Klimawandel Wo sich Deutschland am stärksten erwärmt

Die Erderwärmung trifft Deutschland: Überall steigt die Temperatur. Wir zeigen Ihnen, welche Regionen den kräftigsten Anstieg verzeichnen.


In ganz Europa sind die Temperaturen über die vergangenen Jahrzehnte angestiegen. Das zeigen Daten des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW), die das European Data Journalism Network (EDJNet), dem auch der SPIEGEL angehört, exklusiv auswerten konnte. Deutsche Orte sind von dieser Entwicklung natürlich nicht ausgenommen.

Einen besonders starken Anstieg zeigen die Daten entlang der Ostseeküste: In den untersuchten Gebieten rund um Stralsund, Rostock und Greifswald legte die Durchschnittstemperatur im bisherigen 21. Jahrhundert gegenüber dem 20. Jahrhundert demnach um rund 1,3 Grad zu. Rund um Schwerin, Flensburg, Kiel und Neumünster lag der Anstieg bei rund 1,2 Grad.

Die Werte sind mit Vorsicht zu interpretieren: Sie gelten nicht etwa für das jeweilige Stadtzentrum, sondern für größere Gebiete, innerhalb derer die Städte liegen (mehr zur Methode lesen Sie unter "Woher kommen die Daten"). Entlang der Ostseeküste ragen die untersuchten Gebiete teilweise ins Meer hinein, was die berechnete Temperaturveränderung verstärkt: Schon länger beobachten Klimaforscher, dass sich die Ostsee überdurchschnittlich stark erwärmt. Enthält ein untersuchtes Gebiet viel Meeresfläche, fällt der berechnete Temperaturanstieg daher besonders stark aus.

Woher kommen die Daten?

Für die Analyse wurden Daten des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) genutzt. Zum einen handelt es sich um den Datensatz ERA-20C für den Zeitraum von 1900 bis 1979, zum anderen um den Datensatz ERA-interim für den Zeitraum von 1979 bis 2017. (Die Zusammenführung der beiden Datensätze ist hier dokumentiert.)

Wie sind sie zu interpretieren?

Bei beiden Datensätzen handelt es sich um sogenannte Reanalysen. Das heißt die EZMW-Wissenschaftler haben Beobachtungen aus verschiedenen Quellen genutzt (Satelliten, Wetterstationen, Bojen, Wetterballons), um Temperaturen für Quadrate von etwa 80 Kilometern Seitenbreite (125 km für ERA-20C) zu berechnen. Das bedeutet: Die dargestellten Wettertrends beziehen sich nicht konkret auf eine Stadt, sondern auf die Rasterzelle, in der eine Stadt liegt.

Die EZMW-Daten berücksichtigen daher keine Mikroklimata oder "Wärmeinsel"-Effekte, sodass die tatsächliche Temperatur im Zentrum eines Orts wahrscheinlich ein bis zwei Grad wärmer war als der vom EZMW berechnete Wert.

Während Wetterstationen eine viel bessere Aufzeichnung für tägliche Beobachtungen bieten, ist die Verwendung der Reanalyse-Daten aber sehr viel besser geeignet für die Untersuchung langfristiger Trends. Diese bleiben zwischen den Rasterzellen vergleichbar. Wetterstationen hingegen können umziehen oder eine Stadt kann sich ausdehnen - das schränkt die Vergleichbarkeit von Messdaten beim Erstellen von hundertjährigen Trends ein.

Verwendete Forschungsarbeiten

de'Donato, Francesca K., et al. "Changes in the effect of heat on mortality in the last 20 years in nine European cities. Results from the PHASE project." International journal of environmental research and public health 12.12 (2015): 15567-15583.

Dee, D. P., Uppala, S. M., Simmons, A. J., Berrisford, P., Poli, P., Kobayashi, S., Andrae, U., Balmaseda, M. A., Balsamo, G., Bauer, P., Bechtold, P., Beljaars, A. C. M., van de Berg, L., Bidlot, J., Bormann, N., Delsol, C., Dragani, R., Fuentes, M., Geer, A. J., Haimberger, L., Healy, S. B., Hersbach, H., Hólm, E. V., Isaksen, L., Kållberg, P., Köhler, M., Matricardi, M., McNally, A. P., Monge-Sanz, B. M., Morcrette, J.-J., Park, B.-K., Peubey, C., de Rosnay, P., Tavolato, C., Thépaut, J.-N. and Vitart, F. (2011), The ERA-Interim reanalysis: configuration and performance of the data assimilation system. Q.J.R. Meteorol. Soc., 137: 553-597. doi: 10.1002/qj.828

Graff Zivin, Joshua, Solomon M. Hsiang, and Matthew Neidell. "Temperature and Human Capital in the Short and Long Run." Journal of the Association of Environmental and Resource Economists 5.1 (2018): 77-105.

