Klimawandel: Bauverbote auf Meereshöhe

Von Stefan Schmitt

Die Erdatmosphäre erwärmt sich. Verhindern kann die Menschheit das nicht mehr. Eine britische Top-Wissenschaftlerin findet großes Echo mit der Forderung: Konzentrieren wir uns auf die Folgen! Nicht nur robusteres Saatgut und Deiche seien nötig - sondern auch Bauverbote am Meer.

In Grönland werden Kartoffeln und Broccoli angebaut, das schmelzende Eis der Arktis wird einen neuen Seeweg freigeben. Ölunternehmen planen bereits die Ausbeutung der bislang unzugänglichen arktischen Gebiete. Und im Frühjahr prophezeite ein Klimaszenario des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie der deutschen Ostseeküste Sommer von Mittelmeerformat - Palmen inklusive.

Simulation steigenden Meeresspiegels: Forscher wollen Debatte über die Anpassung an den Klimawandel

Simulation steigenden Meeresspiegels: Forscher wollen Debatte über die Anpassung an den Klimawandel

Bislang stellen sich nur wenige potentielle Profiteure auf die Folgen des Klimawandels ein. Zwar bestreitet kein Wissenschaftler mehr, dass sich etwas ändert in der Erdatmosphäre. Bislang aber sprechen nationale Regierungen und internationale Organisationen davon, dem Klimawandel entgegenzuwirken, ihn abzuschwächen - oberflächliche Betrachter könnten gar den Eindruck erlangen, die Welt habe ernsthaft vor, den Treibhauseffekt zu stoppen.

Um volle 60 Prozent müsste der Ausstoß an Treibhausgasen zurückgefahren werden, wollte man einen weiteren Anstieg der Konzentration in der Atmosphäre verhindern. "Das wird einfach nicht passieren", sagt eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen Großbritanniens.

Frances Cairncross, die dieses Jahr den Vorsitz der British Association for the Advancement of Science (BA) innehat, ist Direktorin des Exeter College an der Oxford University und außerdem Vorsitzende des Economic and Social Research Council, welches unter anderem das britische Forschungsministerium berät. Äußert sich die Ökonomin Cairncross zu einem so politischen Thema, wird dies nicht als Privat- oder Gelehrtenmeinung wahrgenommen.

Provokativer Appell vor großem Publikum

Entsprechend bedacht und geschickt war der Termin für ihren Appell gewählt: Für Montag 18 Uhr Ortszeit war die Rede von Cairncross in Norwich angekündigt, doch ein vorab veröffentlichtes Manuskript sorgte dafür, dass "BBC" und die Zeitungen "Independent", "Times", "Telegraph" und "Guardian" von der Skepsis der Professorin berichteten, lange bevor sie vor ihre Zuhörer treten wollte.

Ihr "das wird einfach nicht passieren" ist ein Frontalangriff auf das Kyoto-Protokoll der Uno zur Reduzierung des globalen Treibhausgasausstoßes: Indien und China - die zusammen ein Drittel der Menschheit stellten - hätten dieses Vertragswerk nicht unterschrieben, und die USA ignorierten es einfach. Gleichzeitig könnten alle verfügbaren Quellen erneuerbare Energien zusammen bloß zwei Prozent der weltweiten Energienachfrage stillen. Der Anteil der Kohle liege hingegen bei 40 Prozent.

"Es gibt zwei Arten, auf den Klimawandel zu reagieren: Wir können uns anpassen oder wir können versuchen, den Prozess zu verlangsamen", steht den Zeitungsberichten zu Folge in Cairncross' Manuskript. "In der Praxis tun wir beides. Aber über eine Anpassung ist bislang relativ wenig diskutiert worden." Deshalb hätten entsprechende Maßnahmen bislang viel weniger Aufmerksam genossen als solche, die nur einer Abmilderung der globalen Erwärmung dienten - "und das ist ein Fehler."

"Eine trockenere, heißere Welt"

Vielmehr müsse sich die Politik auf eine heißere, trockenere Welt vorbereiten, besonders in ärmeren Ländern. Cairncross nennt nicht nur neue Saatgutarten, Hochwassersicherung und verschärfte Bauvorschriften als Beispiele. Sie regt auch an, "das Bauen in der Nähe des Meeresniveaus zu verbieten."

Umwelt- und Klimaschützer reagieren traditionell skeptisch auf Politik-Vorschläge, die sich auf die Folgen anstelle der Ursachen konzentrieren. Sie werden als Eingeständnis von Versagen interpretiert - und oft auch als Verschleppungstaktik im Angesicht drängender Probleme geschmäht.

Erst kürzlich hatte der Chef des Uno-Umweltprogramms (Unep), Achim Steiner, gesagt, es sei zu spät, die globale Erwärmung ganz zu verhindern. Auf bestimmte Auswirkungen wie größere Regenmengen müssten sich auch Länder wie Deutschland einstellen. "Talsperren, Landwirtschaft und konventionelle Kraftwerke sind bislang auf bestimmte Niederschlagsmengen angewiesen", sagte Steiner. Künftig werde es bei Niederschlägen zu deutlich größeren Schwankungen kommen. Darauf müsse sich die deutsche Wirtschaft vorbereiten.

Drehbücher für eine ungewisse Zukunft

Den Briten führt - passend zu Cairncross' Rede - eine Untersuchung von Forschern der University of Newcastle-upon-Tyne vor Augen, was der Klimawandel für ihr Land bedeuten könnte: Extreme Niederschläge seien zwischen 1961 und 2000 häufiger geworden, besonders in Schottland und Nordengland. Die Wissenschaftler warten jene zehn Prozent der Einwohner des Vereinigten Königreichs, die in der Nähe von Flüssen leben, vor künftig häufigeren Überschwemmungen.

Erst letzte Woche hatte ein Team unter Führung Münchner Wissenschaftler berichtet, dass der Frühlingsbeginn fast in ganz Europa früher eintritt als vor 30 Jahren. Sie schreiben diesen Effekt dem von Menschen verursachten Klimawandel zu, genauso wie ihre Kollegen es mit der Erwärmung der Nordsee tun.

Anfang August hatte Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf am Gipfel der Zugspitze gewarnt: "Unabhängig von den Ergebnissen der internationalen Klimaschutzanstrengungen wird es bis zum Ende des Jahrhunderts in Süddeutschland und besonders im Alpenraum immer wärmer." Bis 2100 sei Süddeutschland überdurchschnittlich von der Erwärmung betroffen - mit einem "Drehbuch" plausibler Szenarien sollten Forscher die Regierungen darauf vorbereiten. - Die Debatte, die Frances Cairncross im Sinn hat, sie ist bereits im Gange.

Um besser für die Herausforderungen einer heißeren, trockeneren Welt gewappnet zu sein, schlägt die Wissenschafts-Repräsentantin übrigens ein ebenso profanes wie sportliches Mittel vor: 500 britische Pfund sollen jedem Schüler winken, der seine Matheabschlussprüfungen mit einer Eins besteht. Ein besseres Verständnis für Mathematik und Naturwissenschaften verleihe einer Gesellschaft auch ein besseres Verständnis für Klima-Zusammenhänge.

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