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Klimawandel: Golfstrom hat sich stark abgeschwächt

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Es ist eines der Horrorszenarien, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel immer wieder benannt werden: Der Golfstrom, Nordeuropas Warmwasserheizung, könnte versiegen. Messdaten zeigen jetzt erstmals, dass er tatsächlich an Kraft verliert.

Wenn man Detlef Quadfasel von der Universität Hamburg fragt, was passiert, wenn der Golfstrom im Nordatlantik seine Arbeit einstellt, antwortet er hanseatisch-lakonisch. "Dann wird's hier kalt." Dieses Szenario, von Wissenschaftlern in Modellen seit langem prognostiziert und von Hollywood als Klima-Albtraum auf die Leinwand gebracht, erscheint nun plötzlich gar nicht mehr abwegig. Denn ein wesentlicher Teil der gigantischen Wasserpumpe, die kaltes Wasser in der Tiefe nach Süden und warmes an der Oberfläche nach Norden transportiert, läuft nicht mehr rund. In den letzen 50 Jahren hat sie ein Drittel ihrer Kraft verloren.

Wärmebild des Golfstroms vor der US-Ostküste (schwarz): Die Wärmepumpe verliert an Leistung
DPA

Wärmebild des Golfstroms vor der US-Ostküste (schwarz): Die Wärmepumpe verliert an Leistung

Die Zirkulation habe "sich zwischen 1957 und 2004 um etwa 30 Prozent verlangsamt", berichten Harry Bryden vom National Oceaonography Centre in Southampton und zwei seiner Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" (Bd. 438, S. 655). 30 Prozent in knapp 50 Jahren - "das ist eine ganze Menge", findet Quadfasel.

Der Ozeanograph hat für "Nature" einen kommentierenden Begleitartikel geschrieben, um die Ergebnisse von Brydens Arbeitsgruppe einzuordnen. Sein Fazit: "Zunehmender Süßwasserzufluss in die nördlichen Meere wird die Zirkulation zunächst nur langsam schwächen. Wenn aber eine bestimmte Schwelle erreicht wird, könnte die Zirkulation abrupt zu einem neuen Status wechseln, in dem es kaum oder keinen Wärmezufluss mehr nach Norden gibt."

Kein Wärmezufluss nach Norden - das würde für ganz Nordeuropa "verheerende Auswirkungen auf die sozioökonomischen Bedingungen haben", schreibt Quadfasel. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE mahnt er aber, nun nicht in Verzweiflung zu verfallen: "Wir müssen nicht mit der Eiszeit rechnen." Die Ungenauigkeit der jetzt veröffentlichten Abschätzungen sei "relativ groß" und die von Bryden und Kollegen errechnete Verringerung um 30 Prozent ein Mittelwert. Der Golfstrom könnte also entweder nicht ganz so stark ins Stocken gekommen sein - oder aber noch stärker. Und: Der Klimawandel bremst nicht nur den Golfstrom, er lässt auch die globalen Temperaturen steigen.

Erstmals Messdaten statt Modelle

Das Entscheidende an den jetzt publizierten Daten: Sie sind nicht die Ergebnisse eines Rechenmodells, sondern über Jahre hinweg erhobene Messwerte. Es seien "die ersten Beobachtungen, die zeigen, dass eine solche Abnahme der ozeanischen Zirkulation schon in vollem Gange ist", schreibt Quadfasel. Von Forschungsschiffen aus wurden Sonden, bei den ersten Messungen noch speziell präparierte Flaschen, auf den Grund des Atlantiks hinabgelassen, in Tausende Meter Tiefe. Dort wurden Wassertemperatur und Salzgehalt gemessen, die beiden entscheidenden Faktoren für das Überleben des Golfstroms - zumindest des Arms, der uns im Norden wärmt. In den Tropen kreist ein anderer, elliptischer Teil. Der kommt auch ohne den Mechanismus aus, der zwischen Grönland und Norwegen am Werk ist.

