Südpolarmeer Schwämme entpuppen sich als Klimawandel-Gewinner

10.000 Jahre und älter sollen Glasschwämme werden. Verändert sich das Klima, bekommen sie Probleme - dachte man. Doch in der Antarktis zeigt sich gerade das Gegenteil: Nach dem Schmelzen von Schelfeis vermehren sich die Exoten.

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Thomas Lundälv/ Alfred-Wegener-Institut

In den Tiefen der Schelf-Bereiche um den antarktischen Kontinent leben Meeresbewohner, denen das Schwinden des Eises offenbar gefällt: Seitdem im Wedellmeer ein Hunderte Meter dicker Eispanzer weggebrochen ist, vermehren sich die antarktischen Glasschwämme dort fast explosionsartig. Zwischen den Jahren 2007 und 2011 habe sich die Zahl der Tiere verdreifacht, berichten Biologen um Claudio Richter und Laura Fillinger vom Alfred-Wegener-Institut (Awi) in Bremerhaven jetzt im Fachblatt "Current Biology".

"Dass nach dem Wegbrechen des Larsen-Schelfeises im Jahr 1995 eine Veränderung der Lebewelt am Meeresboden einsetzen würde, war an und für sich nicht überraschend. Sehr wohl aber das Tempo der Veränderungen", schreibt Richter in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Dass die Glasschwämme so schnell auf die klimabedingten Veränderungen ihrer Umwelt reagiert haben, erstaunt die Experten.

Konkurrenten verdrängt

Denn bislang dachten Forscher, dass sich antarktische Gemeinschaften aufgrund des sporadischen Futterangebots und den kalten Wassertemperaturen von minus zwei Grad Celsius – das Salzwasser gefriert nicht bei null Grad – nur langsam verändern. Die mutmaßlich langlebigen antarktischen Glasschwämme (Hexactinellida) gelten sogar als besonders träge Urtiere des Südpolarmeeres. Sie gehören zu den ältesten mehrzelligen Lebewesen. Einige Biologen gehen davon aus, die Tiere würden so langsam wachsen, dass zwei Meter große Exemplare 10.000 Jahre und älter sein müssten. "Im Larsen-Gebiet fanden wir just das Gegenteil", sagt Richter. "Das zeigt, dass diese an extreme Kälte und Nahrungsarmut angepassten Tiere keineswegs auf der Stelle treten."

Den Wachstumsschub der Glasschwämme konnte das Team während einer Polarstern-Expedition im Jahr 2011 gemeinsam mit Wissenschaftlern von der Universität Göteborg und dem Forschungsinstitut Senckenberg beobachten. Mit einem ferngesteuerten Unterwasserroboter erkundeten sie den Meeresgrund in 140 Meter Tiefe und erlebten eine Überraschung: Innerhalb von vier Jahren hatten sich die Glasschwämme unter deutlich mehr Lichteinfall rasant vermehrt und sogar Konkurrenten verdrängt. "Wo auf einer früheren Expedition im Jahr 2007 sehr viele Seescheiden und nur vereinzelte Glasschwämme zu sehen waren, fanden wir keine Seescheiden mehr", sagt Fillinger. Stattdessen entdeckten die Forscher besonders viele Baby-Glasschwämme.

Profiteure des Klimawandels?

Vermutlich profitieren die Tiere davon, dass durch den vermehrten Lichteinfall in den oberen Meeresschichten nun mehr Plankton wächst, das später als Nahrung zu Boden rieselt.

Doch ob die Tiere tatsächlich langfristig zu den Nutznießern des Klimawandels gehören, ist noch unklar. "Das ist schwer zu prognostizieren, da es zu viele Unbekannte gibt", sagt Richter. Es könne sein, dass sich die Schwämme in den kommenden Jahren weiter vermehren. Genauso wahrscheinlich sei aber auch, dass andere Konkurrenten im Kampf um die besten Plätze die Oberhand gewinnen oder gefräßige Räuber den Glasschwämmen vermehrt gefährlich werden. Schnecken oder Seesterne etwa könnten Hexactinellida wieder in die Schranken weisen.

