Knochensplitter

Knochensplitter-Blog Krokodilauflauf im Miozän

UZH

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Vom zwölf Meter langen Riesenkrokodil über Fischjäger bis zum gründelnden kleinen Muschelsammler brachte Südamerika vor fünf Millionen Jahren eine seitdem nie wieder erreichte Vielfalt an Krokodilen hervor. Die Reptilien besetzten höchst verschiedene ökologische Nischen - bis ihnen ein geologisches Großereignis den Garaus machte.

Zu keiner Zeit lebten mehr Krokodilarten zeitgleich im selben Lebensraum als vor rund fünf Millionen Jahren in Südamerika. Das berichtet ein internationales Forscherteam in den aktuellen "Nature Communications" (doi:10.1038/ncomms2940). Sie wiesen für das Miozän im Zeitfenster von neun bis fünf Millionen Jahre 14 zum Teil parallel existierende Arten nach.

Bis zu sieben davon sollen zeitparallel im gleichen geografischen Raum koexistiert haben - "sympatrisch" nennt der Biologe das, wenn sich Arten im gleichen Lebensraum begegnen. Heute leben nirgendwo auf der Welt mehr als zwei oder drei Krokodilarten sympatrisch.

Damit sei im Miozän der Gipfel der Artenvielfalt der Krokodilartigen erreicht worden, schreiben die Forscher. Möglich war das offenbar, weil die Tiere gar nicht miteinander konkurrierten: Sie besetzten hoch spezialisiert eine breite Auswahl ökologischer Nischen, die nicht von anderen Spezies in Anspruch genommen wurden.

Vertreten war dabei die gesamte Bandbreite der Krokodilartigen. Gefunden wurden Fossile aller heute noch in Nord- und Südamerika vorkommenden Krokodilfamilien - Alligatoren, Kaimane und echte Krokodile, aber auch Gaviale, von denen es heute nur noch einen Vertreter in Asien gibt. Zwei neue Arten konnten die Forscher dabei beschreiben: Den Kaiman Globidentosuchus brachyrostris, der mit seinen abgerundeten Zähnen wohl vor allem Muscheln, Schnecken und Krustentiere knackte, und das wohl über vier Meter Länge erreichende Crocodylus falconensis.

Für alle 14 gefundenen Arten aber gilt, dass sie am Ende des Miozäns ziemlich abrupt ausstarben. Grund war ein geologisches Großereignis: Die Anden, die vor circa 60 Millionen Jahren entstanden, wurden erst im ausgehenden Miozän und beginnenden Pliozän zum echten Hochgebirge - nach geologischen Maßstäben verlief die so genannte Andenhebung nahezu plötzlich. Sie veränderte die Lebensräume total.

Ursächlich für das Aussterben der miozänischen Krokodilarten war vor allem die Veränderung der Wasserwege. "Die Hebung der Anden veränderte die Flussläufe", erklärt dazu der Paläontologe Marcelo Sánchez von der Uni Zürich, der das internationale Forscherteam gemeinsam mit seinem Kollegen Torsten Scheyer leitete: "So entwässert der Amazonas heute bekanntlich nicht mehr in die Karibik, sondern in den wesentlich kühleren Atlantik."

Das heutige Venezuela verlor zugleich den prähistorischen Strom Urumaco, benannt nach einem Kleinstädtchen im einstigen Deltagebiet. Das ist seit dem Beginn des Pliozän ein sehr trockenes Gebiet geblieben - der einstige Lebensraum der Krokodile dort ist komplett verschwunden.

+++ Kurz & knapp: Pubertierende Saurier +++

Das Thema der Gehirnentwicklung bei Sauriern haben sich Stephan Lautenschlager (Uni Bristol) und Tom Hübner vom Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover in der aktuellen Ausgabe des "Journal of Evolutionary Biology" vorgenommen. Und gemeint ist hier nicht etwa im Laufe der Evolutionsgeschichte, sondern im Verlauf der Adoleszenz: Salopp gesagt nutzten sie die Gelegenheit, sich die Veränderungen des Gehirns pubertärer Saurier anzusehen.

Möglich wurde das durch die Fundlage beim kleinen jurassischen Pflanzenfresser Dysalotosaurus lettowvorbecki, von dem sowohl Fossilien ausgewachsener, als auch juveniler Exemplare erhalten sind. Die beiden Autoren erstellten auf Basis von Schädelfossil-CTs digitale Visualisierungen von Hirn und Innenohr und deren Veränderungen im Laufe des Altterungsprozesses.

Demnach veränderten sich bei den untersuchten Sauriern nicht nur die Proportionen. Während elementare Funktionen wohl schon bei geschätzt dreijährigen Tieren in etwa denen der ausgewachsenen, geschätzt zwölfjährigen Exemplare entsprach, stellten die Forscher teilweise massive Veränderungen fest, die wahrscheinlich mit dem sich im Wachstum verändernden Metabolismus sowie Anpassungen an Umwelt und Lebensweise zusammen hingen. So stellten sie eine massive Vergrößerung der Bereiche des Schädels fest, die der Wahrnehmung und Verarbeitung von Gerüchen dienten - Anpassungen an "erwachsene" Aufgaben?

+++ Wer muss, der kann: was unsere Vorfahren motivierte +++

Wir markieren die Schritte unserer eigenen kulturellen Entwicklung gern anhand der Werkzeuge, Waffen und Materialien, die wir zu dem betreffenden Zeitpunkt nutzten. Unsere prähistorischen Zeiten teilen wir in Phasen der Steinnutzung, sprechen von Altsteinzeit, mittlerer Steinzeit, Jungsteinzeit - festgemacht an Typen zunehmend fortschrittlicher Steinwerkzeuge. Höflich gesagt war das Innovationstempo damals deutlich gemächlicher, als wir das heute kennen - mitunter tat sich über Jahrzehntausende herzlich wenig.

Was aber motivierte unsere Vorfahren, ihre Köpfe manchmal anzustrengen und menschliche Kultur und Entwicklung in wahrnehmbaren Schüben dann doch voran zu bringen? Was war der Motor der Weiterentwicklung?

Eine äußerst häufige Antwort auf diese Frage ist von der Phase der Primatenentwicklung hin zu den Hominiden bis zu den Übergängen von einer Kulturstufe zur nächsten immer wieder dieselbe - Klimawandel. Das, behauptet ein internationales Forscherteam aus England, der Schweiz und Spanien in den aktuellen "Nature Communications", gilt auch für die technologischen Innovationsschübe im afrikanischen Middle Stone Age (MSA).

Sie sprechen dabei von regelrechten "Entwicklungspulsen", die laut ihrer Studie mit abrupten Klimaschwankungen und -veränderungen korrelierten. So sei es zu plötzlichen Innovationsschüben gekommen, als die nördliche Hemisphäre eine Phase rapider Abkühlung erlebte. Im knapp südlich der Sahara gelegenen Teil von Afrika ging die mit ausgedehnten Dürreperioden einher, während im Südteil des Kontinents ein schwül-warmes Klima entstand. Beides erhöhte den Anpassungsdruck auf die dort zu dieser Zeit lebenden Populationen von Menschen. Die standen damals am Übergang zum modernen Menschen, zu uns.



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mitverlaub 22.05.2013
urzeit1946 08.06.2015

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