Kampf gegen Klimawandel "Der Atomausstieg ist ein großer Fehler"

Forscher wie der Klimatologe James Hansen und Lobbyisten fordern auf der Weltklimakonferenz, Atomkraftwerke als klimafreundlich anzuerkennen - und zu fördern. Deutschland steckt in der Zwickmühle.

Kernkraftwerk Grohnde (Archiv)
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Kernkraftwerk Grohnde (Archiv)

Aus Bonn berichtet


Kaum ein Regierungsvertreter auf den Klimaverhandlungen redet gerne über das Thema. Und gewöhnlich wird es übertönt vom Streit zwischen den Kämpfern für Erneuerbare Energien und jenen von Kohle, Öl und Gas.

Doch sie sind da, auf jeder Klimakonferenz: die Unterstützer der Atomenergie. Auch auf der Weltklimatagung in Bonn kämpfen sie dafür, dass Nuklearenergie anerkannt wird als klimafreundlich - schließlich erzeugt der Betrieb von Atomkraftwerken kein CO2-Treibhausgas.

Die Einordnung als klimafreundlich könnte den Befürwortern den Zugang zu den begehrten Klimafonds der Vereinten Nationen (Uno) eröffnen, mit denen in armen Ländern die Energiewende zu treibhausgasarmer Energie finanziert werden soll. Sollte der Bau von Atomkraftwerken gefördert werden wie Windkraft, Sonnenenergie oder Wasserkraft?

69 Wissenschaftler warnen auf der Klimakonferenz in einem offenen Brief: "Atomkraft ist keine geeignete Lösung für den Klimawandel: Sie ist zu schmutzig, zu gefährlich und im Bau zu langsam, um eine nennenswerten Beitrag zur Lösung der Klimakrise liefern zu können."

Joker Atomkraft?

Außer den bekannten Risiken sei die CO2-Bilanz von Energie aus Atomkraft noch nicht einmal allzu niedrig, würde man "die gesamte Brennstoffkette berücksichtigen", schreiben die Klimaforscher, Physiker und Ärzte.

Doch vielen Ländern gilt Atomkraft als Joker: Verkündet ein Staat den Ausstieg aus der Kohlekraft, hält es meist noch Atomkraftwerke in der Hinterhand. Allein mit Erneuerbaren kann kaum ein Land klarkommen - es sei denn es liegt geografisch so günstig wie Island, Norwegen oder Uruguay, wo es Wasserkraft, Erdwärme oder Wind im Überfluss gibt.

Deutschland verzichtet mit dem Atomausstieg auf den Energie-Joker, er wurde als zu gefährlich verworfen. Die Abschaltung verhagelt die CO2-Bilanz: Würde Deutschland heute noch genauso viel Atomstrom produzieren wie im Jahr 2000, bräuchte man die Hälfte aller aktuell laufenden Braunkohlekraftwerke nicht mehr.

Der Atomausstieg läuft bereits - nun steht anscheinend der Kohle-Ausstieg bevor - das Land steckt in einer Zwickmühle: Woher soll der Strom kommen, wenn es dunkel ist und kaum Wind weht? Noch fehlen die Technologien, um ausschließlich auf Erneuerbare Energien setzen zu können.

Der Klimatologe James Hansen von der Columbia University in den USA aber, einer der nachdrücklichsten und erfahrensten Warner vor der Klimaerwärmung, fordert auf der Weltklimakonferenz in Bonn einen Ausbau der Atomkraft mit dem Ziel, die Erwärmung zu bremsen.

Klimaforscher Hansen
AP

Klimaforscher Hansen

SPIEGEL ONLINE: Herr Hansen, ist es ein Fehler, aus der Atomkraft auszusteigen?

James Hansen: Es ist ein großer Fehler für die Welt. Ein Großteil der Länder kann es sich nicht leisten, auf Atomkraft zu verzichten.

SPIEGEL ONLINE: Um seine Klimaziele zu erreichen, hätte Deutschland besser neue Reaktoren gebaut, statt auf Erneuerbare Energien zu setzen?

Hansen: Deutschland kann ohne Atomkraft auskommen, wenn es wirklich will, denn Deutschland ist ein wohlhabendes Land, und die Öffentlichkeit scheint bereit zu sein, die Kosten für Erneuerbare Energien zu übernehmen. Aber die ideale Balance zwischen Erneuerbaren und Atomkraft ist normalerweise nicht Null für eine von beiden. Es ist unglaubwürdig, dass China und Indien ihren Einsatz fossiler Brennstoffe ohne die Hilfe der Atomenergie schnell genug auslaufen lassen können.

SPIEGEL ONLINE: Ignorieren Sie nicht die Risiken der Kernkraft?

Hansen: Kein Energiesystem ist perfekt, aber im Fall der Kernenergie ist es klar, dass wir die Probleme soweit reduzieren können, dass die Kernkraft die umweltfreundlichste aller Energiekandidaten ist, von denen wir wissen.

