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Klimaschutz in China: "Wir lassen uns den Autokauf nicht verbieten"

China produziert CO2 wie kein anderes Land. Trotzdem wehrt es sich gegen den Vorwurf, weltgrößter Klimasünder zu sein. Der Sondergesandte Yu Qingtai wirft im SPIEGEL-ONLINE-Interview dem Westen vor, die Schuld abwälzen zu wollen: Man könne seinem Land keinen niedrigeren Lebensstandard verordnen.

SPIEGEL ONLINE: China ist zum wichtigsten Verursacher von CO2-Emissionen geworden. Übernimmt Ihr Land die Verantwortung, die sich daraus ergibt?

Yu Qingtai: Wir nehmen den Klimawandel sehr ernst, aber vergessen Sie bitte nicht, dass wir 1,3 Milliarden Menschen sind. Der Unterschied bei den Pro-Kopf-Emissionen zwischen China und den Industrienationen ist immer noch riesig. Man kann einem Chinesen nicht sagen, dass er wegen seines Geburtslandes nur ein Fünftel oder ein Viertel der CO2-Emissionen verursachen darf, im Vergleich zu jemandem, der in Europa geboren wurde. Das würde dem Grundsatz zuwiderlaufen, dass alle Menschen gleich sind.

Automassen in Peking: "Wir versuchen so streng zu sein wie die EU" Zur Großansicht
REUTERS

Automassen in Peking: "Wir versuchen so streng zu sein wie die EU"

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, dass die chinesischen Pro-Kopf-Emissionen von 4,6 Tonnen jährlich auf das westliche Niveau von 10 bis 20 Tonnen jährlich steigen werden?

Yu Qingtai: Keinesfalls, wir versuchen nicht, zum gefährlichen Niveau der Emissionen in Europa und den USA aufzuholen. Das wäre für die ganze Welt schlecht, uns eingeschlossen. Wir müssen einen anderen, nachhaltigeren Weg finden. Aber wir werden es nicht zulassen, dass der Westen den Chinesen im Namen des Klimaschutzes den Autokauf verbietet, nur um selbst immer mehr Autos kaufen zu können. Das wäre komplett inakzeptabel. Ich trete sehr für Klimaschutz ein, aber ich bin auch stolz darauf, dass mehr und mehr meiner Landsleute sich ein Auto leisten und damit in die Arbeit fahren können.

SPIEGEL ONLINE: Der CO2-Ausstoß der Autos wird also ins Unermessliche wachsen?

Yu Qingtai: Bitte schauen Sie sich unsere neuen Regeln für den CO2-Ausstoß von Autos an. Wir versuchen so streng zu sein wie die EU. Einige unserer Auflagen sind schon strenger als in den USA. Diese Auflagen werden unsere heimische Autoindustrie umkrempeln. Wir führen Strafzahlungen ein für große, spritschluckende Autos wie SUV. Das betrifft heimisch produzierte und importierte Autos gleichermaßen. Elektroautos dagegen werden subventioniert.

SPIEGEL ONLINE: Warum versucht China nicht von vornherein, die falschen Konsummuster des Westens zu vermeiden?

Yu Qingtai: Wir wollen unseren Bürgern nicht die Hoffnung auf einen höheren Lebensstandard verweigern. Aber wir versuchen, dies auf nachhaltigem Weg zu erreichen. Wir strengen uns an. Unsere Energieeffizienz soll um vier Prozent pro Jahr wachsen, wir weiten die Nutzung von erneuerbaren Energiequellen und Kernkraft aus, wir vergrößern den Waldanteil auf 20 Prozent. Was wir damit erreichen, wird gegen die Maßnahmen anderer nicht blass aussehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum weigert sich China dann, international verbindlichen CO2-Zielen zuzustimmen und damit ein Hindernis für die USA zu beseitigen, es ebenso zu tun?

Yu Qingtai: Weil es zwischen China und den Industrienationen immer noch grundsätzliche Unterschiede gibt. Alle schauen auf unsere eindrucksvollen Wachstumsraten, aber vergessen, dass wir immer noch ein Entwicklungsland sind, in dem viele Millionen Menschen in Armut leben. Der Westen ist verantwortlich für den Großteil des CO2, das sich in der Atmosphäre angereichert hat. Niemand kann diese historische Verantwortung leugnen, aber einige westliche Länder versuchen sie den Entwicklungsländern zuzuschieben, um vom eigenen Versagen abzulenken.

SPIEGEL: Werden China und die neue US-Regierung einen Kompromiss finden können?

