Klimawandel Forscher wetten 5000 Euro gegen pausierende Erderwärmung

Mit steigenden Temperaturen soll Schluss sein - zumindest in den kommenden zehn Jahren. Diese von Kieler und Hamburger Forschern aufgestellte Hypothese ziehen Wissenschaftler jetzt in Zweifel: Sie wetten 5000 Euro darauf, dass die Erderwärmung keine Pause macht.

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Man stellt eine Hypothese auf, überprüft sie und kann sie je nach Ergebnis beibehalten oder muss sie verwerfen. So funktioniert Wissenschaft. In der Klimaforschung ist das nicht anders, allerdings mischen sich hier mitunter auch Emotionen und voreilige Schlüsse in den Erkenntnisprozess.

So ist es kaum verwunderlich, dass die These von der vorübergehenden Pause der Erderwärmung, die erst vor einer Woche Forscher des Leibniz-Instituts in Kiel aufgestellt haben, für einige Aufregung sorgte. Zweifler am Klimawandel fühlten sich bestätigt, Zeitungen machten den pausierenden Klimawandel zur Titelgeschichte. Jetzt haben auch Forscherkollegen reagiert - mit einer Wette, dass die Prognose der Kieler Klimaexperten falsch ist. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und fünf weitere Wissenschaftler setzen 5000 Euro darauf, dass sich die Durchschnittstemperaturen auf der Erde in den nächsten zehn Jahren weiter erhöhen.

Das Kieler Team von Mojib Latif hatte im Fachblatt "Nature" (Bd. 453, Seite 84-88) berichtet, dass mit Temperaturrekorden vorerst Schluss sein könnte. Ursache seien natürliche Klimaschwankungen, die den langfristigen Erwärmungstrend im kommenden Jahrzehnt etwas abmildern würden. Ein neues Klimamodell, das auch Ozeanströmungen berücksichtigt, hatte einen um etwa 0,2 Grad geringeren Temperaturanstieg als bei früheren, gröberen Simulationen ergeben. Für Europa prognostizierten die Forscher sogar eine minimale Abkühlung, ohne freilich die Erderwärmung generell in Frage zu stellen.

Mit der unter Forschern eher unüblichen Wette will Rahmstorf nun seine Sicht der Dinge publik machen - und, wie er betont, die vieler Kollegen. "Die Medienberichte haben den Eindruck erweckt, diese Pause sei ein Fakt", sagte der Potsdamer Forscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Aber es handle sich um eine neue Hypothese, die mit einer neuen Methodik aufgestellt worden sei. "Wenn man das 'Nature'-Paper liest, dann merkt man, dass es sehr vorsichtig formuliert ist."

Rahmstorf begründet die Entscheidung für die medienwirksame Wette so: "Wenn sich die Prognose, dass der Klimawandel Pause macht, nicht erfüllt, dann kann das auf die gesamte Forschergemeinde zurückfallen, wenn das vorher wie eine allgemein akzeptierte Prognose aufgefasst wurde." Die Prognose einer langfristigen Erwärmung sei breiter Konsens unter Klimaforschern, die neue kurzfristige Prognose zum pausierenden Klimawandel hingegen nicht. "Wir halten die These für verfrüht", erklärte Rahmstorf, der seine Sicht der Dinge auch ausführlich in einem Blogeintrag darstellt. "Die neue Methode ist in Fachkreisen noch nicht durchdiskutiert."

"Mit der Wette ging es uns vor allem darum zu zeigen, dass es eben keinen Konsens darüber gibt und dass man recht vorsichtig sein muss mit solchen Prognosen", sagte Rahmstorf der Nachrichtenagentur AP. Die Wette lautet folgendermaßen: Sollte die Durchschnittstemperatur in den Jahren 2000 bis 2010 tatsächlich niedriger oder gleich der Durchschnittstemperatur in den Jahren von 1994 bis 2004 sein, wollen Rahmstorf und seine Kollegen 2500 Euro zahlen. Der gleiche Betrag wird auch auf den Zeitraum von 2005 bis 2015 gesetzt. Sollte die durchschnittliche Temperatur darüber liegen, würden die Kieler Kollegen zur Kasse gebeten.

Dass es dazu kommt, ist allerdings unwahrscheinlich. Nicht weil die Erderwärmung womöglich genauso eintritt, wie es Rahmstorf und seine Kollegen glauben, sondern weil zu einer Wette immer zwei gehören. Und die Kieler und Hamburger Kollegen haben die Wette bislang nicht angenommen. Warum eigentlich nicht? "Ich möchte das nicht kommentieren", sagte Mojib Latif auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.



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