Klimastatistik Treibhausgas-Ausstoß steigt schneller als je zuvor

Der Kampf gegen den Klimawandel droht verlorenzugehen: Der CO2-Ausstoß ist 2010 erneut gestiegen - und zwar rasanter denn je, wie eine neue Statistik der Internationalen Energieagentur besagt. Die Begrenzung der Erwärmung auf zwei Grad sei nur noch "eine nette Utopie".

Kraftwerk bei Liverpool: Treibhausgas-Emissionen auf Rekordhoch
REUTERS

Kraftwerk bei Liverpool: Treibhausgas-Emissionen auf Rekordhoch


London - Der Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasen hat im vergangenen Jahr ein Rekordhoch erreicht. Einem neuen Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge ist der globale Kohlendioxid-Ausstoß 2010 um insgesamt 1,6 Gigatonnen gestiegen. Das sei der bisher höchste Anstieg seit Beginn der Messungen.

Insgesamt habe die CO2-Emission im vergangenen Jahr weltweit 30,6 Gigatonnen betragen. Das sei ein Anstieg um knapp fünf Prozent gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2008, in dem 29,3 Gigatonnen ausgestoßen worden seien. 44 Prozent der Emissionen des vergangenen Jahres stammten laut IEA aus der Kohleverbrennung, 36 Prozent aus der Ölnutzung und 20 Prozent vom Erdgas.

Zwischen 2008 und 2009 waren die Emissionen zunächst leicht zurückgegangen, was Forscher vor allem auf die globale Wirtschaftskrise zurückführten. Wegen der einsetzenden ökonomischen Erholung hatten sie für 2010 mit einem leichten Anstieg gerechnet - aber nicht mit einem so drastischen Aufwärtstrend. "Ich bin äußerst besorgt. Das sind die schlimmsten Nachrichten zum Thema Klima", sagte IEA-Chefökonom Fatih Birol dem "Guardian". "Es wird zu einer außerordentlichen Herausforderung, wollen wir das Ziel noch erreichen und die Klimaerwärmung unter zwei Grad halten."

"Die Aussicht verdüstert sich"

Wissenschaftler glauben, dass eine Erwärmung von mehr als zwei Grad gefährliche Folgen für die Weltwirtschaft haben und zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene führen könnte. Birol aber sagte, das Erreichen des Zwei-Grad-Ziels sei wahrscheinlich nur noch "eine nette Utopie". "Die Aussicht verdüstert sich", sagte der Wirtschaftswissenschaftler. "Das ist die Botschaft dieser Zahlen."

Nach den Berechnungen der IEA sollten die Emissionen aus der Energiegewinnung bis zum Jahr 2020 nicht über 32 Gigatonnen pro Jahr liegen. Sollte der Ausstoß 2011 aber ebenso schnell steigen wie 2010, könnte die kritische Grenze neun Jahre früher als geplant erreicht werden. Das würde es praktisch unmöglich machen, den Klimawandel auf einem beherrschbaren Maß zu halten.

Der britische Ökonom Nicholas Stern, der 2006 mit dem nach ihm benannten Report über die drohenden Kosten des Klimawandels Schlagzeilen machte, zeigte sich nicht weniger besorgt als Birol. Die neuen IEA-Zahlen belegten, dass sich die Welt nahezu auf einem "business as usual"-Pfad befinde. Im Klimapolitik-Jargon steht das für ein Szenario, in dem praktisch nichts gegen die ausufernden Treibhausgas-Emissionen unternommen wird.

Nach Prognosen des Uno-Klimarats IPCC bedeute das eine 50-prozentige Chance, dass die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 um mehr als vier Grad steigt. "Das Ergebnis wäre verheerend", warnte Stern. "Eine solche Erwärmung würde die Leben Hunderter Millionen Menschen in aller Welt bedrohen, zu Massenmigration und Konflikten führen. Jeder, der bei Verstand ist, würde versuchen, ein solches Risiko drastisch zu reduzieren."