Yu Qingtai: Wir haben uns bereits über gemeinsame Anstrengungen im Klimaschutz geeinigt. Bei näherer Betrachtung stehen wir nämlich vor ähnlichen Herausforderungen wie unsere starke Abhängigkeit von Kohle und der Bedarf, die Energieeffizienz zu verbessern. Wir haben viele gemeinsame Interessen. Die Gemeinsamkeiten werden wachsen.

SPIEGEL ONLINE: China ist zur "Weltfabrik" geworden. Haben damit Industriestaaten ihre CO2-Emissionen nach China verlagert?

Yu Qingtai: Chinesische Experten gehen davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der chinesischen Emissionen von Produkten stammen, die auf Auslandsmärkten landen, besonders in den USA und Europa. Wir liefern der Welt günstige Produkte zu guter Qualität, aber die CO2-Emissionen werden nur China zugeschrieben. Dasselbe unfaire Muster trifft auf andere Entwicklungsländer zu. Wir müssen einen Weg finden, hier bei den internationalen Klimaverhandlungen für einen Ausgleich zu sorgen. Das Thema muss berücksichtigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Der Westen trägt große Schuld am Klimawandel, aber wäre es nicht in Chinas ureigenem Interesse, sich als grüne Führungsnation Asiens zu profilieren?

Yu Qingtai: Es ist uns völlig klar, dass es in unserem eigenen Interesse ist, beim internationalen Kampf gegen den Klimawandel mitzumachen. Für ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern ist die Ernährungssicherheit ganz zentral. Wenn als Folge des Klimawandels Ernten wegen Wetterextremen wie Dürren und Überschwemmungen ausfallen, wird niemand uns vollständig von außen helfen können, um für eine sichere Ernährung zu sorgen. Zudem liegen unsere Wirtschaftszentren an der Küste. Wenn der Meeresspiegel steigt, würden die chinesische Volkswirtschaft und die Weltwirtschaft Schaden nehmen. Deshalb brauchen wir entschlossenes Handeln.

SPIEGEL ONLINE: Bis zum Uno-Gipfel von Kopenhagen sind es nur noch fünf Monate. Gibt es Fortschritte?

Yu Qingtai: Unter den Entwicklungsländern herrscht hauptsächlich Frustration vor, und China teilt dieses Gefühl. Vor 17 Jahren haben sich die Industrieländer verpflichtet, ihre CO2-Emissionen zu vermindern und Entwicklungsländern mit Geld und Technologie in eine grünere Zukunft zu helfen. Aber nur sehr wenige Länder versuchen es überhaupt, ihre Versprechen einzulösen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn überhaupt schon überzeugende Angebote dafür, den Entwicklungsländern finanziell zu helfen?

Yu Qingtai: Bei den Verhandlungen in Bonn kamen die Industriestaaten bei dieser Frage sehr schnell auf den Markt und Privatunternehmen als Finanzquellen für Klimaschutz in Entwicklungsländern zu sprechen. Aber nach 17 Jahren Untätigkeit zu sagen, dass wir uns das Geld doch bitte vom Markt holen sollen, ist nichts anderes als ein Versuch, eigene Verpflichtungen loszuwerden.

SPIEGEL ONLINE: Könnte darin nicht auch eine Chance für China liegen, die Führungsrolle zu übernehmen?

Yu Qingtai: Wir stecken ja schon enorme Ressourcen in Wissenschaft und Technologie, wir widmen auch große Teile unseres Konjunkturprogramms grünen Technologien. Aber als Entwicklungsland stehen wir eben auf einem vergleichsweise niedrigeren technologischen Niveau, und oft können Entwicklungsländer sich die Technologie, die für eine CO2-arme Entwicklung nötig wäre, eben nicht leisten. Wir brauchen also eine völlig neue Dimension der Zusammenarbeit in der Forschung und beim Teilen der besten grünen Technologien.

SPIEGEL ONLINE: Westliche Firmen wollen ihre Technologien aber nicht teilen, sie wollen Geld damit verdienen.

Yu Qingtai: Am Verhandlungstisch sagen uns dann die westlichen Regierungen, sie besäßen diese Technologien nicht, so dass wir sie auch nicht von ihnen bekommen können. Doch diese Regierungen haben sich formal zum Technologietransfer verpflichtet - und sie sollten dafür sorgen, dass er funktioniert. Wir achten die Eigentums- und Patentrechte von Firmen, die neue Technologien entwickeln. Warum aber gibt es dann keinen Fonds, aus dem Firmen dafür entschädigt werden, dass die ihre Technologien der ganzen Welt verfügbar machen?

