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Klimaprognosen: Erwärmung überschreitet kritischen Wert

Von Volker Mrasek

Neue Computersimulationen lassen vermuten, dass die Erderwärmung noch in diesem Jahrhundert eine kritische Temperaturschwelle überschreiten wird. Das globale Klima droht, gänzlich aus dem Ruder zu laufen - in einem unumkehrbaren Prozess.

Klimasimulation: "Globale Schäden kaum noch beherrschbar"
climateprediction.net

Klimasimulation: "Globale Schäden kaum noch beherrschbar"

Wissenschaftler sprechen inzwischen von einer "kritischen Schwelle" der Klimaerwärmung, die Europäische Union hat sie sogar ganz offiziell zur Richtschnur ihrer Klimaschutzpolitik erkoren: "Das Ziel ist die Vermeidung einer Temperaturzunahme um mehr als zwei Grad Celsius im globalen Mittel", so Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und langjähriger Berater der Bundesregierung.

Um etwa 0,6 Grad hat sich die bodennahe Erdatmosphäre seit dem Eintritt ins Industriezeitalter bereits erwärmt. Mehr als 1,4°C dürfen nach dem Credo vom kritischen Schwellenwert also nicht mehr hinzukommen. Denn "wenn wir über zwei Grad hinausgehen, dann, sind die globalen Schäden vermutlich so groß, dass man sie kaum noch beherrschen kann", fürchtet Schellnhuber.

Nach den jüngsten Simulationen mit globalen Klimamodellen steuert die Erde geradewegs auf einen solchen Zustand zu. 15 Arbeitsgruppen weltweit errechneten verschiedene Entwicklungsszenarien für das 21. Jahrhundert. Hinter der konzertierten Aktion steht der Zwischenstaatliche Ausschuss für den Klimawandel (IPCC) der Vereinten Nationen. Der Welt-Klimarat, wie man ihn nennen könnte, will 2007 seinen nächsten Sachstandsbericht vorlegen. Daher die neuen Simultan-Simulationen in den führenden Klimarechenzentren in Europa, Japan, China, Kanada, Australien und den USA.

"Über vier Grad plus bis Ende des Jahrhunderts"

Die Modelläufe von Briten, Franzosen, Norwegern und Deutschen im Rahmen des EU-Projektes "Ensembles" sind bereits ausgewertet, die Ergebnisse lassen Schlimmes befürchten: "Wir landen bei etwas über 4 Grad plus am Ende dieses Jahrhunderts und im besten Fall bei 2,5 Grad", resümiert Erich Roeckner vom Max-Planck-Institut (MPI) für Meteorologie in Hamburg. Vier Modelle zeigten übereinstimmend und unabhängig voneinander eine solche Temperaturentwicklung in den nächsten hundert Jahren, darunter auch das des MPI. Die Simulation des französischen Wetterdienstes zeigt laut Roeckner eine etwas schwächere Erwärmung gegen Ende des Jahrhunderts. Allerdings beziehen sich die Zahlen auf die Jahre 1961 bis 1990 als übliche Referenzperiode für die Modellierungen. "Wenn man auf vorindustrielle Zeiten zurückgeht, müsste man noch etwa ein halbes Grad hinzuaddieren", betont der Koordinator der Modellrechnungen am MPI.

Grönlandeis: "Schmelzprozess unumkehrbar"
DPA

Grönlandeis: "Schmelzprozess unumkehrbar"

Alle Forschergruppen benutzten bei ihren Simulationen dieselben drei IPCC-Szenarien, darunter eines für den schlimmsten und eines für den günstigsten Fall. Bei plus 4 Grad Celsius landen die Modelle unter der Annahme, dass sich klimawirksames Kohlendioxid aus der Verbrennung fossiler Energieträger weiter ungebremst in der Atmosphäre anreichert und sich sein Gehalt im Vergleich zu heute mehr als verdoppelt. Auf plus 2,5°C läuft es hinaus, wenn die Industriestaaten ihre CO2-Emissionen wenigstens um einige Prozentpunkte drosseln, also in etwa so, wie es das Kyoto-Protokoll vorsieht. In diesem Fall würde Kohlendioxid in der Außenluft immer noch um rund 40 Prozent zunehmen.

Welchen dieser Wege die Welt auch einschlägt - nach den neuen Modellrechnungen der Europäer wird sich die Erde auf jeden Fall um mehr als zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit aufheizen. Das Klimaschutzziel der EU entpuppt sich demnach als unrealistisch. Für Erich Roeckner "sieht es momentan nicht so aus, als wäre es erreichbar".

