Finaler Bericht des IPCC Beim Weltklimarat geht Alarm vor Genauigkeit

Der Ausstoß von Treibhausgasen muss bis 2050 um die Hälfte gemindert werden, warnt die Uno in ihrem finalen Klimareport. Das Dokument soll nüchtern über Forschung informieren - aber es unterschlägt zentrale Widersprüche.

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REUTERS

Hamburg - Unter weltweitem Mediengetöse hat der Klimarat IPCC in den letzten 13 Monaten drei umfassende Berichte herausgebracht, die den Stand des Wissens darlegen. Jetzt das Finale.

In Kopenhagen hat die Uno den IPCC-Synthesereport veröffentlicht, er soll das Wichtigste aus den drei Klimaberichten sammeln, neue Kenntnisse enthält er keine. Mit knapp 120 Seiten ist er etwa so lang wie die Zusammenfassungen der drei bereits publizierten Klimaberichte zusammen, allesamt als "Zusammenfassungen für Entscheidungsträger" betitelt.

Warum müssen die drei bereits zugespitzten Zusammenfassungen nun nochmals umgeschrieben und zusammengestellt werden?

Der Synthesereport solle ein "Fahrplan" für Politiker sein, sagte der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri zu Beginn der Beratungen am Montag in Kopenhagen. Das Dokument solle Delegierten helfen, bei den Uno-Klimaverhandlungen zu einer Einigung über einen Welt-Klimavertrag zu kommen. "Wir haben immer noch Zeit, eine bessere, nachhaltigere Welt zu schaffen", sagte Pachauri.

Kenntnisse unterschlagen

Es bleibe nur noch wenig Zeit, um eine Erwärmung über zwei Grad Celsius zu verhindern, verkündete er nun bei der Veröffentlichung des Reports. Notwendig sei die Reduzierung der CO2-Emissionen um 40 bis 70 Prozent bis 2050. Während der nächsten drei Jahrzehnte könne der Klimawandel "zu akzeptablen Kosten" gebremst werden, teilt der IPCC mit.

Nach den Berechnungen des IPCC würde das globale Wachstum von den Kosten zur Reduzierung der CO2-Emissionen nicht "stark betroffen". Selbst "ehrgeizige" Maßnahmen würden demnach nur jährlich 0,06 Prozentpunkte des weltweiten Konsums im 21. Jahrhundert kosten, wobei mit einem jährlichen Wachstum zwischen 1,6 und drei Prozent gerechnet wird. Sollte dagegen nicht rasch etwas unternommen werden, würden die Kosten stark ansteigen, warnte der Weltklimarat.

"Die Staatengemeinschaft muss jetzt alles daran setzen, ein ambitioniertes Klimaschutzabkommen zu verabschieden; eine weitere Verzögerung wäre unverantwortlich", kommentiert Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) den neuen Report.

Doch während die vorigen Klimaberichte über weite Strecken streng den Sachstand mit all seinen Widersprüchen darstellen, unterschlägt der neue Synthesereport wesentliche wissenschaftliche Erkenntnisse. Das Vorgehen fällt besonders auf bei Prognosen zu den komplexesten Umweltbereichen, etwa zum Getreidewachstum, der Energieversorgung oder zu Konflikten.

Besonders deutlich wird die Verzerrung bei den Aussagen zum vorhergesagten Artensterben:

Krass zeigt sie sich in der 40-seitigen Zusammenfassung des Reports für Entscheidungsträger. An zwei Stellen wird das Artensterben darin besprochen (Seite 10 und 13). Die Rede ist dort ausschließlich von hohen Risiken; die erheblichen Unsicherheiten der Prognosen und gravierenden Wissenslücken zum Thema werden nicht erwähnt - sind sie nicht relevant für Entscheidungsträger?

Im Synthesereport selbst steht dann zur Prognose:

Eine globale Erwärmung von vier Grad oder mehr seit Beginn der Industrialisierung (ein Grad ist bereits erreicht) bedeute ein hohes bis sehr hohes Risiko eines beträchtlichen Artensterbens, sie würde die Rate des Artensterbens erhöhen. In die Prognose der Modellierungen bestehe "hohes Vertrauen" (Seite 25, 34).

Das hingegen schreiben die Experten im jeweiligen Fachkapitel des Uno-Klimareports dazu:

Klimamodelle können diverse Schlüsselprozesse hinsichtlich der Artenentwicklung nicht darstellen, die Anfälligkeiten von Arten gegenüber dem Klimawandel wesentlich beeinflussen - beispielsweise: Die Fähigkeit der Anpassung von Erbgut und äußeren Merkmalen an neue Umweltbedingungen, die Fähigkeit zur Ausbreitung, die Dynamik von Populationen, die Effekte der Fragmentierung von Lebensräumen, die Wechselwirkung von Lebensgemeinschaften, Mikro-Rückzugsgebiete, den Effekt steigender CO2-Konzentrationen auf Vegetation (Seite 299/300).