SPIEGEL ONLINE: Um die globale Erwärmung mit Atomreaktoren zu bekämpfen, müssten Hunderte von ihnen gebaut werden - ein plausibles Szenario?

Hansen: Sicher ist es möglich, und neuere Reaktoren produzieren noch weniger Abfall als derzeitige.

SPIEGEL ONLINE: Könnte das Geld für neue Kernreaktoren nicht besser in Erneuerbare Energien investiert werden?

Hansen: Noch mehr für Erneuerbare Energien? Sie machen wohl Witze. Die für erneuerbare Energien bereitgestellten Subventionen zwingen Kunden dazu, höhere Sätze zu zahlen, eine Art unsichtbare Steuer. Die Stromrechnung steigt, aber der Kunde weiß nicht warum.

SPIEGEL ONLINE: Auch Kernenergien und fossile Energien wurden doch massiv mit Steuergeldern gefördert.

Hansen: Die Subvention für Erneuerbare war ja auch nützlich, um sie zu verbessern und ihre Kosten zu senken. Warum aber investiert ein Land so viel in Erneuerbare Energien und wenig oder nichts in Atomkraftwerke der nächsten Generation? Ein rationaler Ansatz wäre gewesen, Subventionen für kohlenstofffreie Energien zu erlauben und ihnen den Wettbewerb zu ermöglichen, also auch der Kernkraft.

SPIEGEL ONLINE: Umweltverbände mobilisieren zum Kampf gegen den Klimawandel, dennoch bekämpfen sie auch die Kernkraft, wie erklären Sie sich das?

Hansen: Als die großen Umweltorganisationen sich gegen die Atomkraft positionierten, machten sie sich immer mehr abhängig von dieser Haltung. Sie mussten die Position beibehalten, weil ihre Unterstützer und Spender das so wollten. Daher sind sie nicht mehr bereit, ihre Haltung zu überprüfen. Es gibt viele Gründe für die Zunahme der nuklearen Angst, von denen ein Teil irrational ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum dringen Sie selbst in den USA nicht durch mit Ihren Forderungen?

Hansen: Die Vereinigten Staaten hatten das Potenzial für Innovationen, die notwendig waren, um die Kernkraft des 21. Jahrhunderts zu schaffen, aber dies wurde durch den Erfolg der Anti-Atom-Gruppen erstickt. Einige demokratische Präsidenten haben tatsächlich Atomkraftgegner zu Leitern der Nuklearen Regulierungskommission ernannt!

SPIEGEL ONLINE: Also ist das Thema durch?

Hansen: Es sieht so aus, als ob es eine Chance gibt, die Situation für Reaktoren der nächsten Generation zu ändern, aber der Kongress hat langsam gehandelt. Spätestens unsere Kinder aber werden diese Position erneut prüfen, und ich habe Angst, dass unsere Kinder enttäuscht sein werden, wenn sie verstehen, wie töricht wir waren und was wir angerichtet haben.

Video: Warum Deutschland seine Klimaziele verfehlt

Filip Singer/EPA-EFE
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muekno 15.11.2017
1. Hat es endlich einer begriffen
ausserdem war der deutsche Atomausstieg nur dem Machtwillen der Mutti geschuldet, trotz den Schwenks vor der BW Wahl wurde diese verloren und heut Zahl D mit überhöhten Strompreise und schlechten CO2 Werten
_gimli_ 15.11.2017
2.
Ein sehr guter Beitrag von einem Menschen mit Weitblick.
winki 15.11.2017
3. Es gibt doch noch vernunftbegabte Leute, ...
zu den die Kanzlerin nicht gehört. Die Technik schreitet stetig voran und zusammen mit intensiver Forschung und Entwicklung ist es garantiert möglich heute Atomkraftwerke zu bauen und zu betreiben, die sehr sicher sind. Das schließ doch die Nutzung anderer Energiequellen nicht aus. Es muss nur einen sinnvollen Mix geben.
derhey 15.11.2017
4. Ales schön und gut?
Wahrscheinlich hat die Menschheit, wenn sie diesen Standard weiterleben möchte bzw. gar noch steigern, nur die Wahl zwischen Pest und Colera, entweder versaufen manche Landstriche oder werden durch Nuklearmüll unbewohnbar. Wo sollen die Endlager hin - keiner möchte sie vor der Haustüre haben. Ins Meer, in die Wüste, unter die Erde??? Es wird wohl nichts helfen: Energie massiv einsparen und erneuerbare.
Rennbahner 15.11.2017
5. Lobbyisten?
Bereits in der Einleitung werden die Atomkraftbefürworter als Lobbyisten bezeichnet - was fälschlicherweise suggeriert, dass sie von der Nuklear-Industrie für ihre Äußerungen bezahlt werden. Fragwürdige Diffamierung seriöser Wissenschaftler.
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