Im Dezember werden die Wissenschaftler erneut in die Antarktis aufbrechen. Sie wollen die Ökologie der Glasschwämme weiter erforschen: Was genau fressen sie? Welche Rolle spielen sie im Stoffhaushalt des Südpolarmeeres? "Diese Fragen sind von großer Bedeutung, um die Reaktion dieser Tiere auf die dramatischen Veränderungen der antarktischen Umwelt besser abschätzen zu können", so Fillinger. Das sei wichtig, da Glasschwämme ähnlich wie Korallen eigene Lebensräume bilden. Ihre Körper sind zum Beispiel perfekte Versteck-, Laich- und Rückzugsorte für Fische, Wirbellose und andere Meeresbewohner. Damit spielen sie eine bedeutende Rolle für das gesamte Ökosystem.



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spiegelleser_12345 11.07.2013
1. Artenwandel
Zitat von sysopThomas Lundälv/ Alfred-Wegener-Institut10.000 Jahre und älter sollen Glasschwämme werden. Verändert sich das Klima, bekommen sie Probleme - dachte man. Doch in der Antarktis zeigt sich gerade das Gegenteil: Nach dem Schmelzen von Schelfeis vermehren sich die Exoten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-glasschwaemme-wachsen-rasant-dank-eisabbruch-a-910538.html
Damit wird das größte Problem des Klimawandels beschrieben: Das lange eingespielte Zusammenleben der Fauna und Flora wird durch den Menschen massiv beeinflußt. Es ist so, als nehme man die Zähne eines Getriebes und macht einige größer und andere kleiner. Ob es dann noch wie gewohnt funktioniert? Ich sehe Tropen-krankenheiten bei uns und finde das überhaupt nicht witzig.
simon2012 11.07.2013
2. Jetzt kommen sie wieder...
Zitat von sysopThomas Lundälv/ Alfred-Wegener-Institut10.000 Jahre und älter sollen Glasschwämme werden. Verändert sich das Klima, bekommen sie Probleme - dachte man. Doch in der Antarktis zeigt sich gerade das Gegenteil: Nach dem Schmelzen von Schelfeis vermehren sich die Exoten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-glasschwaemme-wachsen-rasant-dank-eisabbruch-a-910538.html
Jetzt kommen wieder die ganzen Klimaleugner und stellen die seriöse Wissenschaft als einen Club von Trotteln und / oder zynischen Manipulatoren dar. Klimaleugner verstehen oft einfache, geschweige kompliziertere Zusammenhänge der komplexen Materie nicht. Statt jedoch sich an die Fachleute zu wenden, tun sie sich mit anderen Leuten zusammen, die es ebenfalls nicht verstehen - und dann geht das Geschrei los: Wie war das noch mal? _Klimaskepsis 1.0_: Eine globale Erwärmung findet nicht statt. Irgendwann, als auch dem Dümmsten auffiel, dass die Rekordsommer sich häufen, die Gletscher schmelzen, etc., also als man diese abstruse These nicht aufrecht erhalten konnte, kam _Klimaskepsis 2.0_: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, aber das CO2 bzw. Klimagase sind nicht Schuld. Als diese These auch nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte,weil der Zusammenhang zwischen CO2 und Treibhauseffekt unstrittig ist, kam _Klimaskepsis 3.0_: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, hat es aber schon immer mal wieder gegeben. Aber der Mensch ist nicht Schuld. Wilde Theorien entstehen, um den anthropogenen Einfluss zu relativieren - die Beweise allerdings sind erdrückend und so kam es zu nächsten Stufe der _Klimaskepsis 4.0_: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, vielleicht ist auch der Mensch Schuld, aber das Leben ist wie eine Pralinenschachtel: Vielleicht ist das für mich oder uns sogar von Vorteil - wer weiß? Und ausserdem gibt es andere Probleme, die wohl wichtiger sind. Wenn die Klimakatastrophe kommt, können wir - wir heisst in dem Fall hoffentlich nicht die aktuelle Generation - immer noch reagieren. Dies führt dann zu letzten Stufe: _Klimaskepsis 5.0_: Zu spät - jetzt hilft nur noch Geoengineering. In den USA werden solche Leute ja direkt von der Öl- und Kohle-Lobby bezahlt, andere laienhafte Wichtigtuer können sich zumindest in eine Reihe stellen mit angeblich aufrechten aber verfemten Wissenschaftlern. Man kann sich ein bisschen fühlen wie Galilei ohne Anstrengung und Gefahr...
