Ursachen und Folgen Der Klimawandel - endlich verständlich

Wie steht es wirklich um die Erderwärmung? "Endlich verständlich" beantwortet alle wichtigen Fragen zum Klimawandel.

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Inhaltsverzeichnis

  1. Warum ändert sich das Klima?
  2. Kann man Klimaprognosen trauen, wo doch schon die Wettervorhersage so unsicher ist?
  3. Wie stark hat sich die Welt bislang erwärmt?
  4. Welche Folgen hat die Erwärmung bisher?
  5. Ist das Wetter extremer geworden?
  6. Lassen sich einzelne Unwetter auf den Klimawandel zurückführen?
  7. Wie stark wird sich die Welt noch erwärmen?
  8. Welche Folgen könnte die Erwärmung künftig haben?
  9. Macht die Erderwärmung Pause?
  10. Sind sich alle Klimaforscher einig über die Klimaerwärmung?
  11. Was ist das Zwei-Grad-Ziel?

1. Warum ändert sich das Klima?

Die Sonne ist der Motor des Klimas. Ihre Strahlung gelangt auf die Erde, die daraufhin Wärme abgibt. Die Wärme wird von Treibhausgasen in der Luft gefangen - Wasserdampf, Kohlendioxid (CO2) oder Methan verursachen einen Wärmestau: Sie lassen zwar Sonnenstrahlung durch, aber weniger Wärmestrahlung, die von der Erde zurück gestrahlt wird. Die Gase nehmen die Strahlung auf und geben sie in alle Richtungen ab, einen Teil Richtung Erdoberfläche, die sich deshalb umso mehr erwärmt, je mehr Treibhausgase freigesetzt werden. Ohne den natürlicherweise vorhandenen Treibhauseffekt wäre es auf der Erde mehr als 30 Grad kälter.

Forscher diagnostizieren einen erheblichen Einfluss des Menschen auf das Klima: Natürliche Einflüsse wie veränderte Sonnenaktivität oder Meeresströmungen können zumindest die Erwärmung seit den Siebzigerjahren nicht erklären, sie haben sich nicht gravierend genug verändert. Doch seit der Industrialisierung hat sich der Gehalt von CO2 in der Luft um 43 Prozent erhöht, weil der Mensch zunehmend Treibhausgase aus Kraftwerken, Verkehr, Industrie und Landwirtschaft freisetzt.

Zwar können Wissenschaftler nicht ausschließen, dass auch unbekannte natürliche Phänomene das Klima verändern. Allerdings gilt die wärmende Wirkung von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) und Wasserdampf seit Ende des 19. Jahrhunderts als physikalisch erwiesen. Messungen bestätigen, dass sich der Treibhauseffekt der Erde in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich verstärkt hat, weil sich zunehmend CO2 in der Luft sammelt. Die beobachteten räumlichen Muster der Erwärmung sprechen ebenfalls für einen Einfluss der Treibhausgase - sie wärmen vor allem untere Luftschichten.

Umstritten ist jedoch das Ausmaß der erwarteten Erwärmung (siehe Punkt 7). Viele Kräfte sind im Spiel: Schwankungen der Sonnenaktivität, Ozeanströmungen, Vulkanausbrüche, Vegetation, Eisflächen und Wolken beispielsweise. Wolken können beides: für Kühlung und Wärme sorgen – je nachdem, in welcher Höhe sie entstehen. Die Frage, wie stark diese Faktoren das Klima beeinflussen, ist Gegenstand der Forschung – ebenso die Folgen der Erwärmung.

2. Kann man Klimaprognosen trauen, wo doch schon die Wettervorhersage so unsicher ist?

Wettervorhersagen funktionieren anders als Klimaprognosen. Um das Wetter zu berechnen, versuchen Meteorologen die Entwicklung aller atmosphärischen Einflüsse von einem Zeitpunkt aus für die nächsten Tage zu ermitteln. Weil extrem viele Faktoren das Wetter beeinflussen, die sich rasch ändern können, gelingt eine Vorhersage nur wenige Tage im Voraus, wenn überhaupt.