"Schlafende Riesen werden geweckt"

Doch was droht der Erde, wenn der Klimawandel die ominöse Zwei-Grad-Marke passiert? PIK-Chef Schellnhuber formuliert es so: "Dann wird eine ganze Reihe von bisher schlafenden ökologischen Riesen geweckt." Details sind im ersten Entwurf für den neuen IPCC-Bericht nachzulesen. Die dramatischste Folge: Grönlands Eispanzer würde anfangen, komplett und unaufhaltsam abzuschmelzen. Ein solcher Prozess zöge sich zwar über zwei oder drei Jahrtausende hin. Am Ende läge der Meeresspiegel aber rund sieben Meter höher als heute. Der Grundstein für eine solche Entwicklung könnte bereits gelegt sein. "Grönlands Eisschild kühlt sich selbst, indem die Schneedecke Sonnenlicht reflektiert", erläutert Richard Betts vom Hadley-Zentrum für Klimavorhersage und -forschung in Exeter, "doch beginnt das Eis abzutauen, dann lässt auch der Kühleffekt nach, und der Schmelzprozess wird am Ende unumkehrbar."

Die Kurve vor dem Klima-Gau

Nach dem Berichtsentwurf wird auch der riesige Eisschild im Westen der Antarktis instabil, wenn die Außentemperatur im Mittel um weitere 1,4°C ansteigt. Dann dürften auch die Korallenriffe im Ozean unter einen Hitzestress geraten, den sie nicht mehr verkraften. Schon ein Grad Celsius mehr als in vorindustrieller Zeit reichten vermutlich aus, um sie großflächig auszubleichen, heißt es in der sogenannten Nullversion des kommenden IPCC-Reports.

Die Klimaexperten plädieren nun umso energischer für eine rasche Energiewende. "Eine weitere Zunahme des Verbrauchs von fossilen Energieträgern ist vom Klimastandpunkt aus nicht mehr vertretbar", sagt Max-Planck-Forscher Roeckner klipp und klar. Derweil glaubt PIK-Direktor Schellnhuber noch an eine hauchdünne Chance, die Kurve gerade noch so vor dem Klima-Gau zu kriegen: "Aber das bedeutet, dass die Industrieländer ihre Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2050 um mindestens 60 Prozent reduzieren." "In den nächsten zehn bis 15 Jahren" seien die entsprechenden Investitionsentscheidungen zu treffen, mahnt Schellnhuber: "Wenn das nicht gelingt, schießen wir weit über die zwei Grad hinaus." Der Physiker hofft noch immer, dass es nicht so weit kommt, denn "dann können wir Wissenschaftler nicht mehr garantieren, dass der Klimawandel noch beherrschbar sein wird".