Daniel Roser 11.07.2013
3. Unser Planet liegt im Sterben
Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass wir den Klimawandel noch aufhalten können. Dafür sind einige Staaten (USA, Brasilien, China, Indien) nicht bereit. Naja, die große Endabrechnung wird kommen. Wenn wir nicht besonders bald auf andere Planeten ausweichen können, dann vergiften wir uns selber. falls nicht vorher ein Atomkrieg ausbricht, der eh alles auslöscht. Rosige Zukunft also!
joachim_m. 11.07.2013
4.
"Endlich wird es wieder wärmer", dachte der Glasschwamm, suchte sich eine Frau und befolgte das göttliche Gebot: "Seid fruchtbar und mehret euch!" Aber einmal ganz im Ernst, vielleicht sollte man die Klimaeerwärmung nicht immer nur durch die Katastrophenbrille betrachten; schließlich ist die Erde kein statisches System und es wird auf jeden Fall Gewinner und Verlierer geben. Und dieser Vorgang ist zumindest ein Beispiel dafür, dass es eben nicht nur Verlierer gibt. Damit will ich, dies sei vorsorglich gesagt, die Probleme, die durch den Klimawandel verursacht werden können, gerade und insbesondere auch für die Menschen, keinesfalls verniedlichen oder negieren, aber vielleicht hilft dieses Beispiel, einmal den Diskutanten aus ihren Gräben herauszukommen und die ganzen Fragen etwas sachlicher anzugehen.
joachim_m. 11.07.2013
5.
Zitat von simon2012Jetzt kommen wieder die ganzen Klimaleugner und stellen die seriöse Wissenschaft als einen Club von Trotteln und / oder zynischen Manipulatoren dar. Klimaleugner verstehen oft einfache, geschweige kompliziertere Zusammenhänge der komplexen Materie nicht. Statt jedoch sich an die Fachleute zu wenden, tun sie sich mit anderen Leuten zusammen, die es ebenfalls nicht verstehen - und dann geht das Geschrei los: Wie war das noch mal? _Klimaskepsis 1.0_: Eine globale Erwärmung findet nicht statt. Irgendwann, als auch dem Dümmsten auffiel, dass die Rekordsommer sich häufen, die Gletscher schmelzen, etc., also als man diese abstruse These nicht aufrecht erhalten konnte, kam _Klimaskepsis 2.0_: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, aber das CO2 bzw. Klimagase sind nicht Schuld. Als diese These auch nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte,weil der Zusammenhang zwischen CO2 und Treibhauseffekt unstrittig ist, kam _Klimaskepsis 3.0_: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, hat es aber schon immer mal wieder gegeben. Aber der Mensch ist nicht Schuld. Wilde Theorien entstehen, um den anthropogenen Einfluss zu relativieren - die Beweise allerdings sind erdrückend und so kam es zu nächsten Stufe der _Klimaskepsis 4.0_: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, vielleicht ist auch der Mensch Schuld, aber das Leben ist wie eine Pralinenschachtel: Vielleicht ist das für mich oder uns sogar von Vorteil - wer weiß? Und ausserdem gibt es andere Probleme, die wohl wichtiger sind. Wenn die Klimakatastrophe kommt, können wir - wir heisst in dem Fall hoffentlich nicht die aktuelle Generation - immer noch reagieren. Dies führt dann zu letzten Stufe: _Klimaskepsis 5.0_: Zu spät - jetzt hilft nur noch Geoengineering. In den USA werden solche Leute ja direkt von der Öl- und Kohle-Lobby bezahlt, andere laienhafte Wichtigtuer können sich zumindest in eine Reihe stellen mit angeblich aufrechten aber verfemten Wissenschaftlern. Man kann sich ein bisschen fühlen wie Galilei ohne Anstrengung und Gefahr...
Bei allem Respekt, aber was sie hier von sich geben, ist kein Stück besser als das, was einige Leute machen, die den Klimawandel leugnen: Statt sachlicher Kritik reine Verunglimpfung aller, die nicht ihrer Meinung sind!
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