80 Prozent der prognostizierten Emissionen stehen bereits fest

Der IEA-Bericht führt noch weitere Faktoren an, die gegen das Erreichen des Zwei-Grad-Ziels sprechen. So könnten rund 80 Prozent der bis 2020 prognostizierten Emissionen aus dem Energiesektor gar nicht mehr verhindert werden: Sie stammten aus Kraftwerken, die bereits existieren oder gerade gebaut werden. Zudem befinden sich die Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen in der Sackgasse. Nach dem Desaster beim Gipfeltreffen von Kopenhagen im Dezember 2009, als trotz des Eingreifens der Staat- und Regierungschefs keine Einigung erzielt wurde, gibt es kaum noch Hoffnung auf ein umfassendes internationales Abkommen.

Zwar hatten sich die Staaten beim Klimagipfel im mexikanischen Cancún im vergangenen Dezember erstmals geschlossen zur Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad bekannt. Allerdings konnten sie sich nicht auf bindende, mittelfristige Ziele zur Verringerung des Treibhausgas-Ausstoßes einigen. Das gilt als Voraussetzung dafür, dass die Emissionen wirksam gesenkt werden können.

Die treibende Kraft hinter dem aktuellen Anstieg des Treibhausgas-Ausstoßes sind die großen Schwellenländer. Zwar schätzt die IEA, dass 2010 noch immer 40 Prozent der Emissionen aus Industriestaaten kamen. Doch sie seien nur noch für rund ein Viertel des Anstiegs seit 2009 verantwortlich. Aufstrebende Volkswirtschaften wie China und Indien spielten hier eine wesentlich größere Rolle.

China hat die USA inzwischen als Land mit dem weltweit größten CO2-Ausstoß überholt. Allerdings sind die Amerikaner bei den Pro-Kopf-Emissionen weiterhin Spitze. Der durchschnittliche US-Bürger setzt pro Jahr rund 19 Tonnen CO2 frei - etwa doppelt so viel wie ein Westeuropäer und viermal so viel wie ein Chinese.

Die neuen IEA-Zahlen stehen im Einklang mit den Ergebnissen anderer Organisationen. So hatte die Weltmeteorologie-Behörde WMO im November mitgeteilt, dass die Treibhausgas-Konzentration 2009 den höchsten Stand seit Beginn des Industriezeitalters erreicht hat. Zur gleichen Zeit wurde eine Studie der britischen University of Exeter publik, nach der die globale Wirtschaftskrise den Treibhausgas-Ausstoß kaum gebremst hat: Die Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe waren demnach im Jahr 2009 nur um 1,3 Prozent zurückgegangen.

mbe/AFP

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rondon 30.05.2011
1. akw
alternative energien müssen nun stärker entwickelt werden. die demos am wochenende waren ein klares zeichen dass eine energiewende her muss. aber auch sonst muss sich einiges tun.
grubers 30.05.2011
2. ...
... und Deutschland schaltet ab. Hoffentlich besitzt der Rest der Welt noch etwas Vernunft.
_unwissender 30.05.2011
3. wen wundert das?
In der Praxis passiert - gar nichts! Also wird es so weiter gehen. Der Urwald kommt weg, damit dort Sprit wachsen kann. Der wird bei den Tankstellen zur Verdünnung mir viel Tamtam eingezwängt. Das wird von ein paar Doktoren als ökologisch bezeichnet - und alles ist gut. Das einzige Problem dabei: irgendwann geht der Sauerstoff aus...
HappyLuckyStrike 30.05.2011
4. es gibt keine klimaerwärmung,
es gibt keinen klimawandel, es gibt keine umweltverschmutzung, es gibt keine grundwassergülle in norddeutschland. haben das denn noch immer nicht alle begriffen ? schon der weise indianerhäuptling seattle, von karl may interviewt, sagte einst : "die einzige gefahr liegt klar im atom" ! hiermit auch der berühmten, verdienstreichen shell-forschung : glückwunsch zu diesem weiteren verdienten erfolg !
kornfehlt 30.05.2011
5. Eine Utopie?
Das macht doch nichts. Wir ersetzen diese Utopie durch eine andere. Eine neues Computermodell - eine neue Glück. Immer nur Pong, das bringts nicht liebe Klimahype-Wissenschaftler. Bitte beim nächsten Mal mehr Grafik, 3D und Sound. Ja, auf jeden Fall Sound!
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