Klimastudie: Menschen mitschuldig an tödlicher Hitzewelle

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Klimaforschern ist ein Durchbruch gelungen: Erstmals ist der menschliche Einfluss auf eine einzelne Naturkatastrophe erfasst worden. Die Hitzewelle vom August 2003, die in Europa mehrere Zehntausend Tote gefordert hat, war demnach größtenteils die Folge von Umweltverschmutzung.

Ausgetrocknetes Flussbett des Rheins bei Bingen im Sommer 2003: Europa muss mit extremen Hitzewellen rechnen
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Ausgetrocknetes Flussbett des Rheins bei Bingen im Sommer 2003: Europa muss mit extremen Hitzewellen rechnen

Die Hitze kannte keine Gnade. Statistiker zählten in den ersten beiden Augustwochen des vergangenen Jahres zwischen 22.000 und 35.000 Tote mehr als sonst in Europa zu erwarten gewesen wären. In Frankreich stieg die Sterblichkeitsrate in den beiden Hitzewochen gar um 54 Prozent. In Deutschland waren Schätzungen zufolge rund 7000 Tote zu beklagen. Der Sommer 2003 war nicht nur der wahrscheinlich heißeste seit dem Jahr 1500, wie Forscher jetzt im Wissenschaftsmagazin "Nature" schreiben. "Gemessen an der Zahl der Todesopfer war es die größte europäische Naturkatastrophe der vergangenen 500 Jahre", sagt Gerd Jendritzky vom Deutschen Wetterdienst in Freiburg.

Risiko extremer Hitzewellen verdoppelt

Nun scheint auch festzustehen, dass der Mensch die Katastrophe zu großen Teilen mit zu verantworten hat. Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent, dass der Hitzesommer 2003 kein Zufall war, sondern mindestens zur Hälfte auf den vom Menschen verursachten Klimawandel zurückgeht, schreiben britische Klimaforscher in "Nature" (Bd. 432, S. 610). Ihre Modellrechnungen haben ergeben, dass die Umweltverschmutzung etwa durch Treibhausgase das Risiko extremer Hitzewellen mehr als verdoppelt habe.

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Sommer 2003: Hitzewelle war zum Teil vom Menschen verursacht

Zwar sei es unmöglich, eine direkte Verbindung zwischen menschlichen Einflüssen und der Hitzewelle von 2003 herzustellen, räumen Peter Stott von der University of Reading und seine Kollegen von der University of Oxford ein. Doch Analysen der Klimadaten seit 1851 hätten ergeben, dass der menschliche Eingriff in die Natur die Durchschnittstemperaturen und damit auch die Gefahr extremer Hitzewellen drastisch erhöht habe.

"Die Arbeit ist ein Durchbruch"

Gerd Jendritzky, Mitautor eines Begleitartikels in "Nature", bescheinigt Stott und seinen Kollegen saubere Arbeit. Die Briten hätten die natürlichen Klimaschwankungen in Europa korrekt berücksichtigt. Das Ergebnis stimme überein mit zahlreichen früheren Untersuchungen, die allesamt besagten, dass die globalen Klimaveränderungen während der vergangenen 30 bis 50 Jahre nur mit einem bedeutenden menschlichen Einfluss zu erklären sind. "Hitzewellen werden künftig in Europa häufiger vorkommen und extremer ausfallen", sagt Jendritzky im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Tägliche Sterblichkeitsrate in Baden-Württemberg (pro 100.000 Einwohner): Hitzewelle im Juni 2002, Influenza-Ausbruch im Frühjahr 2003 und Extrem-Hitze im August 2003 deutlich sichtbar
DWD

Tägliche Sterblichkeitsrate in Baden-Württemberg (pro 100.000 Einwohner): Hitzewelle im Juni 2002, Influenza-Ausbruch im Frühjahr 2003 und Extrem-Hitze im August 2003 deutlich sichtbar

Zwar gebe es immer noch große Unsicherheiten in der Abschätzung natürlicher Temperaturschwankungen. "Dennoch ist die Arbeit von Stott und seinen Kollegen ein Durchbruch", betont der Klimaforscher. "Sie ist der erste erfolgreiche Versuch, menschliche Einflüsse auf ein spezifisches Klimaereignis zu erfassen."

Ob Studien dieser Art künftig zu einem Sinneswandel in der internationalen Politik führen, hält Jendritzky zumindest für fraglich. "Im Fall des Ozonlochs hat die Staatengemeinschaft schnell reagiert und die FCKW-Emissionen gedrosselt", sagt Jendritzky. "So etwas muss auch in Bezug auf das Klima passieren, nur wäre das ein viel tieferer Eingriff in unsere Lebensverhältnisse." Denn um dem globalen Klimawandel entgegenzutreten, reiche es nicht aus, das Treibmittel in Haarsprays oder die Kühlflüssigkeit in Gefrierschränken auszutauschen.

Hoffen auf die Wirkung des Geldes

Wo moralische Appelle nicht fruchten, könnten Löcher im Geldbeutel ein Umdenken erzwingen. Denn die finanziellen Folgen der Hitzewelle von 2003 waren beachtlich, und das nicht nur in Europa. So musste die Landwirtschaft in den USA unversicherte Ernteausfälle in Höhe von 12,3 Milliarden Dollar verkraften, rechnen Jendritzky und Schär vor. Auch die rekordverdächtigen Hurrikan-Schäden im Sommer dieses Jahres dürften Spuren im Haushalt der USA hinterlassen haben, die sich nach wie vor hartnäckig weigern, das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz zu ratifizieren.

Kommende Studien, die den Klimakatastrophen gezielt Ursachen zuordnen, "könnten tief greifend den Verlauf internationaler Verhandlungen beeinflussen", schreiben Jendritzky und Schär. Denn zu klären sei künftig nicht nur, wie man die Folgen des Klimawandels begrenze und sich ihnen anpasse - sondern auch, "wie wir letztlich für sie bezahlen".

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