Klimaschutz: Greenpeace flirtet mit "Bild"

Von Sebastian Knauer

Heftige Debatte in Deutschlands Umweltorganisationen: Die "Bild"-Zeitung will sich als Klimaschutz-Postille präsentieren und kooperiert dafür mit ungewöhnlichen Partnern - Greenpeace, BUND und WWF.

"Das ist eine große Chance für uns, täglich rund zwölf Millionen Bundesbürger zu erreichen", sagt Greenpeace-Geschäftsführerin Brigitte Behrens. Mit der Chefredaktion der Bild-Zeitung sei nach "mehrmonatigen Verhandlungen" eine Zusammenarbeit zum Thema Klimaschutz vereinbart worden. Bis zum Ende des Jahres 2007 sollen diverse Publikationen zum Thema Energiesparen im Privatbereich, spritsparendes Autofahren, Wärmedämmung von Immobilien oder kohlendioxidneutrale Fernreisen präsentiert werden. Dazu kommen "leserorientierte Mitmach-Aktionen". Die "Bild"-Zeitung wird grün. Greenpeace springert.

Greenpeace-Aktivisten demonstrieren gegen den Klimawandel: "Das wird nicht easy."
DPA

Greenpeace-Aktivisten demonstrieren gegen den Klimawandel: "Das wird nicht easy."

Zuvor hatte es bei der bislang kritischen Umweltorganisation (550.000 Fördermitglieder) intern heftige Auseinandersetzungen über die neue Kooperation mit der "Bild"-Zeitung gegeben. "Bei uns", bestätigt Greenpeace-Sprecherin Cornelia Deppe-Burghardt, "gab es lebhafte Diskussionen und wir haben uns bewusst zu dieser Kooperation beschlossen." Befürchtet wird, dass ein Teil der Fördermitglieder die große Koalition zwischen den Rittern des Boulevards und den Regenbogenkämpfern ablehnt, und sich von den Ökos enttäuscht abwendet. "Das wird nicht easy", kommentiert Greenpeace-Mitgründer Harald Zindler, "wir können dabei doch nur verlieren, wenn wir unsere Rolle als Opposition aufgeben."

Auch beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der derzeit 392.000 Förderer und Mitglieder zählt, erinnern führende Funktionäre an vergangene Schlachten mit der "Bild"-Zeitung. So demonstrierten vor einigen Jahren BUND-Gruppen vor dem Springer-Hochhaus in Berlin gegen die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung in Sachen Öko-Steuer und Benzinpreise. Die damalige "Bild"-Einschätzung lautete "Über ganz Deutschland schwappt die Benzinwut" oder "Hoffnung für alle Autofahrer - Der Öko-Steuer geht's an den Kragen."

WWF-Sprecher Klaus-Henning Groth verteidigt die neue Koalition mit dem Wunsch, "das Thema in die Breite zu tragen". Auch bei der bisherigen Berichterstattung der "Bild"-Zeitung habe "man die Hoffnung nicht aufgegeben".

Der Klimawandel wurde spätestens seit der Oscar-Verleihung an den Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore zum modischen Massenthema – mit allen Gefahren, dass es bald wieder in der Versenkung verschwindet. Wie wenig der Vizepräsident Gore, in seiner aktiven Amtszeit 1997 für die Ratifizierung des Kyoto-Klimaschutz-Protokolls tatsächlich getan hat, wird in der Dokumentation unterschlagen. Am Montag nach der Oscar-Verleihung hatte das konservative Tennessee Center for Policy Research Berechnungen zu Gores privater Strom- und Gasrechnung veröffentlicht, die den US-Durchschnitt um ein Vielfaches übersteigen soll.

Blogger enttarnten das Center jedoch als industrienahe Propagandaveranstaltung. Gore ließ erklären, durch Ausgleichsmaßnahmen sei sein Energieverbrauch klimaneutral.Geringe ökologische Standards erfüllt auch der derzeitige Fuhrpark der Springer AG. Eine Dienstwagenflotte von der DaimlerChrysler S-Klasse, hubraumstarken Audis bis zu BMWs der siebener Reihe transportiert die Manager durchs Land. Kürzlich wurden die Beschaffungsrichtlinien für die Dienstfahrzeuge auch für "ausländische Modelle" geöffnet. Ob schon ein imagestarker Hybrid-Wagen für die Bild-Zeitung fährt, ist im Konzern noch unbekannt. Der Chefredakteur vertraut derzeit noch auf schwarz lackiertes Traditionsblech mit weit über der zukünftigen EU-Norm liegenden Werten von Kohlendioxid pro Kilometer.

"Wir werden gerne bei der Optimierung der Dienstwagen mit unserem Umweltsachverstand beratend tätig", sagt Greenpeace-Sprecherin Deppe-Burghardt. Auch in Zukunft wolle sich Greenpeace nicht verbieten lassen, den neuen Bündnispartner zu kritisieren. Das Fachorgan für gepflegte Motorisierung, die "Auto-Bild", ist in dem Ökopakt auch nicht enthalten. Schon wird auch bei Springer gespottet, dass nach der "Volks-Bibel" von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann demnächst das klimaoptimierte "Volks-Auto" im Vatikan angepriesen wird.

Der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) mit rund 400.000 Mitgliedern, Olaf Tschimpke, wurde erst gar nicht von der "Bild"-Zeitung gefragt. "Bislang haben wir diese Zeitung nicht als Speerspitze der Umweltpolitik wahrgenommen", sagt Tschimpke. Und auch für einen Sprecher des kritischen Umweltverbandes Robin Wood wäre "eine solche Partnerschaft bei uns nicht durchsetzbar".

Welche Aktionen die Bild-Zeitung zusammen mit den Ökos anschieben will, soll heute bei einer Pressekonferenz in Berlin offen gelegt werde. Auch Greenpeace wird im Rahmen der Partnerschaft "einige Leistungen" der Springer AG beziehen, die aber, so die Sprecherin Deppe-Burkhardt "nicht finanzieller Natur" sein sollen.

Der ehemalige Greenpeace-Chef Thilo Bode, heute Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, will den Schwenk seiner ehemaligen Organisation erst gar nicht kommentieren. "No comment."

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