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Klimawandel-Essay: Am Ende des Alarmismus

Von Hans von Storch

Steigende Temperaturen, steigende Meeresspiegel, steigende Not - das Erdklima wird sich dramatisch ändern. Aber auch die Wahrnehmung der Menschen: Vom Alarmismus müde, werden sie wieder vernünftig und pragmatisch mit dem Thema umgehen.

Wenn wir über die Zukunft der Klimaforschung sprechen wollen, dann müssen wir von ihrem Ist-Zustand ausgehen. Gegenwärtige Klimaforschung wird von Naturwissenschaftlern und der Vorstellung von Politikberatung durch Klimaforscher dominiert. Thematisch ist das Forschungsgebiet fast vollständig fixiert auf den menschengemachten Klimawandel und die sich daraus ergebenden Hauptanwendungen, insbesondere die Beschreibung möglicher plausibler regionaler Veränderungen und die Ausdeutung globaler "Überraschungen".

Zur Person
Aussenhofer
Hans von Storch ist Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg und Leiter des Instituts für Küstenforschung der GKSS in Geesthacht. Er beschäftigt sich mit den gegenwärtigen und zukünftigen Auswirkungen des Klimas in Küstenregionen.
Welche Themen in der Zukunft im Fokus der Klimaforschung stehen werden, hängt also zunächst von der Konkretisierung des Klimawandels und dessen Hauptursachen ab. Also von dem, was das Klima und der Mensch tatsächlich machen werden.

Auf der gesellschaftlichen Seite wird ein deutliches Abbremsen der Emissionen von Treibhausgasen in den kommenden 30 bis 50 Jahren gelingen - aber kaum eine Stabilisierung. So erwarte ich es zumindest. Es wird klar werden, dass sich der Klimawandel gegenüber den pessimistischsten Perspektiven zwar etwas verlangsamt, sich dabei aber dennoch auf absehbare Zeit ziemlich stetig weiter entfalten wird.

In der Zwischenzeit wird sich der menschengemachte Klimawandel deutlich herausgeschält haben, mit den Attributen einer generellen Erwärmung, einer polwärtigen Verschiebung der Klimazonen und einem verstärkten hydrologischen Zyklus. Ich erwarte keine dramatischen Überraschungen - abgesehen von Phasen, in denen die Erwärmung mal schneller, mal langsamer vonstatten geht. Aber Erwartungen können falsch sein.

Klima wird ein Thema unter vielen sein

Gleichzeitig wird deutlich werden, dass es neben der Klimaproblematik weitere schwierige Entwicklungen geben wird, mit weitreichendem Einfluss auf das individuelle sowie das globale Wohlergehen des Lebens auf der Erde: Nachwirkungen der Wirtschaftskrise, Gesundheitsgefahren, Bevölkerungszuwachs, soziale Ungleichheit, Armut, Hunger, Ressourcenübernutzung, radikal verschiedene Weltsichten.

Ich erwarte, dass Klima weiter als ein gewichtiges, handlungsnotwendiges Thema verstanden wird, aber eben nur als eines unter mehreren. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Erde und ihren Menschen und Ökosystemen muss als viel mehr als nur als Klimamanagement verstanden werden. Auch wird sich die Einsicht durchsetzen, dass Erdmanagement zwar naturwissenschaftliches Wissen zur Entscheidungsfindung nötig hat. In einer multikulturellen Welt aber ist kultur- und sozialwissenschaftliches Wissen genauso vonnöten - vielleicht sogar letztlich entscheidend, um eine nachhaltige und friedliche gesellschaftliche Entwicklungen zu ermöglichen.

Auf der Wissensbedarfsseite wird das Interesse an Szenarien für zukünftige Entwicklungen weiter zunehmen. Die Aufgabe der Szenarienerstellung wird von einer wissenschaftlichen Herausforderung zur rein technischen Aufgabe degenerieren. Der gegenwärtige Hype um katastrophale Entwicklungen wird sich legen, allein schon wegen einer Ermüdung des Publikums und des Generationswechsels in der Wissenschaft.

Insofern wird sich die natur- und ingenieurwissenschaftliche Klimaforschung einerseits auf legitime neugiergetriebene Fragen, etwa im Hinblick auf die Erdgeschichte, beschränken. Auf der anderen Seite wird sie sich auf klimatechnische Fragen kaprizieren: Ableitung von Szenarien, Klima-Monitoring, lokale und regionale Anpassung und Klimasteuerung. Dazu wird sich eine aktive, anwendungsorientierte sozial- und kulturwissenschaftliche Klimaforschung zur Ausarbeitung von ermöglichendem Wissen in den kommenden 30 bis 50 Jahren entwickeln.

