Klimawandel CO2-Konzentration auf Rekordniveau

Der Kohlendioxid-Gehalt in der Erdatmosphäre ist so hoch wie seit mindestens einer Million Jahren nicht mehr. Und die Konzentration des Treibhausgases steigt weiter, wie globale Messungen zeigen.


Die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid lag 2005 bei durchschnittlich 381 Teilen pro eine Million Teile Luft (ppm). Das sind 100 ppm mehr als der Durchschnitt in vorindustriellen Zeiten, meldet die britische BBC. "Jetzt sind wir über 380 ppm, das ist mehr als seit einer Million Jahren, möglicherweise sogar höher als seit 30 Millionen Jahren", sagte Sir David King, oberster Wissenschaftsberater der britischen Regierung. "Die Menschheit verändert das Klima."

Beunruhigender noch als das eigentliche Überschreiten der 380-ppm-Marke ist der zugrunde liegende Trend. Im vergangenen Jahr ist die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre so stark angestiegen wie selten zuvor, wie Messungen der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) besagen. Nur zwei Mal in den vergangenen 25 Jahren, 1987 und 1998, ist noch mehr CO2 neu hinzugekommen, berichtet die US-Behörde.


"Wir sehen kein Anzeichen für einen Rückgang, im Gegenteil. Tatsächlich beschleunigt sich die Zunahme", sagte Pieter Tans vom "Global Monitoring"-Team der NOAA. Mit einem weltweiten Netzwerk von Messstationen der NOAA und befreundeter Organisationen überwachen die Wissenschaftler die CO2-Konzentration in Bodennähe und unmittelbar über der Meeresoberfläche. Messungen wurden unter anderem am Südpol, in den Rocky Mountains, auf dem hawaiianischen Vulkan Mauna Loa und auf dem Ochsenkopf, einer Außenstelle des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie in Jena, durchgeführt.

"Wir wissen seit langem, dass die Rate der Zunahme stark schwankt", sagt Martin Heimann, Wissenschaftler am BGC, zu SPIEGEL ONLINE. So steige die CO2-Konzentration während des Klimaphänomens El Nino oder bei großer Trockenheit in Europa besonders stark.

"Der Wert 381 ppm, die absolute Menge, das ist hier tatsächlich das Hauptaugenmerk", sagt Heimann. Steige die Konzentration immer weiter, träten irgendwann nichtlineare Effekte auf. Beispielsweise wenn  die Ozeane, die gegenwärtig wegen steigenden CO2-Gehalts fast schon so sauer sind, wie zu Zeiten des Sauriersterbens , weniger oder kein Kohlendioxid mehr aus der Luft aufnehmen können - das würde die Zuwachsraten der CO2-Konzentration in der Atomsphäre noch schneller steigen lassen.

Klimatrend ist politisch heikel

Die Erkenntnisse der US-Wissenschaftler sind auch politisch nicht ohne Brisanz: Die NOAA untersteht dem US-Handelsministerium. Die Bush-Regierung hatte in der Vergangenheit immer wieder Äußerungen von Forschern sowie die Interpretation ihrer Ergebnisse zu beeinflussen versucht. Der Chefredakteur des Fachmagazins "Science", Donald Kennedy, warf der Regierung in Washington gar vor, sie habe Klimaexperten der NOAA und der Raumfahrtbehörde Nasa einen Maulkorb verpasst.

Kennedy zufolge ignoriere Washington nicht nur schlagende Beweise für die globale Erwärmung durch Treibhausgase wie Kohlendioxid. Vielmehr habe die Regierung NOAA-Forschern, die die Klimapolitik des Weißen Hauses ablehnen, den Kontakt mit der Presse verboten. Ebenso müssten die staatlich angestellten Klimaforscher ihre Vorträge auf wissenschaftlichen Kongressen zuvor mit Washington abstimmen, schrieb Kennedy.

Bislang hat die NOAA den neuen Höchstwert in der weltweiten bodennahen CO2-Konzentration auch nicht offiziell vermeldet. Allerdings stehen die entsprechenden Zahlen und Grafiken auf der Website der Global Monitoring Division der NOAA.

Die britische Regierung hat indes den Klimawandel als umweltpolitisches Thema für sich entdeckt. Anfang Februar hatte Premierminister Tony Blair erklärt, die industrialisierten Staaten hätten nicht mehr als sieben Jahre, um dem Klimawandel entgegenzuwirken und "den Planeten zu retten".

In Deutschland tritt Ende 2006 ein Gesetz in Kraft, das zum Ziel hat, alte Heizungsanlagen gegen neuere auszutauschen. So soll sowohl Energie gespart haben, als auch der Ausstoß von Kohlendioxid reduziert werden. Bis Ende des Jahres, so das Gesetz, müssen viele Heizkessel, die vor dem 1. Oktober 1978 eingebaut wurden, ausgewechselt werden. Allerdings gibt es Sonderregelungen für Heizungen in selbstgenutzten Ein- und Zweifamilienhäusern.

Stefan Schmitt/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.