Klimaskeptiker Ivar Giaever Nobelpreisträger auf Abwegen

Die höchste Wissenschaftlerehrung schützt nicht vor kruden Theorien. Das zeigt der Fall des Klimawandelskeptikers Ivar Giaever. Eine Begegnung mit dem 86-Jährigen beim Nobelpreisträger-Treffen am Bodensee.

Von Christian Endt

NLM/ Adrian Schröder

Mühsam steigt Ivar Giaever die sieben Stufen auf die Bühne des Lindauer Stadttheaters empor. Er geht gebückt, setzt behutsam einen Fuß vor den anderen. Wie die meisten anderen Nobelpreisträger, die zur jährlichen Tagung an den Bodensee gereist sind, ist Giaever ein alter Mann.

65 Nobelpreisträger sind in diesem Jahr nach Lindau gekommen. Giaevers Kollegen nutzen ihre Vorträge meist für einen Rückblick auf die eigenen Errungenschaften. Giaever dagegen spricht über ein Thema, von dem er nach eigenem Bekunden keine Ahnung hat: über den Klimawandel. Er hat 1973 seinen Nobelpreis für Arbeiten zur Supraleitung bekommen, anschließend in der Biophysik geforscht. In dreißig Minuten erklärt er trotzdem alles für grundverkehrt, was man über das Klima zu wissen glaubt. Es gebe vielleicht gar keine Erwärmung, CO2 sei nicht die Ursache, und überhaupt sei das alles kein Problem, so seine Argumentation in aller Kürze.

Am Tag vorher sitzt Giaever in einem Nebenraum der Lindauer Inselhalle. Der 86-Jährige gibt das Interview im kurzen Hemd, entspannt nach hinten gelehnt, die Beine übereinander geschlagen. Warum er sich mit dem Klimawandel befasse? "Weil ich in Sorge bin." Dazu macht er eine Besorgter-Großvater-Miene, die Augenbrauen leicht nach oben gezogen. "Ich interessiere mich nicht besonders für den Klimawandel", sagte Giaever 2012 in einem Lindau-Vortrag, "aber ich habe einen Tag, oder eher einen halben Tag, auf Google verbracht". Ob er sich in der Zwischenzeit ausführlicher mit dem Thema befasst habe? "Nein. Brauche ich nicht."

"Seit 19 Jahren keine Erderwärmung"

Zum Einstieg seines Vortrags stellt Giaever infrage, dass sich die Erde überhaupt erwärmt: "Wie kann es möglich sein, die Durchschnittstemperatur der gesamten Erde zu messen, auf den Bruchteil eines Grades genau?" Das ist tatsächlich kompliziert und erfordert aufwendige statistische Korrekturen. Giaever macht sich jedoch nicht die Mühe, die Methoden genauer anzusehen, seine Kritik zu begründen; zu erklären, warum vier unabhängige Datensätze trotzdem übereinstimmende Ergebnisse liefern.

Giaever hält sich mit der linken Hand am Rednerpult fest. "Seit 19 Jahren gab es keine Erwärmung mehr", sagt er. "Obwohl weiter CO2 in die Atmosphäre gelangte." Nicht ohne Grund werden in der Klimawissenschaft Zeiträume von mindestens 30 Jahren betrachtet. Das hatte Giaever sogar auf seiner vorherigen Folie stehen. Spätestens hier widerspricht er sich selbst. Klimaforscher haben viele mögliche Erklärungen für die Erwärmungspause gefunden, von El Nino bis zu einer erhöhten Wärmeaufnahme der Weltmeere. Und neuen Daten zufolge gab es gar keine Pause.

Gut der Meinungsfreiheit

In Lindau spricht Giaever vor Nachwuchsforschern und anderen Nobelpreisträgern. In der zweiten Reihe: Steven Chu, Energieminister in Barack Obamas erstem Kabinett, wo er viel Geld in die Erforschung erneuerbarer Energien lenkte. Der Physik-Nobelpreisträger sinkt immer tiefer in seinen purpurroten Sessel, fährt sich durch die Haare, kratzt sich an der Stirn, schüttelt den Kopf.

Kritik gab es auch via Twitter, etwa vom Physiker Nicholas Haynes von der Duke University in Durham (USA):

Fast wäre es das Beste, Giaever einfach zu ignorieren. Doch sein Nobelpreis sorgt dafür, dass der Physiker immer wieder zitiert wird, wenn irgendwo der Klimawandel bestritten wird. Konservative Denkfabriken schalten Anzeigen mit seinem Namen. Das "Wall Street Journal" nennt ihn als Beleg für einen "Kollaps des Konsenses" in der Klimawissenschaft.

Bei Veranstaltungen wie der in Lindau hat Giaever die Möglichkeit, seine unfundierten Thesen öffentlichkeitswirksam zu äußern. Der Nobelpreis garantiert ein großes Publikum. "Wir wissen natürlich, dass das, was Giaever da vorträgt, nach überwiegendem Konsens der Wissenschaft nicht zutreffend ist", sagt Wolfgang Huang, Leiter der Geschäftsstelle der Lindauer Tagung. "Die wissenschaftlichen Leiter sind sich bewusst, dass das sehr fragwürdig ist. Sie schätzen aber das Gut der Meinungsfreiheit höher ein."

Es gäbe ja durchaus offene Fragen, über die man diskutieren könnte. Etwa ist nicht einwandfrei belegt, dass die Erderwärmung zu einer Zunahme von Extremwetterereignissen führt. Statt differenziert zu argumentieren, zeigt Giaever lieber ein Foto mit zwei dicken Menschen - zur Widerlegung der These, der Klimawandel lasse viele Tierarten schrumpfen.

Als Chiaever fertig ist, leert sich der Saal rasch. Steven Chu hat es besonders eilig. "Wir haben unterschiedliche Meinungen. Ich bin nicht sicher, wo die Daten herkommen, die er verbreitet" - mehr will er über Ivar Giaever nicht sagen.

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