Klima-Angst wird durch eine andere Angst ersetzt werden

Ich erwarte außerdem, dass die Gesellschaften dieser Welt zu einem vernünftigeren, insbesondere auch praktisch realisierbaren Umgang mit dem Klimaproblem übergehen. Dass sie sich erreichbare Ziele stecken und die Frage der zukünftigen Entwicklung weniger ad hoc, sondern ganzheitlicher stellen werden. Ich bin offenbar ein Optimist in Bezug auf den Einsatz der Vernunft.

Und das, obwohl ein konsequentes, vernünftiges Umsetzen der Erfahrungen aus der Vergangenheit auf eine plausible Zukunft verweist, die ebenso wenig vernünftig wie die Gegenwart und Vergangenheiten sein wird. Der bisherige Hype der Klima-Angst wird durch eine andere Angst ersetzt werden. Das Klimathema wird nicht mehr wirklich ernstgenommen werden, sondern vor allem zur Motivation für eine allgegenwärtige Regulierung fast aller Lebensbereiche instrumentalisiert werden.

In diesem pessimistischen, aber vielleicht nicht unrealistischen Szenario, würde die Klimaforschung die gegenwärtige Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit verlieren - trotz eines langen Feuerwerks immer wieder neu entdeckter Gefahren und in Aussicht gestellter Weltuntergänge. Am Ende stünde ein Rückzug auf die von den Wetterdiensten betriebenen Überwachungsaufgaben, spannende Nischenforschung im Elfenbeinturm und versprengte übriggebliebene Alarmisten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 169 Beiträge
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1. Erwartungen können falsch sein
Fritz Katzfuß 22.03.2009
Hans von Storch erwartet eine Art gezähmten Klimwandel, der ein Problem unter andern sein wird, ich erwarte, Überschwemmungen und Dürekatastrophen mit mehreren hundert Millionen menschlichen Opfern und einen Zusammenbruch der gesamten Zivilisation.
2. !
Pelayo, 22.03.2009
Ich denke, der Herr Professor irrt. Dass der Klimawandel nur eines unter mehreren Themen ist, die die Menschen beschäftigen, ist klar; allerdings wird es in dem Ausmaße, wie die Klimaveränderungen im Alltagsleben wahrnehmbar werden (sie tun es schon jetzt), immer mehr in den Mittelpunkt rücken. Daran wird auch der Alarmismus der Neoliberalen, die hinter allen Maßnahmen im Interesse des Gemeinwohls einen Versuch wittern, die absolute Kontrolle durch den Staat auszubauen, nichts ändern.
3. Endlich
fritzbiker, 22.03.2009
Endlich mal eine nüchterne, unaufgeregte Stimme in der permanenten und echt nervenden Katastrophen-Kakophonie. Hoffentlich ist dieses ein Kristallisationskeim und die Medien-Berichterstattung erlebt den Beginn einer Koordinatenverschiebung weg vom Weltuntergangsscenario.
4. Ist das der Anfang..
Ben Major 22.03.2009
Zitat von sysopSteigende Temperaturen, steigende Meeresspiegel, steigende Not - das Erdklima wird sich dramatisch ändern. Aber auch die Wahrnehmung der Menschen: Vom Alarmismus müde, werden sie wieder vernünftig und pragmatisch mit dem Thema umgehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,614317,00.html
Ist das der Anfang eines gewissen Zurückruderns der Klimapropheten? Hat die Abkühlung der letzten Jahre endlich Auswirkungen auf die hysterischen Weltuntergangs- Prognosen? Wollen wir es hoffen.
5. Vernünftg - pragmatisch = Phlegmatisch?!
Schwede2 22.03.2009
Zitat von sysopSteigende Temperaturen, steigende Meeresspiegel, steigende Not - das Erdklima wird sich dramatisch ändern. Aber auch die Wahrnehmung der Menschen: Vom Alarmismus müde, werden sie wieder vernünftig und pragmatisch mit dem Thema umgehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,614317,00.html
Da bin ich schon total hin und hergerissen. Die Menschheit braucht den Alarmismus, sonst wird sie sich nicht, oder viel zu langsam bewegen. Trotzdem ist Vernunft ein guter Ratgeber; leider wird sie aber meist zum Hinauszögern missbraucht. Hoffentlich lassen wir uns nicht phlegmatisieren!
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