Gray, J. S., et al. "Effects of climate change on ticks and tick-borne diseases in Europe." Interdisciplinary perspectives on infectious diseases (2009).

Laloyaux, P., Balmaseda, M., Dee, D., Mogensen, K. and Janssen, P. (2016), A coupled data assimilation system for climate reanalysis. Q.J.R. Meteorol. Soc., 142: 65-78. doi:10.1002/qj.2629

Larsen, Janet. "Plan B Updates", Earth Policy Institute, 28 July 2006.

Michailidou, Alexandra V., Christos Vlachokostas, and icolas Moussiopoulos. "Interactions between climate change and the tourism sector: Multiple-criteria decision analysis to assess mitigation and adaptation options in tourism areas." Tourism Management 55 (2016): 1-12.

Scott, D., and Chr Lemieux. "Weather and climate information for tourism." Procedia Environmental Sciences 1 (2010): 146-183.

Zeller, H., et al. "Mosquitoborne disease surveillance by the European Centre for Disease Prevention and Control." Clinical microbiology and infection 19.8 (2013): 693-698.

Wer ist EDJNet?

Im European Data Journalism Network (EDJNet) arbeiten Datenjournalisten aus verschiedenen europäischen Ländern zusammen. Die Recherche "Europa: ein Grad wärmer" lief unter der Federführung von J++ (Schweden) und OBC Transeuropa (Italien). Weitere beteiligte EDJNet-Partner waren Pod Crto (Slowenien), Mobile Reporter (Belgien), Rue89 (Frankreich), Alternatives Economiques (Frankreich), El Confidencial (Spanien) und SPIEGEL ONLINE (Deutschland).

In 38 der 61 untersuchten Gegenden in Deutschland lag der so berechnete Anstieg bei mindestens einem Grad. Nirgends im Land ließ sich eine auch nur annähernd gleichbleibende Temperatur feststellen.

Höhere Temperaturen, mehr heiße Tage

Und so zeigt auch der bundesweite Trend deutlich nach oben: Nach Berechnung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) stieg die Jahresmitteltemperatur seit Beginn der Wetteraufzeichnung 1881 um 1,4 Grad an.

Ungeachtet der genannten erhöhten Einzelwerte entlang der Ostseeküste liegt der Temperaturanstieg in Norddeutschland, betrachtet man die Landfläche als ganzes, unter dem Bundesschnitt. Einen stärkeren Temperaturanstieg zeigen die Daten des DWD für Bayern, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

Temperaturanstieg seit 1881

Bundesland Temperaturanstieg
Bayern 1,6 Grad
Rheinland-Pfalz und Saarland 1,6 Grad
Niedersachsen, Hamburg und Bremen 1,5 Grad
Nordrhein-Westfalen 1,5 Grad
Thüringen 1,5 Grad
Hessen 1,4 Grad
Sachsen-Anhalt 1,4 Grad
Sachsen 1,4 Grad
Schleswig-Holstein 1,3 Grad
Baden-Württemberg 1,3 Grad
Mecklenburg-Vorpommern 1,3 Grad
Brandenburg und Berlin 1,2 Grad

Quelle: DWD (lineare Regression der Gebietsmittel)

Ein Temperaturanstieg um die 1,4 Grad mag bei einer eher gemäßigten Jahresmitteltemperatur um die neun Grad, wie sie in Deutschland vorherrscht, nicht sehr spektakulär wirken. Er bedeutet aber etwa auch, dass die Zahl heißer Tage im Sommer zunimmt: Immer häufiger liegt die Tageshöchsttemperatur bei 30 Grad oder mehr.

So gab es beispielsweise während der Hitzewelle 2003 im bundesweiten Mittel 19 solcher heißen Tage. Nach dem warmen und trockenen Sommer in diesem Jahr spricht vieles dafür, dass dieser Wert 2018 noch einmal übertroffen wird.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels war von Temperaturzunahmen "in" bestimmten Städten die Rede. Tatsächlich beziehen sich alle Werte auf 80 mal 80 Kilometer große Gebiete, innerhalb derer die genannten Städte liegen. Die entsprechenden Passagen wurden entsprechend präzisiert und eingeordnet. Ferner werden für den regionalen Vergleich nun die Bundesländertrends des DWD herangezogen, statt die Einzelwerte der untersuchten Gebiete.

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