Klimawandel Die Welt muss mindestens 1000 Jahre schwitzen

Alarmierende Modellrechnungen: Selbst wenn die Menschheit ab sofort kein Kohlendioxid mehr ausstoßen würde, hätte die Erde bis zum Jahr 3000 mit massiv erhöhten Temperaturen zu kämpfen. Der Grund sind langfristige Effekte in den Ozeanen.


Washington - Unsere Welt trägt ein gefährliches Erbe. "Man hat geglaubt, bei einem Stopp des CO2-Ausstoßes würde sich das Klima in 100, 200 Jahren wieder normalisieren. Das ist aber nicht wahr", sagt Susan Solomon. Die Klimaforscherin ist Hauptautorin einer Studie, die in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht wurde, und die diesen Zusammenhang eindrucksvoll belegt. Das Problem sind die Langzeitfolgen durch bereits jetzt im System befindlicher Treibhausgase.

Klimaschutzaktivisten (auf Spitzbergen, 2007): "Der Klimawandel ist langsam, aber unaufhaltbar"
REUTERS

Klimaschutzaktivisten (auf Spitzbergen, 2007): "Der Klimawandel ist langsam, aber unaufhaltbar"

Wissenschaftlern ist schon seit einiger Zeit klar, dass uns die volle Wucht des Klimawandels erst noch treffen wird: Bisher wurde die globale Erwärmung von den Ozeanen verlangsamt, weil das Wasser viel Energie absorbiert und sich aufwärmt. Von jeder Tonne zusätzlich produziertem CO2 landen rund 200 Kilogramm in der Atmosphäre; die restlichen 800 Kilogramm wandern in den Ozean.

Dieser für das Weltklima derzeit sehr vorteilhafte Effekt wird aber mit der Zeit immer schwächer - bis ab einem gewissen Punkt die Ozeane den Planeten sogar aufwärmen, indem sie die gespeicherte Wärme wieder an die Luft abgeben.

Mit Modellrechnungen haben Solomon und ihre Kollegen nun untersucht, welche Folgen das in der Atmosphäre aufgestaute Kohlendioxid für das Klima hat, wenn es die derzeit erreichte Konzentration von 385 Teilen pro Million (ppm) übersteigt. Vor Beginn des Industriezeitalters lag die CO2-Konzentration bei 280 ppm. Sollte sie auf 450 bis 600 ppm ansteigen, gäbe es im Sommer jahrhundertelang weniger Regen in Südeuropa, Nordafrika, im Südosten der USA sowie in Westaustralien.

Die Folgen wären den Autoren zufolge Wassermangel, vermehrte Brände, eine Ausbreitung der Wüsten sowie schwerwiegende Veränderungen des Ökosystems. Bei einer CO2-Konzentration von 600 ppm würden die Meeresspiegel bis zum Beginn des nächsten Jahrtausends um durchschnittlich 40 Zentimeter bis einen Meter ansteigen. Doppelt so hoch wäre der Anstieg der Meeresspiegel bei einer CO2-Konzentration von 1000 ppm.

Bei diesen Werten ist wohlgemerkt nur die thermische Ausdehnung des Wassers berücksichtigt, das bei höheren Temperaturen eben mehr Raum einnimmt. Schmelzende Gletscher und kollabierende Eisschilde in Grönland und im schlimmsten Fall sogar der Antarktis bleiben außen vor. Dabei würde der Meeresspiegel um weitere rund sieben Meter ansteigen, wenn Grönlands Eis vollständig abschmelzen würde.

Die Modellrechnungen zeigen, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre in den kommenden Jahrhunderten weit über den Werten der vorindustriellen Zeit liegen wird - und dass dies selbst dann der Fall wäre, wenn die Menschheit von heute auf morgen ihren Kohlendioxid-Ausstoß auf null brächte. Wenn zum Beispiel die CO2-Konzentration bei 800 ppm ihren Höhepunkt erreicht, dann liegt dieser Wert den Berechnungen zufolge noch 1000 Jahre danach bei rund 500 ppm. Dadurch ergäbe sich eine langfristige Erderwärmung von rund drei Grad, die zwischenzeitlich sogar noch etwas höher ausfallen würde.

"Der Klimawandel ist langsam, aber unaufhaltbar", warnt Forscherin Solomon. Das sei ein Grund mehr, schnell zu handeln, damit sich die langfristige Situation nicht noch weiter verschlechtere.

Wissenschaftler, die nicht an der Studie beteiligt waren, sind ähnlicher Ansicht. "Es ist nicht wie bei der Luftverschmutzung, wo die Luft sauber ist, wenn ein Schornstein aufhört zu rauchen", erklärt Alan Robock von der Rutgers University. Jonathan Overpeck von der University of Arizona bezeichnet die Studie als "sehr wichtig für die aktuelle Debatte über die Klimapolitik".

chs/AP/AFP

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