Klimaschutz Forscher warnen vor CO2-Fresser-Zucht im Ozean

Ein amerikanisches Unternehmen plant, im großen Stil Eisen ins Meer zu kippen, um Plankton zum Wachsen zu bringen. Das marine Grünzeug soll CO2 verschlingen und so den Treibhauseffekt mildern. Forscher warnen: Die Folgen des massiven Eingriffs in die Ozeane sind unkalkulierbar.

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Der Vorschlag hört sich an wie eine verblüffend schlichte Lösung zur Rettung der Menschheit. Das Kohlendioxid (CO2), das die Wärme auf der Erde hält und so entscheidend zum Klimawandel beiträgt, soll einfach im Ozean versenkt werden: in den abgestorbenen Körpern winziger Lebewesen.

Phytoplankton, also Algen, betreiben Photosynthese, binden Kohlenstoff. Wenn sie sterben, sinken sie im Idealfall zum Meeresgrund. Diesen Prozess will ein kommerzielles US-Unternehmen nun künstlich beschleunigen - und daran verdienen.

Die kalifornische Firma Planktos will mit Schiffen über die Weltmeere fahren und das Plankton düngen, damit es schneller wächst und mehr CO2 aus dem Stoffkreislauf herausnimmt. "Wenn wir jetzt anfangen, könnten wir die Ozeane und uns selbst retten", schrieb Planktos-Chef Russ George in einem offenen Brief an die Skeptiker .

Die Autoren des IPCC-Berichtes, der Empfehlungen des Weltklimarates an die Regierungen der Welt enthält, sehen das anders. "Möglichkeiten wie die Düngung der Ozeane, um CO2 direkt aus der Atmosphäre zu entfernen, bleiben zum Großteil spekulativ und unbewiesen", schrieben sie. Es gebe "das Risiko unbekannter Nebeneffekte".

Ulrich Bathmann vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung wird im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE noch deutlicher: "Wir warnen davor, solche Maßnahmen in großem Stil anzuwenden, ohne die Folgen wissenschaftlich absehen zu können." Der Fachmann Jim Bishop vom Lawrence Berkeley National Laboratory hält die Pläne für wissenschaftlich unsinnig: "Die publizierten Erkenntnisse bieten eindeutig keinerlei Unterstützung für die Vorstellung, eine Eisen-stimulierte Plankton-Blüte würde anschließend zum Grund sinken."

Eine Fläche, größer als Puerto Rico soll gedüngt werden

Die Pläne von Planktos aber sind sehr real. Das eigens angekaufte Schiff Weatherbird II ist schon auf dem Weg in den Südpazifik, um dort mit einem Dünge-Test gewaltigen Ausmaßes zu beginnen. Eine Fläche von 10.000 Quadratkilometern soll mit einer speziellen Form von Eisen gedüngt werden, um einen gewaltigen Algenteppich heranzuzüchten. Der soll dann CO2 aus der Atmosphäre absorbieren.

Meeresforscher in dem europäischen Exzellenznetzwerk EurOceans sind besorgt - so sehr, dass man einen eigenen Aufklärungsfilm über die Meere und das CO2 gedreht hat und gestern zu einer Pressekonferenz lud. Dort warnten internationale Experten vor der Eisendüngung.

Einige der EurOceans-Mitglieder haben selbst schon das Meer gedüngt, aber in wesentlich kleinerem Ausmaß. Ulrich Bathmann spricht von "neun oder zehn Experimenten", vor allem im Südozean und im Pazifik. Auch das Alfred-Wegener-Institut, das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehört, hat mitgeforscht. Dabei sind aber wesentlich kleinere Flächen experimentell mit Eisen bestreut worden, der Durchmesser betrug etwa 10 Kilometer. Die Fläche, die Planktos im ersten Test düngen will, ist größer als die von Puerto Rico.

80 bis 95 Prozent landen auf dem Meeresgrund

Dass Eisen an manchen Stellen im Ozean Mangelware ist und Plankton mit mehr Eisen besser wächst, bestreitet kein Wissenschaftler. Eine Gruppe, deren Mitglieder ebenfalls zum EurOceans-Netzwerk gehören, hat erst vor kurzem eine entsprechende Studie publiziert. Der französische Ozeanograf Stephane Blain und seine Kollegen zeigten, dass die Algen besonders gut an Stellen wachsen, die durch vom Meeresgrund aufgewirbelte Mineralien gedüngt werden.

Die Kapazität zur CO2-Bindung ist eindrucksvoll - aber vor allem dann, wenn die Eisendüngung auf natürlichem Weg zustande kommt. Bei künstlichen Düngungsversuchen landeten geschätzt 80 bis 95 Prozent des Eisens auf dem Meeresgrund statt in den CO2-konsumierenden Organismen.

Schwerer wiegen jedoch andere Bedenken: Die großflächige Düngung würde marine Ökosysteme radikal verändern.

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