Gedankenschmiede

Klimawandel Gefahr für die Deltas der Erde

REUTERS/ NASA

Warum ist immer von Kiribati und Tuvalu die Rede? Die meisten Opfer des Klimawandels leben andernorts: Das Anschwellen der Meere gefährdet besonders die großen Flussdeltas. Sie sind Heimat von fast einer halben Milliarde Menschen.

"Flussdeltas waren seit jeher strategische Orte, an denen Menschen bevorzugt gesiedelt haben", sagt Liviu Giosan. Der Wissenschaftler des US-Meeresforschungsinstitut Woods Hole erforscht den historischen Wandel der Schwemmebenen vor den Mündungen großer Flüsse. Jetzt hat er, zusammen mit drei Kollegen, einen Alarmruf im Wissenschaftsblatt "Nature" publiziert. "Schützt die Deltas der Erde", fordern die Forscher.

Schon seit Mitte des letzten Jahrhunderts schrumpfen viele Deltas, denn flussaufwärts halten Staudämme die Sedimente zurück. Ohne den Zustrom von Schlamm verschwindet das in Jahrtausenden aufgeschüttete Schwemmland in den Meeresfluten. Etwa ein Fünftel des Indus-Deltas in Pakistan ist wegerodiert, die einst fruchtbaren Böden sind versalzen.

An der Mündung des Gelben Flusses in China gehen Jahr für Jahr rund 300 Meter Land verloren. Besonders schlimm sei es um den Mississippi bestellt, sagt Giosan: "Ich habe schon viel erlebt, aber das, was ich dort gesehen habe, hat mich wirklich schockiert."

Überschwemmungen hinterlassen Schwemmland

Giosan und seine Forscherkollegen haben Daten über die Flussdeltas der Erde in einem Diagramm zusammengetragen. Rot schraffiert ist darin jener Bereich, in dem der Zustrom an Sediment zu gering ist, um den Landfraß des Meeres zu kompensieren. Und egal ob Amazonas, Mekong, Niger oder Nil - fast alle großen Ströme der Welt sind hier zu finden.

Dabei zeigt das Schaubild nur den Beginn der beängstigenden Entwicklung: Der Anstieg des Meeresspiegels wird den Landschwund künftig noch beschleunigen. Deltas, sagt Giosan, lassen sich begreifen als Kampfstätten, an denen Land und Meer miteinander ringen.

Unermüdlich speien die Flüsse Sand und Schlick aus und häufen sie zu Neuland auf, während gleichzeitig die Wogen des Meeres an der frisch gebildeten Scholle nagen. Jede Überschwemmung hinterlässt neues Schwemmland, jeder Sturm raubt Terrain. Es entsteht so eine dynamische, in steter Veränderung begriffene Landschaft, in der sich das Wasser Dutzender Flussarme immer aufs Neue sein Bett sucht.

Seit sich vor rund 7000 Jahren der Meeresspiegel auf dem heutigen Niveau stabilisierte, ging zumeist das Land als Sieger aus dem Ringen der Elemente hervor. Seither wuchern, wenngleich immer wieder von Stürmen zurückgedrängt, die Deltas von Ganges, Kongo, Jangtse oder Donau langsam doch stetig ins Meer. Und kaum war neues Land im Meer entstanden, kamen Menschen, um es zu besiedeln.

Millionen Menschen könnten ihre Heimat verlieren

Es lockten extrem fruchtbare Böden und eine strategisch günstige Lage: Wer das Delta eines großen Flusses beherrscht, kann den Fernhandel kontrollieren. Shanghai, Bangkok, Kalkutta, Dakha: Besonders in Asien sind viele der brodelnden Megacitys an Flussdeltas gelegen. Wie stark der Mensch seit jeher Wachstum und Schwund von Deltas beeinflusst, hat Giosan am Beispiel der Donau untersucht.

Anders als die Mündungen der großen asiatischen Flüsse ist es vergleichsweise spärlich besiedelt. Deshalb hat sich eine paradiesische Wasserlandschaft erhalten, die von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde. 2000 Pflanzen- und 5000 Tierarten haben die Biologen gezählt. Doch auch dieses Idyll ist gefährdet. Um rund 60 Prozent ist die Sedimentfracht des Flusses zurückgegangen, seit der Mensch Dämme errichtet hat. Doch schon lange vor den Dammbauten wirkte der Mensch auf dieses Delta ein: Bei der Analyse von Bodenproben stellte Giosan fest, dass das Delta vor etwa 500 Jahren plötzlich rasant zu wachsen begann.

Als Ursache der raschen Verlandung hat der Forscher den Vorstoß der Türken nach Europa dingfest gemacht. Denn weil die muslimischen Eroberer kein Schweinefleisch essen wollten, führten sie großflächig die Schafzucht ein. Um Weiden für die Tiere zu schaffen, holzten sie die Berghänge ab. Regen spülte daraufhin die Böden ins Tal, der Fluss förderte den Schlamm bis ans Schwarze Meer.

Das Beispiel zeigt, dass sich der Schwund der Deltas durchaus bremsen oder gar umkehren lässt. Auch in Asien und Amerika haben einstmals Rodungen oder neue landwirtschaftliche Methoden zum Wachstum der Deltas geführt. "Wir müssen dem Niedergang nicht tatenlos zusehen", schlussfolgert Giosan. Es sei durchaus möglich, Schlamm an Staudämmen vorbei zu spülen, erklärt der Deltakundler. Vor allem aber komme es darauf an, im Mündungsgebiet selbst dafür zu sorgen, dass sich die Schwebstoffe im Wasser ablagern können. Das Studium der Natur lehre, wie sich durch geeignete Dammbrüche und Kanäle das Wachstum eines Deltas lenken lässt, sagt Giosan: "Wir müssen handeln, und zwar möglichst, bevor Millionen ihre Heimat verloren haben."

Diskutieren Sie mit!
27 Leserkommentare
ladozs 05.12.2014
Mario V. 05.12.2014
Hansespirit 05.12.2014
analyse 05.12.2014
chjuma 05.12.2014
litholas 05.12.2014
Gotthold 05.12.2014
-denker- 05.12.2014
viwaldi 05.12.2014
Theodoro911 05.12.2014
thorstent 05.12.2014
spon-facebook-10000216344 05.12.2014
mazzeltov 05.12.2014
Bundeskanzler20XX 05.12.2014
PriseSalz 05.12.2014
litholas 05.12.2014
günter1934 05.12.2014
günter1934 05.12.2014
n.rau 05.12.2014
rothaus_baden 05.12.2014
cmk_1 05.12.2014
dritter_versuch 05.12.2014
rothaus_baden 05.12.2014
n.rau 05.12.2014
mazzeltov 05.12.2014
rothaus_baden 05.12.2014
cavete 05.12.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.