Klimaprognosen indes versuchen nicht, das Wetter an einem Tag zu ermitteln. Sie sollen das durchschnittliche Wetter über mehrere Jahrzehnte berechnen. Entscheidend dabei sind die sogenannten Randbedingungen, die kontinuierlichen Klimaeinflüsse wie Sonnenstrahlung, Meeresströmungen, Treibhausgase oder Vegetation – sie bestimmen langfristig das Klima: Einige Tage lang mag es trotz starker Sonnenaktivität ungewöhnlich kalt sein, weil kalter Nordwind bläst – nach einigen Jahren wird die Temperatur aber im Durchschnitt gestiegen sein, weil die Sonnenstrahlung intensiver war.

Gleichwohl kranken die Prognosen an erheblichen Wissenslücken über das Klima. Entscheidende Einflüsse, etwa die Entwicklung der Wolken oder Veränderungen der Vegetation, lassen sich bislang nicht vorhersagen. Zum einen, weil ihre Entstehung ungenügend erforscht ist. Zum anderen, weil Computersimulationen etwa Wolken nur als Schätzwert erfassen: Sie teilen die Welt in Quader von vielen Kilometern Größe, rechnen Wetterwerte pauschal für diese Areale – Wolken fallen durchs Raster, sie können nicht einzeln dargestellt werden. Gerade aus diesem Grund unterliegen Klimaprognosen großer Unsicherheit.

Immerhin aber zeigen Tests, dass die Simulationen das globale Klima der Vergangenheit recht gut nachspielen. Klimaprognosen für einzelne Regionen indes gelten als fragwürdiger – Prozesse auf kleinem Raum lassen sich kaum berechnen: Lokale Umweltveränderungen fallen meist durchs Raster der Klimamodelle.

3. Wie stark hat sich die Welt bislang erwärmt?

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die bodennahe Luft im weltweiten Durchschnitt um knapp ein Grad erwärmt. Etwa zwei Drittel des Temperaturanstiegs fallen auf den Zeitraum seit Mitte der Siebzigerjahre. Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der systematischen Messungen 1880 wurden sämtlich seit 1998 gemessen, das vergangene Jahrzehnt war seither das wärmste. Die letzte 30-Jahre-Periode war zumindest auf der Nordhalbkugel wahrscheinlich die wärmste seit dem Hochmittelalter.

4. Welche Folgen hat die Erwärmung bisher?

Die Erwärmung zeitigt sichtbare Folgen.

Der Meeresspiegel steigt im weltweiten Durchschnitt stetig um rund drei Millimeter pro Jahr.

Das Meereis der Arktis schwindet: Die Schollenbedeckung schrumpft seit Ende der Siebzigerjahre um rund vier Prozent pro Jahrzehnt, die Sommereisbedeckung sogar um rund elf Prozent pro Jahrzehnt.

Eisbedeckung des Arktischen Meers und Grönlands im Vergleich: Oben 2014, unten 1979

Gletscher schrumpfen: Weltweit verlieren die Eiszungen der Gebirge an Masse, besonders in Alaska, Patagonien und Kanada. Gletscher in Asien, den USA, Europa und Neuseeland scheinen etwas stabiler. Dort wird dramatische Schmelze in Tälern von einem Zugewinn an Schnee im Hochgebirge besser ausgeglichen. Doch auch dort ist die Bilanz meist negativ. Seit Anfang der Siebzigerjahre sind Gebirgsgletscher der Welt jährlich um rund 280 Milliarden Tonnen geschmolzen – das Schmelzwasser hebt den Meeresspiegel um fast einen Millimeter pro Jahr. Nur von 120 der 160.000 Eiszungen der Erde gibt es allerdings präzise Jahresbilanzen, und nur bei 37 reichen die Aufzeichnungen weiter als 30 Jahre zurück.

Permafrostböden tauen: Der Norden Alaskas und Nordrussland haben sich seit den Achtzigerjahren um zwei bis drei Grad erwärmt. Seit den Siebzigerjahren wird der ganzjährig gefrorene Boden dünner; das Eis taut. Permafrostböden speichern erhebliche Mengen des Treibhausgases Methan – seine Freisetzung würde den Treibhauseffekt verstärken.

