Klimawandel Grönlands Nordosten beginnt zu tauen

Der Nordosten Grönlands galt als tiefgefroren und stabil trotz Erderwärmung. Nun aber haben Wissenschaftler eine erschreckende Entdeckung gemacht: Gletscher der Region schrumpfen. Was bedeutet das für den Anstieg der Ozeane?

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Hamburg - Als größtes Risiko des Klimawandels gilt der Eispanzer Grönlands. Wie stark wird die erwartete Erwärmung ihn tauen lassen? Das Schmelzwasser Grönlands entscheidet wesentlich darüber, wie hoch die Meere steigen werden. Neue Daten zeigen, dass der Eisverlust des Nordkontinents unterschätzt worden sein könnte.

Nach bisherigen Rechnungen trägt die Schmelze des Grönlandeises einen halben Millimeter zum Meeresspiegelanstieg von gut drei Millimetern pro Jahr bei. Das Tauwasser stammt nach bisherigen Erkenntnissen vor allem aus Gletschern im Südosten und Nordwesten des Landes. Nun aber zeigen Messungen, dass auch der Nordosten Grönlands schmilzt. Die Region habe jährlich zehn Milliarden Tonnen Eis verloren, berichten Forscher um Shfaqaz Khan von der Technical University of Denmark im Fachmagazin "Nature Climate Change".

Damit dürfte der Nordosten Grönlands knapp 0,03 Millimeter pro Jahr zum Anstieg der Ozeane beigetragen haben, mithin knapp ein Zwanzigstel der Gesamtmenge Grönlands. Die Erkenntnis ist eine böse Überraschung: "Der Nordosten Grönlands ist sehr kalt, sein Eis galt als stabil", resümiert Mitautor Michael Bevis von der Ohio State University. "Aber unsere Studie zeigt, dass sich der Eisverlust im Nordosten beschleunigt." Es scheine mithin, dass alle Ränder Grönlands instabil seien.

Fatale Kettenreaktion

Die Forscher stützen sich auf Daten von GPS-Stationen entlang der grönländischen Küste, die per Satellit ihre Lage melden. Seit 2003 hätten die Stationen im Nordosten von Jahr zu Jahr höher gelegen, berichten Khan und seine Kollegen. Das Land habe sich also offenbar beschleunigt gehoben. Ursache wäre wohl der Verlust an Eismasse, vermuten die Experten. Satellitenbilder der Landschaft stützten die Annahme, schreiben sie in der Studie. Vor 2003 hingegen sei die Region stabil gewesen.

Ursache der Schmelze sei vermutlich eine Kettenreaktion: Im außergewöhnlich warmen Sommer 2003 taute ungewöhnlich viel Meereis vor der Küste Grönlands. Damit sei anscheinend eine wichtige Barriere gebröckelt, schreiben Khan und seine Kollegen: Der gigantische Zachariae-Eisstrom im Nordosten Grönlands, der bislang vom Meereis gebremst worden sei, habe Fahrt aufnehmen können - verstärkt bröckeln Eisberge ins Meer.

"Indirekte Rückkopplungen können die Gletscherschmelze verstärken", folgert Bevis. Grönlands Beitrag zum künftigen Meeresspiegelanstieg drohe mithin größer auszufallen als angenommen. Andere Messungen müssen die Daten aus Nordost-Grönland allerdings noch bestätigen. Zu klären wird sein, warum etwa Messungen der Erdanziehungskraft in der Region bislang keine bedeutenden Änderungen der Eismasse zu zeigen schienen.

Schwierige Prognosen

Ob die Beschleunigung der Gletscher andauern wird, lässt sich nicht prognostizieren. Prognosen zur Grönlandschmelze gelten als besonders schwierig, zu viele Faktoren spielen eine Rolle. Verstärktes Tauen an den Rändern dürfte im Zuge der erwarteten Erwärmung teils ausgeglichen werden durch vermehrten Schneefall im Landesinneren, wo in höheren Lagen auch künftig ewiger Frost herrscht. Und Daten aus früheren Warmzeiten legen nahe, dass Extremszenarien ausgeschlossen scheinen: Selbst bei einer Erwärmung von acht Grad bliebe demnach ein Großteil des Grönlandeises stabil.

Beschleunigtes Tauen Grönlands würde gleichwohl in den kommenden Jahrzehnten Hunderte Küstenstädte bedrohen. Die neue Studie unterstreicht das Risiko indirekter Effekte auf die Stabilität der Gletscher. Verlieren Eisströme ihren Halt, rutschen sie schneller ins Meer. Die Daten aus Grönlands Nordosten, meinen die Forscher, sollten eine Warnung sein.

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insgesamt 166 Beiträge
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Seite 1
atlas21 17.03.2014
1. Nordkontinent?
Grönland ist eine Insel und gehört zum nordamerikanischen Kontinent
zursachet 17.03.2014
2. Irrtum möglich?
Zitat von sysopDPADer Nordosten Grönlands galt als tiefgefroren und stabil trotz Erderwärmung. Nun aber haben Wissenschaftler eine erschreckende Entdeckung gemacht: Gletscher der Region schrumpfen. Was bedeutet das für den Anstieg der Ozeane? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-groenlands-nordosten-taut-wegen-erderwaermung-a-958993.html
Das kann doch gar nicht sein, hier irrt sich Nature sicherlich. Lese ich doch immer wieder sachliche fundiert im SPON Forum, dass die Erderwärmung und die damit verbundene Klimaveränderung nur ein erdachtes Hirngespinst von Öko-Faschisten ist. Und wer könnte schon mehr Recht haben als Foristen?
vantast64 17.03.2014
3. Die Gefahr von positiven Rückkopplungen
ist, daß sie die Wirkungen immer heftiger verstärken und letztlich nur durch Begrenzungen im System gestoppt werden können. Hier fängt das Chaos an, Berechnungen sind nicht mehr möglich, da die Vorgänge nichtlinear ablaufen. Hoffen könnte man noch auf eine negative Gegenkopplung, aber woher soll sie kommen? Selbst für einen Stillstand des Anstiegs sind die Menschen nicht zu haben: selbst auf Auto und Fleisch wollen sie nicht verzichten, sie verhalten sich wie Kinder.
RenegadeOtis 17.03.2014
4.
Zitat von atlas21Grönland ist eine Insel und gehört zum nordamerikanischen Kontinent
Das wäre in der Tat eine wichtige Ergänzung, wenn das Wort "Nordkontinent" oder eine falsche Positionierung ("Grönland im Südosten von Australien") im Artikel stünde. Was es nicht tut.
l.augenstein 17.03.2014
5.
Zitat von sysopDPADer Nordosten Grönlands galt als tiefgefroren und stabil trotz Erderwärmung. Nun aber haben Wissenschaftler eine erschreckende Entdeckung gemacht: Gletscher der Region schrumpfen. Was bedeutet das für den Anstieg der Ozeane? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-groenlands-nordosten-taut-wegen-erderwaermung-a-958993.html
Wenn die Gletscher eh schon im Wasser sind, bedeutet das für den Anstieg des selben nichts! Einfache Physik!
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