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Klimawandel: Forscher warnen vor beispiellosen Flüchtlingswellen

Flüchtlingsströme durch den Klimawandel bedrohen laut einem neuen Gutachten die weltweite Sicherheit in einem noch nicht abschätzbaren Ausmaß. Die Wanderungsbewegungen könnten alle bisher bekannten Dimensionen sprengen, warnt ein internationales Forscherteam.

Bonn - Es ist ein eindringlicher Appell, den Wissenschaftler der United Nations University (UNU-EHS), der Columbia University und der Hilfsorganisation Care International am Mittwoch veröffentlicht haben. Sie warnen in einem neuen Bericht davor, dass bis Mitte des Jahrhunderts Hunderte Millionen Menschen durch Dürren, Überflutungen, Unwetterkatastrophen und den steigenden Meeresspiegel ihre Lebensgrundlage verlieren werden. Schuld daran wird demnach der Zusammenbruch verschiedener Ökosysteme durch den weltweiten Klimawandel sein.

Überschwemmungen in Brasilien (im Mai 2009): "Das Klima ist die Hülle, in der wir alle unser tägliches Leben führen"
AP

Überschwemmungen in Brasilien (im Mai 2009): "Das Klima ist die Hülle, in der wir alle unser tägliches Leben führen"

Die dadurch ausgelösten Wanderungsbewegungen könnten alle bisher bekannten Dimensionen weit übersteigen. Zwar lasse sich der Klimawandel nur schwer von anderen Problemen wie politischen Wirren, Wirtschaftskrisen, Umweltzerstörung und Bevölkerungswachstum trennen, schreiben die Forscher, aber bei der Ausprägung all dieser Probleme spiele die Erderwärmung eine entscheidende Rolle.

"Das Klima ist die Hülle, in der wir alle unser tägliches Leben führen", sagt Alexander de Sherbinin von der Columbia University. "Normalerweise stufen wir die Armen als jene ein, die am meisten leiden werden, aber möglicherweise werden die reichen Gesellschaften ebenso verlieren. Dieser Bericht lässt Alarmglocken läuten."

Angesichts bislang weitgehend verfehlter Klimaziele müssten die Folgen des Klimawandels und ihre Eindämmung stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. Parallel müssten aber auch die Bemühungen zur Reduktion von Treibhausgasen weitergehen.

EU-Experten hatten kürzlich gewarnt, der jährliche Finanzbedarf für den Klimaschutz liege bei rund hundert Milliarden Euro allein in Entwicklungsländern. Hinzu kämen 23 bis 54 Milliarden für Anpassungsmaßnahmen wie etwa den Deichbau.

Wie viele Klimaflüchtlinge es Mitte des Jahrhunderts geben wird, das können auch die Ersteller des neuen Gutachtens nicht sagen. Allerdings warnen sie, dass "Umfang und Ausmaß bei weitem alles bisher Gekannte" übertreffen könnten. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass es bis zum Jahr 2050 etwa 200 Millionen Vertriebene aufgrund des Klimawandels geben wird. Und die Hilfsorganisation Oxfam hatte vor einigen Wochen erklärt, bis zum Jahr 2015 seien 375 Millionen Menschen jährlich von Trockenheit, Unwetter oder Überschwemmungen betroffen.

Wirbelstürme, Dürren, Gletscherschmelze

"Die Konsequenzen für fast alle Bereiche von Entwicklung und menschlicher Sicherheit könnten verheerend sein", heißt es in dem neuen Bericht, dessen Autoren auch "beträchtliche Folgen für die politische Stabilität" befürchten - und zu einem globalen Ansatz bei der Bekämpfung der Klimawandel-Folgen raten.

Die Studie nennt Wirbelstürme, Dürren, rasante Gletscherschmelze und steigende Meeresspiegel als einige der schwersten Auswirkungen für Mensch und Umwelt - und warnt auch vor weiteren negativen Effekten, wie der zunehmenden Versalzung von Böden.

"Die meisten Menschen werden innerhalb des eigenen Landes Obdach suchen, während ein Teil in andere Länder ziehen wird", erklärte Care-Deutschlandchef Wolfgang Jamann. "So manche Vertreibung aus der Heimat könnte durch Anpassungsmaßnahmen verhindert werden."

Konkret fordern die Autoren der Studie unter anderem, dass sich die Mechanismen der Geldbeschaffung und -verteilung für die Betroffenen ändern müssen. Dabei solle vor allem sichergestellt werden, dass das Geld auch bei den Opfern des Klimawandels ankomme.

Neue rechtliche Instrumente sollten einen besseren Schutz von Klima-Flüchtlingen gewährleisten, heißt es in der Studie. Nationale und internationale Organisationen zum Schutz von Klima-Flüchtlingen, die bislang "unterfinanziert und überlastet" seien, müssten gestärkt werden.

chs/AP/AFP

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