Bäume treiben früher aus, Lebewesen verlagern ihren Lebensraum: In Deutschland blühen zum Beispiel die Apfelbäume im Schnitt 14 Tage früher als vor 50 Jahren.

Die Ozeane sind wärmer: Temperaturen der Ozeane werden zwar erst seit wenigen Jahren systematisch gemessen. Alle verfügbaren Daten aber zeigen eine deutliche Erwärmung. Am stärksten erwärmte sich die Oberfläche, seit Anfang der Siebzigerjahre um rund 0,1 Grad pro Jahrzehnt.

Die Ozeane sind saurer: Meereswasser ist basisch, doch seit Beginn der Industrialisierung ist der durchschnittliche pH-Wert von 8,2 auf rund 8,1 gefallen, also deutlich saurer geworden. Ursache ist das Treibhausgas Kohlendioxid CO2, das aus Abgasen und Landwirtschaft verstärkt in die Luft gelangt. Gut 20 Millionen Tonnen CO2 pro Tag nehmen die Ozeane auf. Im Wasser wandelt sich das Gas zu Säure. Manchen Meerestieren wie Korallen oder Austern und anderen Krustentieren fällt es in saurerem Wasser schwerer, ihre Schalen aufzubauen.

Hitzewellen sind häufiger, Kälteperioden seltener.

Ausgetrocknetes Rheinufer während der extremen Hitzewelle in Mitteleuropa 2003

Bei anderem Extremwetter fallen Urteile schwerer (s. Punkt 5)

5. Ist das Wetter extremer geworden?

Das ist eine der besonders schwierigen Fragen. Weil extremes Wetter naturgemäß selten ist, verfügen selbst langjährige Statistiken über wenige Ereignisse, sodass sich ein Trend kaum ableiten lässt. Und selbst wenn sich ein Trend abzeichnet, bleibt zu beweisen, ob der menschengemachte Klimawandel die Ursache ist – angesichts Hunderter Faktoren im Klimageschehen ist das eine knifflige Angelegenheit.

Temperatur: Hitze ist häufiger, extreme Kälte seltener geworden.

Regen: Im weltweiten Durchschnitt zeichne sich bislang kein eindeutiger Trend ab, berichtet der Uno-Klimarat IPCC nach Auswertung aller Studien. Örtlich fällt weniger Regen, anderswo mehr. In mittleren Breiten der Nordhalbkugel etwa haben Niederschläge zugenommen; in Deutschland nur im Winter. Und in vielen Regionen fällt statt Schnee häufiger Regen.

Extremregen: Weltweit gebe es mehr Regionen, in denen Starkregen häufiger geworden sei, als Gegenden, in denen er seltener wurde, konstatiert der Uno-Klimareport. Allerdings gebe es große Unterschiede und viele Regionen, in denen keine Veränderung festgestellt wurde.

Binnenhochwasser: Ob Flüsse aufgrund des Klimawandels häufiger über die Ufer treten, lasse sich bislang nicht feststellen, konstatiert der Uno-Klimarat. Hauptursache sind Begradigungen der Ströme, Bebauungen von Überflutungsräumen und Versiegelung von versickerungsfähigen Böden.

Dürre: Der Uno-Klimarat hat sein Resümee von 2007, Dürren seien häufiger geworden, in seinem neuesten Sachstandsbericht korrigiert. Ein Trend lasse sich nicht feststellen. Manche Gebiete indes wurden in den vergangenen 40 Jahren häufiger von Dürren heimgesucht, etwa die Mittelmeerregion und Westafrika. Weite Teile Nordamerikas und Nordwestaustraliens hingegen können sich über weniger Dürren freuen.

Tropische Stürme / Hurrikane: Die stärksten Hurrikane im Atlantik fielen mittlerweile heftiger aus als noch in den Siebzigerjahren, konstatiert der Uno-Klimarat. Ob das ein Trend ist, bleibt allerdings unklar. Die Häufigkeit tropischer Stürme – Zyklone, Taifune und Hurrikane – zeige jedenfalls keinen Trend. Zwar liefern wärmere Meere den tropischen Stürmen zusätzliche Energie. Jedoch scheinen Scherwinde in größerer Höhe die Tiefdruckwirbel zu schwächen.