Wasserpumpe: Wie der Golfstrom funktioniert
DER SPIEGEL

Wasserpumpe: Wie der Golfstrom funktioniert

Salzigeres Wasser ist schwerer. Im hohen Norden, weit vor der Küste Norwegens, sinkt sehr dichtes, salzhaltiges Wasser von der Oberfläche bis zum Meeresgrund ab und fließt, tief unten im Ozean, an der Küste Grönlands und Nordamerikas vorbei, bis zum westlichen Rand des südlichen Atlantischen Beckens, vor die Küste Südamerikas. Von dort wiederum fließt an der Oberfläche warmes Wasser nach Norden. Das im Norden versinkende, stark salzige Wasser saugt gewissermaßen ständig neues, warmes Wasser aus tropischen Gefilden an und wird so zu Europas Warmwasserheizung. Nur ihretwegen wachsen auf manchen Inseln vor der britischen Küste Palmen, nur ihretwegen ist das Klima hierzulande auch im Winter relativ mild.

Nun aber kommt der Klimawandel ins Spiel: Der sorgt für mehr Niederschläge im Norden, lässt die Flüsse anschwellen und bringt noch dazu Grönlands Eispanzer zum Schmelzen. All das bringt Süßwasser ins Nordmeer - und nimmt der Wasserpumpe dort so ihren Antrieb. Das weniger dichte, weniger salzige Wasser sinkt nicht mehr wie früher zum Meeresgrund.

Das Ergebnis dieses Prozesses haben Bryden und seine Kollegen nun in ihren Messungen gefunden: Weniger Wasser läuft aus dem Becken nördlich von Schottland heraus, das durch ein Unterwassergebirge zwischen Grönland und dem Norden der britischen Insel gebildet wird. Millionen Kubikmeter weniger - die Leistung der Wasserpumpe nimmt ab.

Vier Grad kälter?

Was nun weiter geschehen wird, und vor allem in welchem Zeitrahmen, ist noch nicht abzusehen. Eins aber prophezeien die Vorhersagemodelle, etwa die des Potsdam Instituts für Klimafolgenabschätzung: An einem bestimmten Punkt bricht das System plötzlich zusammen, der Zustrom warmen Wassers nach Norden versiegt mit einem Schlag. Einen Temperaturabfall von "schätzungsweise vier Grad Celsius" würde das zur Folge haben, sagt Quadfasel. In gewisser Weise wirke der Klimawandel, der die Temperaturen ja eigentlich steigen lässt, sich also selbst entgegen: "Es wird dann nicht ganz so warm in Europa."

Aufhalten könne man den Prozess kaum. Denn so viel Salz im Nordmeer zu versenken, dass es den verstärkten Süßwasserzufluss ausgleicht, würde die Menschheit überfordern. Was man ansonsten gegen den Klimawandel tun könne? Quadfasels Antwort: "Weniger Auto fahren."

