangen, ja nicht einmal erwähnt wird, können wir uns alles andere sparen.
Bondurant 30.11.2015
4. Das Übliche
Auch dieser Autor kommt wieder nicht auf den Gedanken, dass normale Menschen schlicht überfordert sind, wenn sie für das Jahr 2100 planen sollen. Das könnte allenfalls der Papst. An der Anmaßung, dies zu versuchen, wird man scheitern. Dann geht es wie in der griechischen Tragödie: die Versuche, kommendes Unheil zu verhindern, werden es gerade herbeiführen. Schon die nächste Generation, das prophezeie ich, wird wieder ganz viel fossile Brennstoffe und Atomkraft nutzen, aber als Folge der stümperhaften Versuche der "Klimaretter" trotzdem deutlich schlechter als wir leben.
mundusvultdecipi 30.11.2015
5. Der EFH..
..Besitzer mit der Photovoltaik Anlage auf dem Dach macht zumindest etwas gegen den Klimawandel.Was tun SIE?
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