Stürme: Auch außerhalb der Tropen zeichne sich bei Stürmen kein Trend ab, berichtet der Uno-Klimarat. Es gebe weder brauchbare Belege dafür, dass Stürme insgesamt auf der Erde häufiger, noch dafür dass sie stärker geworden sind. Der Widerstreit zweier Entwicklungen steuert die Stürme: Die Erwärmung der Polarregionen könnte Luftdruck-Gegensätze zwischen den Polen und Subtropen mildern - und Stürme schwächen. Größere Wärmeenergie aufgrund des globalen Temperaturanstiegs hingegen könnte die Winde auch anfachen.

6. Lassen sich einzelne Unwetter auf den Klimawandel zurückführen?

Weil es Unwetter immer gegeben hat, lässt sich normalerweise nicht feststellen, ob ein bestimmtes Unwetter vom Klimawandel verursacht wurde. Forscher probieren es dennoch: Sie versuchen, zwei Fragen zu beantworten: Welche Witterung hat ein Unwetter verursacht? Und macht der Klimawandel diese Witterung wahrscheinlicher?

Bei Hitzeperioden ist es recht einfach: Erhöht sich die Durchschnittstemperatur, verschieben sich auch die Extremwerte nach oben – einst seltene Hitze wird häufiger. So seien viele Hitzewellen auf verschiedenen Kontinenten durch den Klimawandel verursacht oder verschärft worden, erklärt die US-Wetterbehörde NOAA.

Bei anderen Extremereignissen ist die Beweisführung schwieriger, weil neben der Temperatur andere Effekte Einfluss nehmen. Das Beispiel Buschfeuer kann verdeutlichen, wie schwierig die Beweisführung ist: Zwar konstatiert die NOAA, dass die Wahrscheinlichkeit für Buschfeuer in Kalifornien und anderen Regionen aufgrund der Erwärmung gestiegen sei. Doch Zweifel bleiben. Denn Feuer gehören zum natürlichen Ablauf, Landschaften benötigen sie zur Erneuerung ihres Bestands und zur Düngung. Mehr Trockenheit kann die Feuer befördern, ebenso wie veränderter Bewuchs, Unachtsamkeit oder Brandstiftung – höheres Menschenaufkommen erhöht die Gefahr. Ob die Klimaerwärmung also hinter Buschfeuern steckt, ist schwer zu beweisen. Selbst wenn die Sommer trockener werden, muss die Gefahr nicht erhöht sein – sofern sich übers Jahr genug Bodenfeuchte gesammelt hat.

Schwierig ist es bei allen Ereignissen, bei denen Niederschlag die wesentliche Rolle spielt: Dürren, Extremregen oder Flusshochwasser. Dass die Erwärmung künftig mehr Starkregen verursachen wird, gilt zwar aufgrund grundlegender physikalischer Annahmen als wahrscheinlich: Warme Luft nimmt mehr Wasserdampf auf. Aber wohin sich die Wolken verlagern, lässt sich kaum vorhersagen – in manchen Gegenden dürfte es also trockener, anderswo nasser werden. Manche Prognosen erscheinen immerhin recht plausibel, siehe Frage 8.

Wenn die NOAA manchen Extremregen etwa im Juli 2014 in Neuseeland oder im Herbst 2014 in den Cevennen mit dem Klimawandel in Verbindung bringt, beruft sie sich auf Statistik: Die Regenmengen fielen aus dem langjährigen Rahmen und fügen sich gleichzeitig in einen steigenden Trend bei Regenmengen und Temperaturen in den betreffenden Gebieten. Insofern, so folgern die Forscher, liege ein Zusammenhang nahe: Warme Luft habe mehr Wasserdampf, mithin mehr Regen gebracht.