SPIEGEL ONLINE: Das hieße, dass die Bundesregierung Siemens dafür bezahlt, China seine effizientesten Kraftwerke zu Vorzugspreisen anzubieten?

Yu Qingtai: Ja, das wäre ein Weg, damit sich ärmere Länder Effizienztechnologien leisten können. Es gibt viele solche Wege, sofern der Wille da ist. Weil es daran fehlt, wachsen die Entwicklungsländer derzeit mit alten, ineffizienten und CO2-intensiven Technologien.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass beim Uno-Gipfel in Kopenhagen im Dezember eine Einigung erzielt wird?

Yu Qingtai: Ich bin immer noch optimistisch. Wenn wir versagen, wird das nicht nur unser eigenes Leben negativ beeinflussen, sondern das Leben vieler Generationen. Es gibt die unterschiedlichsten Positionen und Ziele, aber am Ende muss der Kopenhagen-Gipfel ein Erfolg werden. Wenn wir diese Krise nicht lösen, werden wir alle darunter leiden.

Das Interview führte Christian Schwägerl

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
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1. es kommt auf den Pro-Kopf-Ausstoß an
Le Commissaire 18.06.2009
Zitat von sysopChina produziert CO2 wie kein anderes Land - und wehrt sich trotzdem gegen den Vorwurf, weltgrößter Klimasünder zu sein. Der Sondergesandte Yu Qingtai wirft im SPIEGEL-ONLINE-Interview dem Westen vor, die Schuld abwälzen zu wollen: Man könne seinem Land keinen niedrigeren Lebensstandard verordnen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,630235,00.html
Yu Qingtai hat Recht. Wenn alle Menschen gleich sind, dann haben auch alle Menschen die gleichen Verschmutzungsrechte. Das bedeutet entweder, daß China im Pro-Kopf-Ausstoß an den Westen anschließen kann oder, wenn wir das nicht wollen, daß der Westen auf das Niveau von China zurückfahren muß. Beim aktuellen technischen Stand würde das aber bedeuten, daß wir unseren Lebestandard spürbar senken müßten. Das will kaum jemand - so egoistisch wird man ja wohl noch sein dürfen, nicht wahr? - daher wird permanent versucht, China ein schlechtes Gewissen einzureden. Ich hoffe und glaube, daß China standhaft bleiben wird, nur das wird (leider) dazu führen, daß sich die Menschen hier zu einem anderen Lebensstil bequemen.
2. gut erkannt
systemfeind 18.06.2009
Zitat von sysopChina produziert CO2 wie kein anderes Land - und wehrt sich trotzdem gegen den Vorwurf, weltgrößter Klimasünder zu sein. Der Sondergesandte Yu Qingtai wirft im SPIEGEL-ONLINE-Interview dem Westen vor, die Schuld abwälzen zu wollen: Man könne seinem Land keinen niedrigeren Lebensstandard verordnen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,630235,00.html
herzlichen Glückwunsch zu dieser Einsicht ; ich werde Sie daran erinnern wenn es wieder heißt : " Keine neuen Kohlekraftwerke in Deutschland " Bleibt die Frage wer sich einschränken wird : na? wer weiß es ?? RICHTIG : die Afrikaner . 10 Punkte !
3. .
mhampel, 18.06.2009
---Zitat--- Der Unterschied bei den Pro-Kopf-Emissionen zwischen China und den Industrienationen ist immer noch riesig. Man kann einem Chinesen nicht sagen, dass er wegen seines Geburtslandes nur ein Fünftel oder ein Viertel der CO2-Emissionen verursachen darf, im Vergleich zu jemandem, der in Europa geboren wurde. ---Zitatende--- Der Mann hat einfach recht. Wir können uns erst über China beklagen, wenn unsere CO2-Emissionen Pro-Kopf zumindest in die Nähe der Chinesischen kommen oder diese gar unterbieten können. Einfach von einem Land die Summe aller CO2-Emissionen mit einem anderen Land zu vergleichen ist nicht statthaft. Gegen uns sind die Chinesen in der Hinsicht wahre Klimaretter.
4. .
Carnival Creation, 18.06.2009
es scheitert am Geld. Woran auch sonst.
5. Alles richtig,
Marion, 18.06.2009
Schade ist nur, dass sich kein Westler findet, der China hilft, unsere Fehler zu vermeiden. Könnte sich doch eigentlich lohnen, aber nein, erstmal für jeden ein Stinkeauto und den wachsenden Energiehunger mit Riesenstaudämmen decken. Da verkehrt sich Fortschritt schon auch mal in Rückschritt - will nur keiner wahrhaben, jedem seine Limousine auf der freien Autobahn, das ist Lebensqualität.
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