Klimagipfel in Paris Es geht ums Ganze

Am Montag beginnt der wichtigste Termin des Jahres: In Paris verhandeln 195 Staaten darüber, ob unsere Erde halbwegs gesund bleibt. Die Mächtigen der Welt müssen ihren Bevölkerungen jetzt Opfer abverlangen.

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Unsere Erde: Bleibt sie halbwegs gesund oder werden Teile zum Inferno?
AFP, SPIEGEL ONLINE

Unsere Erde: Bleibt sie halbwegs gesund oder werden Teile zum Inferno?


Krieg, Terror, Schuldendrama, Migration - 2015 war ein Jahr der Krisen und brennenden Probleme. Politik wurde zum rastlosen Krisenmanagement mit ungewissem Ausgang. Und obwohl noch viele Brandherde schwelen: Die größte Herausforderung kommt erst noch. Denn die Krisen dieses Jahres mögen erschütternd sein, doch sie sind geografisch begrenzt. Ab Montag jedoch geht es ums Ganze. Um unseren Planeten, um unsere Zukunft, um die Lebensgrundlage der gesamten Menschheit.

Wir haben es in der Hand: Auf der Klimakonferenz in Paris wird sich beweisen, ob wir es ernst meinen mit dem Klimaschutz, ob wir unserer Verantwortung für uns und künftige Generationen gerecht werden, unsere Erde halbwegs gesund zu erhalten. Ob wir bereit sind, unser Konsumverhalten zu ändern, auf Bequemlichkeit und Wachstum, auf das ewige Mehr, Mehr, Mehr zu verzichten. Oder ob wir die Natur weiter ausbeuten wollen - mit verheerenden Folgen. Wissenschaftler haben gezeigt, welche gravierenden Folgen die Klimaerwärmung schon jetzt hat.

  • Die ersten 15 Jahre dieses Jahrtausends waren (mit einer Ausnahme) die 15 wärmsten seit Aufzeichnung der Daten.
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  • Das Meereis am Nordpol, das Inlandeis der Antarktis und Grönlands sowie die Gletscher in den Gebirgen schmelzen.
  • Durch das Schmelzwasser der tauenden Gletscher und weil Meerwasser sich bei Erwärmung ausdehnt, steigt der Meeresspiegel. Sturmfluten werden gefährlicher.
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  • Ganze Weltgegenden leiden häufiger unter Dürren, so die Mittelmeerregion und Westafrika.
  • Auch Deutschland wird häufiger von Extremwetterlagen heimgesucht, die Milliardenschäden verursachen und tödliche Folgen haben können: Durch die Hitzewelle im Sommer 2003 starben in Mitteleuropa Zehntausende Menschen.

Es kommt noch schlimmer. Blasen wir im selben Maß wie bisher Abgase aus Kohle-, Öl- und Gasverbrennung in die Atmosphäre, könnte sich das Klima laut Weltklimarat IPCC bis Ende des Jahrhunderts um drei, vier oder noch mehr Grad erwärmen. Dann würden Teile unseres Planeten unbewohnbar werden: durch extreme Dürren, Hungersnöte, Überschwemmungen oder ganz einfach weil der Mensch dauerhafte Temperaturen von 60 Grad Celsius nicht erträgt. Die Folgen des Klimawandels können Konflikte in labilen Staaten verschärfen und noch mehr Menschen zur Flucht treiben. "Der Klimawandel ist an jedem Ort eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz", schreibt Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon in einem Gastbeitrag auf SPIEGEL ONLINE. Recht hat er.

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Auf dem Mammutgipfel in Paris (20.000 Teilnehmer!) besteht die Chance, dieses Szenario zu mildern. Eine Erwärmung der Atmosphäre um maximal zwei Grad würde das ökologische Gleichgewicht der Erde wohl gerade noch verkraften. Die Delegierten aus 195 Ländern müssen jetzt zeigen, dass sie dieses Ziel wirklich ernst nehmen. Sie sollten einen konkreten Fahrplan beschließen, wie sie ihre vorgelegten Klimaschutzpläne in einem gemeinsamen Kraftakt ab 2020 verbindlich einhalten. Absichtserklärungen reichen nicht mehr. Schon gar nicht, wenn nach Strich und Faden getrickst wird. Zum Beispiel in China, das offenbar deutlich mehr Klimagase in die Atmosphäre bläst, als es bisher angegeben hat. Aber auch an Großkonzerne wie Volkswagen, die im Wachstumswahn ihre Kunden betrügen und mühsam erkämpfte Umweltstandards verletzen, sollte dieser Gipfel ein Signal senden: so nicht.