Bei Dürren fällt der Nachweis ähnlich schwer. Selbst die extrem lange Dürrephase, die Kalifornien in den vergangenen Jahren aufgrund beharrlicher Hochdruckgebiete erlebte, lässt sich nicht so einfach mit der Erwärmung zusammenbringen, wie es manche Studien nahelegen. Andere Analysen behaupten das Gegenteil: Über lange Zeiträume gesehen habe der Klimawandel mehr Niederschlag gebracht, weshalb Pflanzen im Boden auch während regenarmer Zeiten auf mehr gespeicherte Feuchtigkeit zurückgreifen könnten. Die Statistik hilft auch nicht weiter: Im Mittelalter hat es weitaus längere und schwerere Dürren in Kalifornien gegeben, die ohne CO2-Abgase erklärt werden müssen.

Am Mittelmeer jedoch scheint die Beweislage besser: Seit den Siebzigern häuften sich dort die Dürren, berichtet der Uno-Klimarat. Die Entwicklung steht im Einklang mit Klimaprognosen: Im Zuge der Erwärmung sollte sich – angetrieben von verstärkt verdunstendem Wasser – die Tropische Konvergenzzone ausbreiten, des Gebiet hoher Wolkentürme am Äquator. Folglich würden sich alle Klimazonen in Richtung Pole schieben – und damit auch die subtropische Trockenregion, die sich nach Südeuropa verlagern würde. Ein Prozess, der Wetterdaten zufolge also möglicherweise schon im Gange ist.

7. Wie stark wird sich die Welt noch erwärmen?

Wie stark sich das Klima erwärmt, hängt dem aktuellen Wissensstand zufolge wesentlich davon ab, wieviel CO2 der Mensch in die Luft bläst. Gelänge es, die CO2-Emissionen ab 2025 deutlich zu reduzieren, ließe sich die Erwärmung Computersimulationen zufolge auf 0,3 bis 1,7 Grad im Vergleich zu einer Referenzperiode von 1986 bis 2005 begrenzen (siehe Grafik).

Gelänge die deutliche Absenkung des CO2-Ausstoßes erst ab 2050, müsse mit einer Erwärmung von bis zu 2,6 Grad gegenüber dieser Periode gerechnet werden. Ungebremste Emissionen könnten die bodennahe Luft bis zum Ende des Jahrhunderts im weltweiten Durchschnitt um fünf Grad zur Referenzperiode von 1986 bis 2005 erwärmen, warnt der Uno-Klimarat. Die Arktis dürfte sich stärker erwärmen.

(Achtung: Das Ziel der Weltgemeinschaft, die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, bezieht sich auf die Durchschnittstemperatur Ende des 19. Jahrhundert, als es weltweit rund 0,6 Grad kühler war als in der Referenzperiode von 1986 bis 2005. Eine Erwärmung von 1,7 Grad gegenüber der Periode 1986 bis 2005, bedeutete also plus 2,3 Grad gegenüber dem Ende des 19. Jahrhunderts – das zwei Grad Ziel würde überschritten.)

Die berechneten Erwärmungstrends klaffen auch deshalb auseinander, weil unklar ist, wie stark der Treibhauseffekt wirkt. Die Wirkung von CO2 haben Experimente zwar erwiesen: Um gut ein Grad wird es wärmer, sofern sich die CO2-Menge in der Luft verdoppelt - was bis Ende des Jahrhunderts geschehen könnte. Dass die Erwärmung stärker ausfallen dürfte, liegt vor allem an einem Verstärkungseffekt: Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen. Wasserdampf ist ein stärkeres Treibhausgas als CO2 – es verschärft die Erwärmung. Der atmosphärische Klimamotor ist offenbar bereits angesprungen, die Erwärmung lässt vermehrt Wasser verdunsten. Unklar ist jedoch weiterhin, wie viel Wasserdampf künftig entstehen wird.

Eine Temperaturspanne soll die künftige Erwärmung beschreiben - die Klimasensitivität: Sie gibt unter Berücksichtigung der Wissenslücken an, um wie viel Grad sich die Luft erwärmt, sofern sich die CO2-Menge verdoppelt. Die Klimasensitivität beträgt demnach 1,5 bis 4,5 Grad – kein Wert dieser Spanne sei wahrscheinlicher als ein anderer, erklärt der Weltklimarat. Es ist also ungewiss, ob die Erwärmung milde oder hart ausfallen wird.