Im Synthesereport steht zu Beweisen aus der Vergangenheit:

Die derzeitige und vorhergesagte Geschwindigkeit des Klimawandels verläuft viel schneller als natürliche Klimawandel-Ereignisse während der vergangenen Millionen Jahre, die bereits deutliche Artensterben ausgelöst haben. Deshalb gibt es eine starke Basis für die Annahme, dass der Klimawandel ein Risiko für Lebewesen darstellt (Seite 14, 25).

In den Fachkapiteln des Klimareports aber steht dazu:

Paläontologische Daten der vergangenen Jahrhunderttausende zeigen sehr geringe Aussterberaten während größerer Klimaschwankungen. Diese Belege könnten darauf hindeuten, dass die Vorhersagen sehr hoher Aussterberaten übertrieben sein könnten (Seite 301). Während der Eiszeit gab es, wie auch der erste Teil des Uno-Klimareports darlegt, in größeren Teilen der Welt Klimaschwankungen von zehn Grad in 50 Jahren, also 20-mal schneller als im 20. Jahrhundert - größere klimabedingte Artensterben sind nicht dokumentiert. Womöglich weil die Klimaschwankungen vor allem höhere Breiten betrafen (Seite 432ff im 1. Teil und S.280).

Im Synthesereport steht zu konkreten Szenarien:

Das erwartete Aussterben wird ausgelöst von diversen Klimaphänomenen wie Erwärmung, schrumpfenden Flüssen, Ozeanversauerung und Sauerstoffverknappung in Gewässern. Ursache des Aussterbens ist sowohl die Schnelligkeit als auch die Stärke der Erwärmung (Seite 26).

Manche Arten mit begrenzten Anpassungsfähigkeiten, besonders in der Arktis und in Korallenriffen, sind bereits bei einer Erwärmung von zwei Grad im Vergleich zum derzeitigen Klima gefährdet (Seite 29).

Im Fachkapitel des Klimareports aber steht dazu:

Arbeiten seit dem letzten Klimareport 2007 haben die Fähigkeit der Klimamodelle infrage gestellt, das künftige Risiko von Artensterben vorherzusagen; die Unsicherheiten sind deutlicher geworden. Die Ergebnisse der Modelle gehen weit auseinander, und sie sind schwer zu prüfen. Die Unsicherheiten könnten größer sein als in Modellen dargestellt, weil wesentliche Faktoren nicht berücksichtigt werden (Seite 295, 299, 300).

Während der letzte Klimareport von 2007 noch vorhersagte, dass bei einer globalen Erwärmung von zwei bis drei Grad seit Beginn der Industrialisierung 20 bis 30 Prozent der Tier- und Pflanzen auszusterben drohten, macht der neue Klimareport keine konkreten Prognosen mehr - die Unsicherheiten sind zu groß (Seite 299/300). Das bedeutet freilich keine Entwarnung, es weist schlicht auf einen erheblichen Kenntnismangel hin.

Im Synthesereport steht zu bereits ausgestorbenen Arten:

Zahlreiche Arten haben ihre Verbreitungsgebiete und saisonale Aktivitäten bereits aufgrund des Klimawandels verlagert. Gleichwohl: Nur beim Aussterben weniger Arten könnte der Klimawandel bislang eine Rolle gespielt haben (Seite 14).

Im Fachkapitel des Klimareports aber steht dazu:

Es besteht geringes Vertrauen in die Schlussfolgerungen, dass bereits einige Arten durch den Klimawandel ausgestorben sein könnten, so eventuell beim Verschwinden zentralamerikanischer Amphibien (Seite 300). Soeben wurde allerdings bekannt: Eine angeblich vom Klimawandel ausgerottete Schnecke ist wieder aufgetaucht. Die allgemein höhere Aussterbegeschwindigkeit von Arten der letzten Jahrzehnte hat andere Gründe als den Klimawandel: etwa Landwirtschaft, Waldrodung, Jagd und Fischerei (Seite 295/300).

Nachtrag: Ergänzende Quellenangaben, Originalzitate und Hintergründe zum Thema "Artensterben und IPCC-Report" finden Sie hier.

