Klimawandel Forscher warnen vor massiven Hungersnöten

Der Klimawandel könnte in den kommenden Jahrzehnten die Lebensmittelversorgung weltweit massiv gefährden. Einer Studie zufolge wird gegen Ende des Jahrhunderts die Hälfte der Erdbevölkerung von Hungersnöten bedroht sein, sollte sich die Menschheit nicht schnell anpassen.


Warnungen vor drastischen Folgen des Klimawandels für die Ernährung der Menschheit sind keinesfalls neu, und ihre Folgen hängen zu großen Teilen vom Erfolg von Anpassungsmaßnahmen in den kommenden Jahrzehnten ab. Doch das Szenario, das der Klimaforscher David Battisti von der University of Washington in Seattle und die Umweltökonomin Rosamond Naylor von der University Stanford im Fachblatt "Science" (Bd. 323, S. 240) entwerfen, ist beängstigend.

Die Wissenschaftler haben die 23 Klimamodelle analysiert, auf denen die 2007 veröffentlichte Prognose des Uno-Klimarats IPCC zu den Sommertemperaturen von 2050 bis 2090 basiert, und sie auf die Landwirtschaft angewendet. Das Ergebnis: Allein die höheren Temperaturen in den Tropen und Subtropen werden die Ernteerträge von Grundnahrungsmitteln wie Mais oder Reis um bis zu 40 Prozent verringern - und das bei zugleich deutlich steigender Bevölkerungszahl. "Die Belastungen für die globale Nahrungsmittelproduktion werden allein durch die Temperaturen riesig sein", sagte Battisti. "Und dabei haben wir noch gar nicht berücksichtigt, dass auch die Wasservorräte durch die größere Wärme unter Druck geraten."

Betroffen seien vor allem die äquatornahen Regionen bis etwa zum 35 Grad nördlicher und südlicher Breite - also Amerika vom Süden der USA bis nach Nordargentinien, in Asien unter anderem Indien und der Süden Chinas sowie weite Teile Australiens und der gesamte afrikanische Kontinent. In diesen Gebieten liegen die ärmsten Länder der Welt, zusätzlich wächst dort die Bevölkerung besonders schnell. Die gegenwärtige Bewohnerzahl von über drei Milliarden Menschen wird sich bis zum Jahr 2100 voraussichtlich verdoppeln.

Vor den besonders dramatischen Folgen der Erderwärmung in den Tropen hatten erst kürzlich Biologen gewarnt. Steigende Temperaturen könnten wild lebende Arten stark dezimieren. Tiere und Pflanzen, die mit höheren Temperaturen nicht zurechtkommen, würden aussterben oder müssten in höher gelegene Gebiete ausweichen.

Auch gemäßigte Breiten nicht verschont

"Wenn die zunehmenden Temperaturen am Ende des 21. Jahrhunderts dauerhaft hoch bleiben und in weiten Teilen der Welt die bisher gemessenen heißesten Werte weit übersteigen, dann ist die globale Lebensmittelversorgung ernsthaft gefährdet", warnt Battisti.

Auch die gemäßigten Breiten bleiben nicht verschont: In Europa werden Extremphänomene wie der Jahrhundertsommer 2003 den Kalkulationen der Forscher zufolge in vielen Ländern die Regel sein und ebenfalls die Ernteerträge deutlich schmälern. In den Monaten Juni bis August 2003 lag die Durchschnittstemperatur in Frankreich um 3,6 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel. Die dortigen Landwirte ernteten im Vergleich zum Vorjahr 21 Prozent weniger Weizen, 25 Prozent weniger Obst und 30 Prozent weniger Mais. In Gesamteuropa starben unterschiedlichen Berechnungen zufolge bis zu 70.000 Menschen an den Folgen der extremen Hitze im August 2003.

Die aus der Erderwärmung resultierenden Hungersnöte werden der Studie zufolge gewaltige Völkerwanderungen auslösen. "Früher konnten sich die Menschen woanders hinwenden, um Nahrung zu bekommen", sagt Battisti. "Aber in der Zukunft wird es keinen anderen Ort mehr geben. Hunderte Millionen Menschen werden nach Lebensmitteln suchen." Im Jahr 2007 hatten Forscher bereits vor Völkerwanderungen gewarnt - ausgelöst von sich ausbreitenden Wüsten.

Die Umweltökonomin Naylor sagte, die Studienergebnisse seien ein "zwingender Grund", in Anpassungsmaßnahmen zu investieren. Es werde Jahrzehnte dauern, neue Saatgut-Sorten zu züchten, die dem heißeren Klima besser widerstehen können. "Wir nehmen das Schlimmste, was wir aus der Vergangenheit kennen, und sagen, dass es in der Zukunft wesentlich schlimmer werden wird, falls wir uns nicht irgendwie anpassen."

Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich seine Klimaprognose erfüllt, beziffert Battisti auf mehr als 90 Prozent. "Wenn alle Zeichen in die gleiche Richtung weisen - und in diesem Fall ist das eine sehr üble Richtung - dann weiß man ziemlich genau, was passieren wird", sagt der Atmosphärenforscher. "Man kann es entweder geschehen lassen und sich schmerzhaft daran anpassen, oder man kann dafür planen. Man könnte es auch abschwächen und von vornherein nicht geschehen lassen, aber in dieser Hinsicht leisten wir derzeit keine gute Arbeit."

mbe/AP



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