Die bislang beschlossenen Klimaschutzpläne der Weltgemeinschaft reichen wahrscheinlich nicht, die Erwärmung deutlich zu bremsen. Die meisten Staaten haben nationale Einsparziele für CO2 bekannt gegeben. Würden die Pläne eingelöst, würde der CO2-Ausstoß zunächst weiter deutlich steigen, und die Welt könnte sich um rund drei Grad erwärmen. Die Rechnungen fußen auf einer mittleren Klimasensitivität – die Prognose unterliegt also erheblicher Unsicherheit.

8. Welche Folgen könnte die Erwärmung künftig haben?

Das Streben nach einem Welt-Klimavertrag fußt weniger auf robustem Wissen über das Klima der Zukunft, als auf der Kenntnis hoher Risiken, wie der Uno-Klimabericht es sorgsam darlegt. Die Erwärmung, so die Sorge, würde problematisch, weil die Menschheit sich an die Umwelt angepasst hat – an den jeweiligen Meeresspiegel, an Temperaturen und Niederschlagsmengen. Würden sich Klimazonen, wie befürchtet, rasch verschieben, könnte es vielerorts teuer oder unmöglich werden, sich anzupassen. Der Klimawandel könnte zudem medizinische Probleme wie Ausbreitung von Krankheitserregern und soziale Probleme wie Bevölkerungswachstum, Krisen und Armut verschärfen. Je schneller der Wandel, desto größer die Risiken, warnt der Uno-Klimarat.

Künftige Risiken, für die es bereits robuste Indizien gibt

  • Mehr Hitzewellen. Manche Regionen könnten gar unerträglich heiß werden. Gemäßigte Regionen wie Deutschland müssten sich auf Hitzewellen mit vielen Todesfällen wie im Sommer 2003 vorbereiten – sofern sie sich nicht besser gegen Hitze wappnen, wie es südlichere Länder getan haben. 2003 starben in Mitteleuropa Zehntausende aufgrund von Hitze.
  • Viele Gebirgsgletscher, die als Trinkwasserressourcen dienen, könnten verschwinden.
  • Klimazonen könnten sich verschieben, Dürreregionen sich verlagern.
  • In den Tropen und in mittleren Breiten wie Deutschland dürfte es mehr Niederschlagsextreme und mehr Hochwasser geben.
  • Die Ozeane drohen saurer zu werden, marinen Organismen würde es schwerer fallen, ihre Kalkschalen und Skelette zu bilden.
  • Permafrostböden tauen, das Treibhausgas Methan könnte aus dem vormals gefrorenen Boden entweichen.
  • Bis zum Ende dieses Jahrhunderts droht der Meeresspiegel laut Uno-Klimarat um 26 bis 82 Zentimeter zu steigen, je nachdem, wie viel Treibhausgas der Mensch noch ausstößt. Sturmfluten würden gefährlicher. Der Anstieg könnte Jahrhunderte weitergehen. Er wird bislang mehr als zur Hälfte dadurch verursacht, dass sich Meerwasser bei Erwärmung ausdehnt.

Der Meeresspiegelanstieg wird zudem vom Schmelzwasser tauender Gletscher ausgelöst. Satellitenmessungen der Masse zeigen etwa, dass Grönlands Eispanzer zwischen 2002 und 2011 sechsmal mehr Eismasse verloren hat als in den Jahren zwischen 1992 bis 2001. Für die Antarktis gibt es widersprüchliche Daten: Radarmessungen zeigen, dass der Eispanzer wächst, Massenmessungen indes weisen auf das Gegenteil.

Zur Sorge Anlass geben neuere Studien, die rapide Schmelze in der Antarktis befürchten: Sollten Eisbarrieren wegbrechen, so die These, könnten Gletscher dahinter ihren Halt verlieren und beschleunigt ins Meer fließen. Schmelzendes Eis hingegen, das bereits im Meer schwimmt, hebt den Pegel der Ozeane nicht weiter. Insofern haben das schwindende Meereis am Nordpol oder tauende Schelfeis vor der Westantarktischen Halbinsel keine Auswirkungen auf den Meeresspiegel.