Die Delegationen von Obama, Putin, Li, Modi, Merkel und Co. verhandeln über das Schicksal unserer Welt. Jetzt müssen sie liefern, Weitsicht und Entschlusskraft beweisen - und den Mut, sich auch mit der Wirtschaft ihres eigenen Landes anzulegen, ihrer eigenen Bevölkerung Verzicht zuzumuten. Es braucht Mut

  • von den USA, die unter Präsident Obama zu einem der größten Öl- und Gasproduzenten aufgestiegen sind,
  • von China, das seinen Wirtschaftsaufschwung mit einer permanenten Vergewaltigung der Natur erkauft und ganze Regionen mit Kohle-Smog vernebelt,
  • von Indien, das mehr und mehr Kohle verfeuert und hinter China und den USA zum drittgrößten Treibhausgas-Produzenten aufgestiegen ist
  • und auch von Deutschland, das sein CO2-Ziel einer Verminderung um 40 Prozent bis 2020 wohl nicht erreichen wird und auch noch keinen schlüssigen Plan hat, wie sich die Energiewende umsetzen und vor allem finanzieren lässt.

Der Gipfel könnte zu einem historischen Ereignis werden, wenn er die Basis für einen neuen Pakt legt: China und Indien müssen bereit sein, ihr Wirtschaftswachstum ökologisch nachhaltiger zu organisieren. Und die westlichen Länder, die sich ihren Wohlstand auch auf Kosten des Weltklimas erarbeitet haben, müssen den Geldbeutel weit aufmachen, um Entwicklungs- und Schwellenländern beim Klimaschutz zu helfen.

Ein kluger Hebel für einen dauerhaften Klimaschutz kann ein globaler, fairer und vor allem ehrlicher Emissionshandel sein. Mit einer an den Klimazielen orientierten, strikt begrenzten Menge an Zertifikaten, die Unternehmen untereinander handeln können. Der Preis solcher Zertifikate darf allerdings nicht so gering sein wie jetzt in Europa, sonst greift der Hebel nicht. Und es dürfen auch nicht einzelne Sektoren wie Verkehr oder Landwirtschaft ausgenommen werden.

Am Ende zählen Taten. Nur ein Abkommen mit verbindlichen, nachprüfbaren Zielen zur CO2-Reduktion und Sanktionen bei Verstößen kann die Lebensgrundlage für Millionen Menschen erhalten. Daran hat auch Deutschland ein großes Interesse. Ein mutiger Klimavertrag würde die künftige Migration nach Europa nachhaltiger begrenzen als Zäune und Transitzonen.

Es geht ab Montag also ums Ganze. Deshalb werden wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit einer umfangreichen Berichterstattung auf dem Laufenden halten. Unser Wissenschaftsressort beleuchtet den Kampf gegen den Klimawandel aus unterschiedlichen Perspektiven - mit Berichten und Reportagen von den Verhandlungen in Paris, mit Hintergründen und Analysen. Im Erklärformat "Endlich verständlich" finden Sie die wichtigsten Fakten. Wir zeigen Ihnen, wie der CO2-Ausstoß immer weiter zunimmt und wo auf der Welt der Klimawandel bereits heftig zu spüren ist. Wir stellen Ihnen Menschen vor, die gegen den Klimawandel kämpfen und im Kleinen erreichen, woran die Staatenlenker bisher im Großen gescheitert sind. Und auch nach dem Klimagipfel wird uns das Thema weiter beschäftigen. So wollen wir im kommenden Jahr in Zusammenarbeit mit dem European Journalism Centre eine Plattform zu nachhaltiger Entwicklung aufbauen.

Zum Autor
Christian Bruch/ DER SPIEGEL
Florian Harms ist Chefredakteur von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Florian_Harms@spiegel.de

Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
picassoundich 27.11.2015
1. Es ging schon immer ums Ganze bei diesem Gipfel.
Aber es ist noch nicht genug passiert an Katastrophen, so das jeder Gipfel ein nettes blabla ist und gut gegessen wird. Ähnlich wie im kleineren Kreis bei uns mit den Merkelchaostreffen in Europa. Nur, handeln da bereits die einzelnen Länder selbst für sich, nachdem sie gesehen haben, das es eine entschiedene europäische Lösung über Jahre nicht geben wird. Und so sollte es auch in der Klimapolitik passieren.
tempe 27.11.2015
2. Gut so!
Danke SPON! Hoffen wir, dass das Thema möglichst weltweit Beachtung findet und nicht im Terror-Getöse untergeht. Denn der Klimawandel kann viel mehr Tote, ökologische Schäden, Kosten und Vertriebene und verursachen als alles Andere.
Experte94 27.11.2015
3.
Wenig Beweise, aber es soll viel Geld verbrannt werden. Geht's noch?
RudiRastlos2 27.11.2015
4.
Das Ergebnis der Konferenz ist ja schon bekannt... leider.
suntze 27.11.2015
5. Ach, ist es schon wieder
Zeit für den Gottesdienst in der Klimakirche? Versammeln sich wieder die Gläubigen um sich zu geisseln und zu kasteien? Werden wieder Ablässe verkauft, an NGOs und Atmosfair und wie sie alle heissen. Seit 20 Jahren wird die Apokalypse gepredigt, Sturmfluten, Wüsten, versinkende Küstenstädte. Nur leider, leider wird die Welt seit 15 Jahren nicht mehr wärmer. Trotz steigender Co2 Werte, tststs. Ach ja, man hat die steigenden Temperaturen ja gefunden. In ein paar tusend metern Tiefe im Ozean- Wers jetzt nocht glaubt....
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