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Forum - Klimaforschung - Ende der Endzeit-Szenarien?
insgesamt 2303 Beiträge
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1.
christian_g., 12.04.2005
Ich denke, wenn man sich Seiten wie diese hier - http://www.lifeaftertheoilcrash.net/ - durchliest, sind Klimakatastrophen in den nächsten Jahren eines unserer geringsten Probleme. Ich bin eigentlich ein Optimist, aber so etwas macht einen dann doch schon etwas nachdenklich :)
2. Noch ist Zeit zum Bremsen
C_Kulmann, 13.04.2005
Aktuelle Wetterereignisse als Vorboten des Klimawandels zu sehen ist ohnehin Blödsinn. Das Jahreswetter verläuft in Wellen, jeder Sommer und jeder Winter hat seine Höhen und Tiefen. Der Klimawandel wird sich dadurch bemerkbar machen, dass sich das ganze System langsam, in der Größenordnung von Jahrzehnten, verschiebt. Auf die leichte Schulter nehmen sollten wir das trotzdem nicht. Im Februar 2005 gab es eine große Konferenz zu diesem Thema in England. Was diese Konferenz von ihren vielen Vorgängern unterschied war die Frage, was genau man denn als "gefährlichen Klimawandel" einschätzen muss. Ein Beitrag befasste sich mit der Eiskappe von Grönland. Das Grönlandeis ist im Augenblick noch stabil, aber wenn sich der Kohlendioxidgehalt der Luft ca. vervierfacht, fängt die Eiskappe an zu schmelzen. Das große Problem dabei ist, dass dieser Vorgang unumkehrbar ist, selbst wenn mittendrin das Klima wieder in seinen heutigen Zustand zurückkehrt. Weil die Oberfläche der Eiskappe beim Schmelzen in immer tiefere und wärmere Luftschichten absinkt, würde sie, wenn dieser Vorgang einmal begonnen hat, vollständig verschwinden. Der Meeresspiegel wäre dann um sieben Meter höher, und Hamburg und Bremen wären die neuen Traumziele von Unterwasser-Touristen. Auf dieser Konferenz wurden noch mehrere andere Beispiele für solche "gefährlichen Klimaveränderungen" genannt. Was mich persönlich erschreckt hat war die Tatsache, dass bei der Hälfte dieser Phänomene derzeit niemand weiss, ob sie eventuell schon begonnen haben. Es sind auf jeden Fall ziemlich heftige klimatische Schneebretter, die wir möglichst nicht lostreten sollten. Das Thema zu verharmlosen halte ich daher für unangebracht, unbegründet und sehr leichtsinnig. Bei der Klima-Diskussion ist mir auch noch ein weiterer Punkt immer wieder sauer aufgestoßen. Die meisten Berichte enthalten irgendwo den Satz "...es wird eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 2°C / 5°C / 11°C etc. erwartet." Schön, könnte man meinen, dann werden die Sommer eben 2°C wärmer und die Winter etwas milder. Alles kein Problem? Nur die wenigsten Leser bedenken dabei, dass der Unterschied zwischen der heutigen Welt und dem Höhepunkt der letzten Eiszeit als "globale Durchschnittstemperatur" betrachtet gerade mal 5°C betrug. Es waren "nur 5°C", die darüber entschieden, ob z.B. hier in Bremen ein mild-maritimes Klima wie heute oder ein voll entwickeltes arktisches Klima wie vor 20.000 Jahren herrschte. Die Veränderungen in den Ozeanen und der Atmosphäre sind leider erheblich komplizierter, als einfach nur die "Suppe" etwas wärmer zu machen. Das sollten wir dabei bedenken. Ich möchte damit keine Katastrophen herbeireden und auch niemandem den Tag verderben - ganz im Gegenteil. Wenn man sich mal ein bisschen breiter über das Thema informiert wird deutlich, dass wir auch jetzt immer noch eine ganze Menge zu unserem eigenen Vorteil unternehmen können. Der Klimawandel ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass wir zwangsläufig in eine Katastrophe geraten. Immerhin hieß es bei der Hälfte der "gefährlichen Klimaveränderungen" auf der Konferenz, dass sie noch nicht begonnen haben. Es ist also immer noch Zeit zum Bremsen.
3. ups and downs and our wallets
Abakan, 14.04.2005
Und wer sagt das es sich dabei eben NICHT um ein natürliches Phänomen handelt? Eiszeiten und Hitzeperioden hat es schon vor dem Menschen gegeben. Ich persönlich glaube das die ganze Klimageschichte nur aufgezogen wird um uns die Kohle aus den Taschen zu ziehen ( zumindest beim Staat ist das offensichtlich )
4.
C_Kulmann, 15.04.2005
Moin Abakan, Ob natürliches Phänomen hin oder her, bedrohlich ist es allemal und wir wären dämlich, nicht darauf zu reagieren. Aber für meinen Geschmack kämen dabei zuviele Zufälle auf einmal zusammen; zumal der Temperaturtrend der letzten 8.000 Jahre zumindest für die Nordhalbkugel eher auf eine Abkühlung hinlief. Die meisten Prognosen sind bisher lediglich Computermodelle, aber immer mehr von diesen Vorhersagen scheinen sich zu bestätigen. Die Welt verändert sich, und wir müssen uns irgendwie darauf einstellen. Und was ich vor allem sagen wollte war, dass wir lieber nicht die Hände in den Schoß legen und einfach abwarten sollten, bis die schlimmsten Prognosen eingetreten sind. Denn manche dieser Vorgänge würden die Erde unwiderruflich und sehr zu unserem Nachteil verändern. Christoph
5. Menschengemacht?
C_Kulmann, 19.04.2005
Zur Frage, inwieweit die jüngste Erderwärmung von Menschen mitverursacht wird, gibt es bei SPIEGEL Online gerade einen interessanten Artikel: http://www.spiegel.de/wissenschaft/erde/0,1518,351110,00.html Christoph
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