Eine besonders ernste Warnung kommt von Geologen: Sie haben versteinerte Korallen gefunden, die zu zeigen scheinen, dass die Ozeane in der letzten Warmzeit vor rund 120.000 Jahren, als es wohl etwa zwei Grad wärmer war als heute, fünf Meter höher gestanden haben könnten. Schmolz damals der mächtige Eispanzer Grönlands auf dramatische Weise?

Künftige Risiken, für die es an Indizien mangelt

Wirtschaftliche Entwicklung

Bereits eine Erwärmung von zwei Grad gegenüber dem 19. Jahrhundert könnten die ökonomischen Verluste auf jährlich 0,2 bis 2 Prozent der Wirtschaftskraft treiben. Allerdings hat der Uno-Klimarat weiterhin nur wenig Vertrauen in seine Rechnungen zur wirtschaftlichen Entwicklung: Soziale sowie technologische Faktoren hätten weitaus mehr Einfluss als der Klimawandel, heißt es im Uno-Report.

Ernährung

Der Uno-Klimarat warnt vor Ernteeinbußen, sie seien global gesehen wahrscheinlicher als Erntezuwächse. Allerdings bestehen gravierende Wissenslücken über das Wachstum von Getreide.

Gesundheit

Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnte sich der Klimawandel auch durch gesundheitliche Probleme bemerkbar machen, schreibt der Klimarat: Hitze, Unterernährung und Wassermangel könnten vermehrt Krankheiten verursachen. Andere Faktoren hätten allerdings größeren Einfluss auf die Gesundheit, weshalb verlässliche Prognosen nicht möglich sind.

Kriege und Flüchtlinge

Der Klimawandel drohe "die Umsiedlung von Menschen zu erhöhen", schreibt der Uno-Klimarat. Bis zum Uno-Sachstandsbericht 2013 gab es allerdings kaum Hinweise auf Klimaflüchtlinge; und Prognosen seien aufgrund vieler anderer gesellschaftlicher Einflüsse schwierig. Würde der Klimawandel die Knappheit lebenswichtiger Ressourcen verschärfen, drohten vermehrt Bürgerkriege.

Artensterben

In Folge der Erwärmung haben manche Lebewesen bereits ihre Lebensräume verlagert. Laut dem Uno-Klimarat besteht ein hohes Risiko, dass Klimazonen sich so schnell verschieben, dass Tiere und Pflanzen aussterben. Es gebe allerdings sehr geringes Vertrauen in die Modelle, die das Aussterberisiko vorhersagen. Belege dafür, dass der Klimawandel bereits Arten habe aussterben lassen, gebe es kaum. Für den Rückgang der Artenvielfalt ist in viel höherem Maße der Mensch direkt verantwortlich, durch industrielle Landwirtschaft, Abholzung von Wäldern sowie Siedlungs- und Verkehrsflächen.

Hat die Erwärmung auch positive Folgen?

Ja, zahlreiche Gegenden vor allem in mittleren Breiten könnten von vermehrtem Niederschlag, weniger Frost, oder schwächeren Stürmen profitieren. Auch extreme Kälte werde seltener, ein Vorteil: Kälte sei tödlicher als Hitze, zeigte eine Großstudie im Mai 2015: Die meisten wetterbedingten Todesfälle ereigneten sich demnach an Tagen, die ungewöhnlich kalt waren. Zudem dürfte tauendes Meereis neue Seewege durch die Arktis öffnen. Indes, so fragen Klimaforscher, was nützen die Vorteile all jenen Regionen, in denen der Klimawandel zum Problem werden könnte?

9. Macht die Erderwärmung Pause?

Seit der Jahrtausendwende war die Erwärmung der bodennahen Luft nahezu zum Stillstand gekommen. Klimasimulationen hatten eine solch ausdauernde Pause nicht auf der Rechnung. Für Klimaforscher wurde der sogenannte Temperatur-Hiatus auch deshalb zum Problem, weil sie die Lufttemperatur stets als prominentestes Maß in ihren Klimaberichten positioniert hatten.