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Forum - Klimaforschung - Ende der Endzeit-Szenarien?
insgesamt 2303 Beiträge
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1.
christian_g., 12.04.2005
Ich denke, wenn man sich Seiten wie diese hier - http://www.lifeaftertheoilcrash.net/ - durchliest, sind Klimakatastrophen in den nächsten Jahren eines unserer geringsten Probleme. Ich bin eigentlich ein Optimist, aber so etwas macht einen dann doch schon etwas nachdenklich :)
2. Noch ist Zeit zum Bremsen
C_Kulmann, 13.04.2005
Aktuelle Wetterereignisse als Vorboten des Klimawandels zu sehen ist ohnehin Blödsinn. Das Jahreswetter verläuft in Wellen, jeder Sommer und jeder Winter hat seine Höhen und Tiefen. Der Klimawandel wird sich dadurch bemerkbar machen, dass sich das ganze System langsam, in der Größenordnung von Jahrzehnten, verschiebt. Auf die leichte Schulter nehmen sollten wir das trotzdem nicht. Im Februar 2005 gab es eine große Konferenz zu diesem Thema in England. Was diese Konferenz von ihren vielen Vorgängern unterschied war die Frage, was genau man denn als "gefährlichen Klimawandel" einschätzen muss. Ein Beitrag befasste sich mit der Eiskappe von Grönland. Das Grönlandeis ist im Augenblick noch stabil, aber wenn sich der Kohlendioxidgehalt der Luft ca. vervierfacht, fängt die Eiskappe an zu schmelzen. Das große Problem dabei ist, dass dieser Vorgang unumkehrbar ist, selbst wenn mittendrin das Klima wieder in seinen heutigen Zustand zurückkehrt. Weil die Oberfläche der Eiskappe beim Schmelzen in immer tiefere und wärmere Luftschichten absinkt, würde sie, wenn dieser Vorgang einmal begonnen hat, vollständig verschwinden. Der Meeresspiegel wäre dann um sieben Meter höher, und Hamburg und Bremen wären die neuen Traumziele von Unterwasser-Touristen. Auf dieser Konferenz wurden noch mehrere andere Beispiele für solche "gefährlichen Klimaveränderungen" genannt. Was mich persönlich erschreckt hat war die Tatsache, dass bei der Hälfte dieser Phänomene derzeit niemand weiss, ob sie eventuell schon begonnen haben. Es sind auf jeden Fall ziemlich heftige klimatische Schneebretter, die wir möglichst nicht lostreten sollten. Das Thema zu verharmlosen halte ich daher für unangebracht, unbegründet und sehr leichtsinnig. Bei der Klima-Diskussion ist mir auch noch ein weiterer Punkt immer wieder sauer aufgestoßen. Die meisten Berichte enthalten irgendwo den Satz "...es wird eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 2°C / 5°C / 11°C etc. erwartet." Schön, könnte man meinen, dann werden die Sommer eben 2°C wärmer und die Winter etwas milder. Alles kein Problem? Nur die wenigsten Leser bedenken dabei, dass der Unterschied zwischen der heutigen Welt und dem Höhepunkt der letzten Eiszeit als "globale Durchschnittstemperatur" betrachtet gerade mal 5°C betrug. Es waren "nur 5°C", die darüber entschieden, ob z.B. hier in Bremen ein mild-maritimes Klima wie heute oder ein voll entwickeltes arktisches Klima wie vor 20.000 Jahren herrschte. Die Veränderungen in den Ozeanen und der Atmosphäre sind leider erheblich komplizierter, als einfach nur die "Suppe" etwas wärmer zu machen. Das sollten wir dabei bedenken. Ich möchte damit keine Katastrophen herbeireden und auch niemandem den Tag verderben - ganz im Gegenteil. Wenn man sich mal ein bisschen breiter über das Thema informiert wird deutlich, dass wir auch jetzt immer noch eine ganze Menge zu unserem eigenen Vorteil unternehmen können. Der Klimawandel ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass wir zwangsläufig in eine Katastrophe geraten. Immerhin hieß es bei der Hälfte der "gefährlichen Klimaveränderungen" auf der Konferenz, dass sie noch nicht begonnen haben. Es ist also immer noch Zeit zum Bremsen.
3. ups and downs and our wallets
Abakan, 14.04.2005
Und wer sagt das es sich dabei eben NICHT um ein natürliches Phänomen handelt? Eiszeiten und Hitzeperioden hat es schon vor dem Menschen gegeben. Ich persönlich glaube das die ganze Klimageschichte nur aufgezogen wird um uns die Kohle aus den Taschen zu ziehen ( zumindest beim Staat ist das offensichtlich )
4.
C_Kulmann, 15.04.2005
Moin Abakan, Ob natürliches Phänomen hin oder her, bedrohlich ist es allemal und wir wären dämlich, nicht darauf zu reagieren. Aber für meinen Geschmack kämen dabei zuviele Zufälle auf einmal zusammen; zumal der Temperaturtrend der letzten 8.000 Jahre zumindest für die Nordhalbkugel eher auf eine Abkühlung hinlief. Die meisten Prognosen sind bisher lediglich Computermodelle, aber immer mehr von diesen Vorhersagen scheinen sich zu bestätigen. Die Welt verändert sich, und wir müssen uns irgendwie darauf einstellen. Und was ich vor allem sagen wollte war, dass wir lieber nicht die Hände in den Schoß legen und einfach abwarten sollten, bis die schlimmsten Prognosen eingetreten sind. Denn manche dieser Vorgänge würden die Erde unwiderruflich und sehr zu unserem Nachteil verändern. Christoph
5. Menschengemacht?
C_Kulmann, 19.04.2005
Zur Frage, inwieweit die jüngste Erderwärmung von Menschen mitverursacht wird, gibt es bei SPIEGEL Online gerade einen interessanten Artikel: http://www.spiegel.de/wissenschaft/erde/0,1518,351110,00.html Christoph
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