Die wichtigsten Klimarisiken:


Der zugrunde liegende Sachstand des Klimawissens, der am Sonntag mit dem Synthesereport zusammengefasst wird, bleibt gleichwohl besorgniserregend. Die größten Klimarisiken sind dem IPCC zufolge:

  • Ein ungebremster Ausstoß von Treibhausgasen würde das Klima bis Ende des Jahrhunderts vermutlich um 0,3 bis 4,8 Grad erwärmen - je nachdem wie viel Treibhausgas noch in Luft gepustet wird und wie stark sich Wasserdampf, Wolken und andere Faktoren auswirken.
  • Es drohen mehr Hitzewellen. In Großstädten könnte Hitzestress vermehrt zum Problem werden.
  • Der Anstieg der Meere könnte Jahrhunderte weitergehen. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts drohe ein Anschwellen um 26 bis 82 Zentimeter, je nachdem wie viel Treibhausgas die Welt wärmt, warnt der IPCC.
  • Viele Gletscher, die als Trinkwasserressourcen dienen, könnten komplett verschwinden. Dem Meereis der Arktis drohen erhebliche Verluste.
  • Die Ozeane drohen saurer zu werden, Organismen würde es schwererfallen, ihre Schalen zu bilden.
  • Klimazonen könnten sich verschieben. In den Subtropen und angrenzenden Regionen wie am Mittelmeer dürfte es deshalb mancherorts häufiger Dürren geben.
  • In den Tropen und in mittleren Breiten wie Deutschland würde es mehr Starkregen geben - ein Problem vor allem für Großstädte mit mangelhafter Drainage und für Ortschaften an Flüssen.


Die IPCC-Szenarien zu folgenden Themen unterliegen extremen Unsicherheiten:

  • Kriegen und Flüchtlingen
  • Ernährung und Ernte.
  • Gesundheit
  • Wirtschaftliche Entwicklung

Anmerkung des Autors: Die Angaben zu der Seitenzahlen aus dem Klimareport wurden nachträglich ergänzt, um die Zitate besser nachvollziehbar zu machen. Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf dem Blog des Autors: http://axelbojanowski.de/


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 331 Beiträge
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Seite 1
pansatyr 02.11.2014
1. anstatt Milliarden
zur minimalen Verzögerung des unweigerlich doch eintretenden Klimawandels zu verpulvern, sollte man diese Milliarden besser investieren in effektive Maßnahmen, wie man mit dem Klimawandel dann umgeht und sich darauf einstellt.
hahtse 02.11.2014
2. Report für Politiker
Das Problem im Widerstreit zwischen Politik und Wissenschaft ist einfach, dass sich die Politiker auf (wissenschaftlich richtigen) Konjunktiven und alternativen Möglichkeiten ausruhen - nach dem Motto "so schlimm wird's schon nicht". Vom Futter für die Leugner des Klimawandels mal ganz abgesehen.
joG 02.11.2014
3. Das ist eine der ganz großen Probleme der Grünen....
...Warner. Sie haben viel zu sehr die Richtigkeit bestenfalls möglicher Entwicklungen bestanden und ihre Glaubwürdigkeit damit verknüpft. Dabei zeigte sich ein paar Mal, dass die Wissenschaft schlampig gearbeitet hatte und die Politiker das gewusst hatten. Als Beispiel unglaubwürdiger Politik kann auch der Atoausstieg dienen. Ob man nun dafür oder dagegen ist, Eines ist jedem klar. Es veränderte die Wahrscheinlichkeit eines GAUs in Deutschland nicht einmal marginal, dass in Japan ein Tsunami ein Kraftwerk zerstörte. Die Wahrscheinlichkeiten waren vor und nach dem GAU identisch und sie waren vorher genau so bekannt wie nachher. Man handelte vorauseilend der irrationalen Hysterie zu begegnen. Solche Dinge stützen die Glaubwürdigkeit kaum und da die verlangten Umstellungen unerhörte Veränderungen der Gewohnheiten der Menschen erfordern und erhebliche Einschnitte in der Lebensweise erzwingen müssen, ist es nun sehr viel schwieriger diese einzufordern. Warum sollte man nicht mehr nach Mallorca fliegen, wenn die Beweise der Politiker es wäre nötig gelogen waren?
brummkreissel 02.11.2014
4. 10 Grad in 50 Jahren
Die gab es regional, aber niemals global. Das sollte man schon wissen, wenn man fast ausschließlich zu diesem Thema schreibt. Die Wärmekapazität der Weltmeere würde so eine rasche Erwärmung nie ermöglichen. Das sind physikalische Grundlagen!
kumi-ori 02.11.2014
5. Die Erde wird auch einen Klimawandel überstehen.
Manche Arten werden aussterben, andere nicht. Manche werden neu entstehen. Es wird sich ein neues Gleichgewicht einrichten. Die Menschen werden sich wahrscheinlich gegen die Folgen der Klimaveränderungen mit technischen Mitteln schützen können. Zumindest in den gemäßigten Breiten. Zu Problemen könnte es wenn, dann eher in Afrika oder im Nahen Osten kommen oder in den Inselregionen im Pazifik. Man muss eben vor allem richtig planen, und die zu erwartenden Veränderungen miteinbeziehen. Eine Investition in den Niederlanden oder an der Ostseeküste könnte Verluste nach sich ziehen, wenn der Meeresspiegel um 2 Meter steigt. Im Voralpenraum hingegen würde sich auf Grund der steigenden Nachfrage der Grundstückspreis eher noch erhöhen.
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