Klimawandel: Bush-Berater soll Studien manipuliert haben
Die US-Regierung verweigert sich weiterhin dem internationalen Klimaschutz. Der britische Premier Tony Blair räumte ein, dass er keine Chance hat, US-Präsident Bush zum Einlenken zu bewegen. Zugleich wurde bekannt, dass ein Berater Bushs offizielle Klimastudien manipuliert haben soll.
US-Präsident Bush nach dem Treffen mit Blair: "Wir wollen mehr darüber wissen"
Der Druck auf die US-Regierung, endlich den Zusammenhang zwischen Treibhausgas-Emissionen und dem Klimawandel anzuerkennen, wird immer stärker. In einer gemeinsamen Stellungnahme haben die nationalen Wissenschaftsakademien von elf Staaten, darunter die der acht weltgrößten Industrienationen, ihre Regierungen zum sofortigen Handeln aufgefordert. "Der Klimawandel ist jetzt wissenschaftlich so weit verstanden, dass die Ergreifung unverzüglicher Maßnahmen gerechtfertigt ist", heißt es in dem Schreiben, das erklärtermaßen das Treffen zwischen US-Präsident George W. Bush und dem britischen Premier Tony Blair in Washington beeinflussen sollte.
"Wir fordern die Amerikaner nicht auf, ihre Position zu Kyoto zu revidieren", sagte Blair der "Financial Times". "Das werden sie auf keinen Fall tun." Damit dürfte die Hoffnung Blairs, für seine Vasallentreue im Irak-Krieg Zugeständnisse der USA auf anderen Politikfeldern zu erreichen, endgültig zerstoben sein. Denn nebenbei lehnte Bush auch zwei weitere britische Vorschläge ab: den Aufbau einer "International Finance Facility" und den Verkauf von Goldreserven des Internationalen Währungsfonds. Beides sollte der finanziellen Unterstützung der ärmsten Länder der Welt dienen.
Selektiver Wissensdurst
Die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls verweigert Bush weiterhin mit dem Argument, das Abkommen würde der Wirtschaft der USA schaden - eine Annahme, die erst im April von seinem eigenen Wirtschaftsministerium konterkariert wurde. Eine Studie hatte ergeben, dass verbindliche Grenzen für den Ausstoß von Treibhausgasen keinen signifikanten Einfluss auf das Wirtschaftswachstum der USA bis zum Jahr 2025 hätten.
Gletscherschwund: "Spekulationen und Träumereien"
Allerdings gestaltete sich der Wissensdurst der Regierung Bush in Sachen Klimaschutz bislang recht selektiv - und meist zugunsten der Ölindustrie. Politisch motivierte Eingriffe in die Arbeit von Forschern, die bis zur Unterdrückung kritischer Studien reichten, haben zu einem beispiellosen Zerwürfnis zwischen der Regierung und der Forschergemeinde der USA geführt. Die neueste Episode ist ein Skandal, den die "New York Times" jetzt publik machte: Ein ranghoher Berater Bushs hat demnach systematisch wissenschaftliche Studien manipuliert, um die Rolle des Treibhausgas-Ausstoßes für den Klimawandel herunterzuspielen.
Der Öl-Lobbyist, der Klimaberater wurde
Philip Cooney, ehemaliger Lobbyist der US-Energiebranche und mittlerweile Stabschef im Umweltrat des Weißen Hauses, soll wiederholt Regierungsgutachten nachbearbeitet haben - obwohl die Studien bereits von Wissenschaftlern der Regierung bestätigt worden seien, berichtet die "New York Times". Bevor Cooney 2001 ins Präsidialamt berufen wurde, habe er als Lobbyist für das American Petroleum Institute gearbeitet, die größte Interessengruppe der US-Ölindustrie.
Bush und Blair: Keine Dividende für Bündnistreue im Irak-Krieg
In einem Abschnitt über den möglichen Einfluss der Erderwärmung auf das Trinkwasser und die Gefahr von Überflutungen soll Cooney Beschreibungen der Gletscherschmelze ersatzlos gestrichen haben. In einer handschriftlichen Notiz warf Cooney, als Jurist und Ökonom frei von naturwissenschaftlicher Ausbildung, den Klimaexperten ein "Abschweifen von der Forschungsstrategie hin zu Spekulationen und Träumereien" vor.
Die US-Regierung lehnte es ab, den Artikel zu kommentieren. Änderungen an wissenschaftlichen Berichten seien Teil eines normalen Revisionsprozesses, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses. "Alle Kommentare werden noch einmal durchdacht, einige werden akzeptiert und andere abgelehnt."
Markus Becker
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