Plötzlich aber betonten sie, die Temperatur der Ozeane sei aussagekräftiger – schließlich schluckten die Meere 90 Prozent der Wärmeenergie. Wissenschaftler überboten sich mit Erklärungen, warum die Erwärmung der Luft ins Stocken geraten war – sie widersprachen sich teilweise.

Gleichwohl: Der langfristige Erwärmungstrend blieb ungebrochen: Alle Jahre der Erwärmungspause gehörten zu den wärmsten seit Beginn der Messungen Ende des 19. Jahrhunderts. Und das vergangene Jahrzehnt war das wärmste seither.

Dann kam El Niño: Das periodische Wetterphänomen spülte gigantische Mengen warmen Wassers an die Oberfläche des Pazifik. Bereits 2014 stieg zum wärmsten Jahr seit Beginn der Messungen auf, 2015 wird es noch bei Weitem übertreffen. Die Pause der Erwärmung scheint beendet.

10. Sind sich alle Klimaforscher einig über die Klimaerwärmung?

Konsens herrscht unter Klimaforschern über die Frage, dass der Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 oder Methan zur Erwärmung der unteren Atmosphäre führt. Selbst hartgesottene Kritiker der Klimaforschung zweifeln nicht mehr an dem physikalischen Grundsatz, dass Treibhausgase aus Autos, Fabriken und Kraftwerken Wärme in der Luft halten.

Alle anderen Fragen jedoch sind mehr oder weniger stark umstritten – kein Wunder, die Umwelt ist ein hochkomplexes System, Tausende Einflüsse wirken aufeinander.

Wie groß ist der menschengemachte Anteil am Klimawandel? Wie gefährlich ist die Erwärmung? Die bedeutendsten Fragen der Umweltforschung sind schwierig zu beantworten - und hier gehen die Meinungen der Wissenschaftler auseinander. Kaum ein Experte bestreitet jedoch, dass der Klimawandel mit hohen Risiken einhergeht.

11. Was ist das Zwei-Grad-Ziel?

Um eine "gefährliche Störung des Klimasystems" zu verhindern, dürfe die globale Durchschnittstemperatur nicht um mehr als zwei Grad höher liegen als zu Beginn des Industriezeitalters – auf dieses Ziel hat sich die Weltgemeinschaft geeinigt. Die Marke ist willkürlich gewählt: Weder ist eine Erwärmung von 1,9 Grad unbedenklich, noch geht die Welt bei 2,1 Grad unter.

Das Zwei-Grad-Ziel ist 40 Jahre alt: Im Jahr 1975 veröffentlichte der Ökonom William Nordhaus eine Schätzung, wonach ein Temperaturanstieg von mehr als zwei Grad Celsius das Klima "aus der Bandbreite der Beobachtungen herausführen würde, die in mehreren Hunderttausend Jahren gemacht wurden".

In den Neunzigerjahren wurde das Ziel populär bei Umweltschützern, Politikern und Wissenschaftlern: 1990 warnte die „Advisory Group on Greenhouse Gases“, eine Uno-Organisation, dass bei einer Erwärmung von mehr als zwei Grad "schwere Schäden an Ökosystemen und nichtlineare Reaktionen rasch zunehmen würden".

Sechs Jahre später warb auch das deutsche Umweltministerium für die Zwei-Grad-Grenze. Der Rat der Europäischen Union erklärte sie zum Ziel der europäischen Klimapolitik. Und beim katastrophalen Gipfel von Kopenhagen schließlich, im Jahre 2009, einigte sich die Uno auf das Ziel.

Die zwei Grad sind ein politischer Wert, der Orientierung auf den Klimaschutz erleichtern soll. Mittlerweile hat das numerische Kunstprodukt viele Gegner in der Wissenschaft. Doch die Wirkung der simplen Zahl ist nützlich - und die Sorge groß, dass der Klimaschutz ganz ohne Zielmarke zum Erliegen kommt.

Autor: Axel Bojanowski

Layout: Katja Braun, Hanz Sayami

Programmierung: Guido Grigat, Frank Kalinowski, Chris Kurt


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