Klimawandel Die Wiege des Ackerbaus ist in Gefahr

Hier hat die Menschheit Ackerbau und Viehzucht gelernt: Der "Fruchtbare Halbmond" spannt sich sichelförmig vom ägyptischen Niltal bis in Iran durch den Nahen Osten. Doch nun droht der Klimawandel die legendäre Kornkammer auszutrocknen.

Von Volker Mrasek


Eingebettet in Wüste und karges Gebirge, erstreckt er sich im großen Bogen vom Niltal in Ägypten über die Ostküste des Mittelmeers bis zum Persischen Golf. Quer durch Israel, den Libanon und Westsyrien verläuft er, schrammt Südanatolien, dann Iran und senkt sich schließlich in das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, den heutigen Irak. "Fruchtbarer Halbmond" hat man den Niederschlagsgürtel genannt, der die arabische Halbinsel im Norden als sichelförmiger Saum auf einer Strecke von gut 3000 Kilometern abschließt.

Es ist ein Landstrich von wahrhaft epochaler Bedeutung. Er ist die Wiege von Ackerbau und Viehzucht, von dort nahm vor über 10.000 Jahren die neolithische Revolution ihren Anfang, der Wandel vom Steinzeit-Nomaden zum sesshaften Menschen nebst Aufstieg der ersten Städte und Hochkulturen. Die Sumerer ritzten Keile in Tontafeln und schufen die erste Schrift auf dem Globus.

Doch nun droht dem einzigartigen Weltkulturerbe Gefahr. Noch in diesem Jahrhundert könnte die legendäre Kornkammer Vorderasiens so weit austrocknen, dass sie nicht mehr zum traditionellen Regenfeldbau taugt und damit als Agrarlandschaft aufhört zu existieren – eine Folge der Erderwärmung, die auch den Nahen Osten nicht verschont.

Fruchtbares Gebiet: "Durch den vom Menschen verursachten Klimawandel wird es damit vielleicht bald vorbei sein"
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Fruchtbares Gebiet: "Durch den vom Menschen verursachten Klimawandel wird es damit vielleicht bald vorbei sein"

Die Landwirtschaft im "Fruchtbaren Halbmond" sei seit frühester Zeit "ein Segen für die Zivilisation" gewesen, sagt Pinhas Alpert, Professor für Atmosphärenwissenschaft an der Tel-Aviv-Universität. "Doch durch den vom Menschen verursachten Klimawandel wird es damit vielleicht bald vorbei sein."

Gemeinsam mit Kollegen aus Japan hat der israelische Physiker simuliert, wie sich die Niederschlagsverhältnisse und die Abflussmengen wichtiger Flüsse der Region gegen Ende des 21. Jahrhunderts verändern werden. Dazu benutzten sie ein vom Meteorologischen Forschungsinstitut in Tsukuba entwickeltes Klimamodell, mit einer für globale Simulationen bisher unerreichten räumlichen Auflösung von 20 Kilometern. Das Programm rechnete zwei verschiedene mögliche Zukunftsszenarien: ein moderates, bei dem sich die mittlere Lufttemperatur vor Ort bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 2,6 Grad Celsius erhöht und ein extremes, bei dem es plus 4,8 Grad werden – jeweils verglichen mit vorindustrieller Zeit.

Die Ergebnisse der Modelläufe hat Alpert in dieser Woche auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien vorgestellt. Schon bei der moderaten Erwärmung gehen die Jahres-Niederschlagsmengen an der Mittelmeerküste, in Syrien, Israel und im Libanon um 50 bis 200 Millimeter zurück. Der Euphrat führt 30 Prozent weniger Wasser als heute; im Fluss Ceyhan in der Südtürkei schrumpft die Abflussmenge um 40, im Jordan sogar um 80 Prozent.

Folgt man dem extremen Klimaszenario, werden die Wasserressourcen noch knapper. Dann gehen auch dem Zweistromland zwei Drittel der heutigen Regenmenge verloren. Das Abflussvolumen von Euphrat und Ceyhan ist um über 70 beziehungsweise 80 Prozent gesunken. Der Jordan trocknet praktisch aus, er führt nur noch kümmerliche zwei Prozent der ursprünglichen Wassermenge.

Der "Fruchtbare Halbmond" und der dort vorherrschende Getreideanbau brauchen viel Niederschlag im Winter. Denn nur so werden ausreichende Fluss-Pegelstände während der Trockenzeit vom Frühling bis in den Herbst gesichert. "Mehr als 90 Prozent des Regens in der Region fällt zwischen Oktober und März", sagte Pinhas Alpert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Feuchte Atlantikluft strömt dann via Mittelmeer von Westen ein. Über den Gebirgszügen des Taurus (Türkei) und Zagros (Iran) mit Gipfelhöhen bis weit über 4000 Metern kommt es zu ergiebigen Schneefällen, ebenso auf den Golan-Höhen (Israel) im Westen. Im Frühjahr schmilzt der Schnee und lässt die Pegel der Flüsse ansteigen. Sie sind die Lebensadern des "Fruchtbaren Halbmondes", ihr Wasser wird auf die Felder geleitet.

Doch durch den Klimawandel dörrt die Wiege des Ackerbaus aus. Selbst bei einer moderaten Erwärmung wird der "Halbmond" zusammenschrumpfen und die kultivierbare Ackerfläche im Nahen Osten zurückgehen, so Alpert: "Die Folgen sind sehr ernst in einer Region, von der jeder weiß, wie instabil die politische und wirtschaftliche Lage dort ist." Reiche Länder wie Kanada und Russland profitierten vom Klimawandel, weil neues Ackerland im hohen Norden zugänglich werde. In ärmeren Ländern der Subtropen, wo es noch trockener werde, gehe dagegen Anbaufläche verloren – so wie vermutlich schon bald in Vorderasien.



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