Klimawandel in der Arktis: Grönlands Eisschild schmilzt so schnell wie nie

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Grönland: Der Eisschild verschwindet Fotos
Steve Morgan

Ein kalter Riese schrumpft. Neue Berechnungen legen nahe, dass Grönlands Eisschild immer schneller verschwindet. Das haben Forscher gleich mit zwei verschiedenen Methoden herausgefunden. Ergebnis: Der Anstieg des Meeresspiegels beschleunigt sich.

Die Dimensionen des frostigen Riesen entziehen sich dem menschlichen Verstand. Grönlands Eispanzer bedeckt eine Fläche von etwa 1,7 Millionen Quadratkilometer. Am Aussichtspunkt über dem Sermeq-Kujalleq-Gletscher bei Ilulissat blickt man zähneklappernd auf Eis, so weit das Auge reicht. Die Vorstellung, dass der im Inneren der Insel bis zu drei Kilometer dicke Eispanzer schmilzt, fällt schwer.

Doch die große Zahl riesiger Eisberge und das Tal, in dem sie sich langsam entlangschieben (siehe Fotostrecke), erinnern daran, dass hier und an fast allen anderen Orten Grönlands eine massive Umwälzung vor sich geht. Der Gletscher hat sich in den vergangenen Jahren um 15 Kilometer zurückgezogen. Scheinbar unaufhaltsam schmilzt das Eis der Insel. Die Schätzungen, wie schnell das passiert, gehen weit auseinander. Doch das Verschwinden des Inlandeises lässt weltweit den Meeresspiegel steigen - mit potentiell dramatischen Folgen für Millionen von Menschen.

Insgesamt würden die Pegel etwa sieben Meter höher liegen als sie heute sind, wenn die riesige Insel eisfrei wäre. Dieser Prozess wird nicht über Nacht ablaufen, es wird Jahrhunderte dauern. Doch neue Ergebnisse niederländischer Forscher legen nahe, dass die Wissenschaft die eher konservativen Szenarien zur großen Schmelze zu den Akten legen sollte. Denn in den vergangenen Jahren, so dass Ergebnis der Studie, hat sich die Eisschmelze in Grönland stark beschleunigt.

Genaugenommen sind es zwei parallel ablaufende Vorgänge, die dem weißen Schild zu schaffen machen. Zum einen schmilzt das Eis durch die steigenden Temperaturen verstärkt ab, zum anderen nagen warme Meeresströmungen an den Gletscherzungen, die in den Ozean hineinragen. Ein Forscherteam um Michiel van den Broeke von der Universität Utrecht berichtet in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science", dass beide Prozesse derzeit etwa gleich viel zum Verschwinden der Eismassen beitragen.

"Das obere Ende der bisherigen Schätzungen"

In den Jahren von 2000 bis 2008 hat Grönland den Erkenntnissen der Wissenschaftler zufolge 1500 Gigatonnen Eis verloren. "Das ist das obere Ende der bisherigen Masseverlust-Schätzungen, die mit zahlreichen anderen Verfahren erstellt wurden", sagt van den Broeke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Für den Zeitraum von 2006 bis 2008 betrage der Masseverlust 273 Gigatonnen pro Jahr.

Die Wissenschaftler sind sich ihrer Ergebnisse sicher, weil sie die Schmelze mit zwei grundsätzlich verschiedenen Verfahren ermittelt haben - und beide zum selben Ergebnis führen. Einerseits haben sie Eisbewegungen gemessen und diese mit einem regionalen Computermodell gekoppelt. Als zweite Datenquelle nutzten sie die "Grace"-Beobachtungssatelliten, die das Gravitationsfeld der Erde vermessen.

Im Zeitraum von 2000 bis 2008 haben die verschwindenden Gletscher demnach für ein durchschnittliches Plus beim Meeresspiegel von knapp einem halben Millimeter pro Jahr gesorgt. Doch sieht man sich die drei letzten Jahre des Betrachtungszeitraums gesondert an, dann lag der Wert bei 0,75 Millimeter pro Jahr. Das könnte darauf hindeuten, dass der Eisschild immer schneller schmilzt, so die Forscher.

Passend zur globalen Erderwärmung

Denkbar ist auch, dass der Beobachtungszeitraum nur Teil einer Schmelz-Episode ist, die irgendwann ein Ende haben könnte. Doch daran mag van den Broeke nicht glauben: "Seit dem Jahr 2000 hat der grönländische Eisschild kontinuierlich und mit einer zunehmenden Geschwindigkeit an Eis verloren. Das passt in unsere Vorstellung einer sich erwärmenden Welt."

"Die wissenschaftliche Gemeinschaft nähert sich einem Konsens darüber, wie groß der Masseverlust des grönländischen Eisschildes tatsächlich ist", sagt Dänemarks Chefglaziologe Andreas Peter Ahlstrøm im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er lobt die aktuelle Studie - und die Wissenschaftler, die sie erstellt haben: "Es ist eine starke Gruppe von Autoren, was den Ergebnissen zusätzliche Glaubwürdigkeit verleiht." Die aktuellen Ergebnisse werden nach Ansicht von Ahlstrøm auch dabei mithelfen, dass im nächsten Bericht des Uno-Weltklimarates IPCC der Faktor Grönland deutlich präziser als bisher beschrieben werden kann. Im Papier von 2007 hatte der IPCC noch keine genauen Prognosen zum Schicksal der riesigen Eismassen gewagt - weil sich die beteiligten Wissenschaftler nicht einig waren.

Doch seither hat sich vieles getan. Britische Forscher hatten zum Beispiel im September dieses Jahres mit Hilfe von Laser-Höhendaten des Nasa-Satelliten "IceSat" zeigen können, wo der Eispanzer sich am stärksten zurückzieht. Die Wissenschaftler um David Vaughan vom British Antarctic Survey hatten insgesamt sieben Millionen Datensätze aus der Zeit von Februar 2003 bis November 2007 zu einer Darstellung von bisher ungekannter Auflösung zusammengefügt. Fast alle eisbedeckten Küstenregionen Grönlands, vor allem der Südosten und der Nordwesten, sind demnach vom Eisschwund betroffen. Die Wissenschaftler hatten von besonders dramatischen Effekten an schnell fließenden Auslassgletschern berichtet. Von den Gletscherzungen setze sich der Effekt zum Teil auch weit ins Landesinnere fort.

"Sie müssen uns ein bisschen Zeit geben"

Ein Forscherteam auf dem Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise", zu dem unter anderem Gordon Hamilton von der University of Maine und Fiamma Straneo von der Woods Hole Oceanograpic Institution gehörten, hatte im Sommer berichtet, dass ungewöhnlich warmes Wasser in den grönländischen Fjorden am schnellen Rückzug der Auslassgletscher schuld sei..

Nach Ansicht von van den Broeke und seinen Kollegen wird das Verschwinden des Eises nicht nur an Geschwindigkeit zulegen. Der Prozess verändere auch mit der Zeit seinen Charakter. Den Forschern zufolge wird der schnelle Rückzug der Auslassgletscher in Zukunft unwichtiger im Vergleich zum direkten Schmelzen. Ab einem gewissen Punkt würden sich die Gletscherzungen so weit zurückgezogen haben, dass warme Meeresströmungen sie schlicht nicht mehr erreichten und ihnen zusetzen könnten, sagen sie.

Wann das soweit sein wird, ist noch nicht klar - ebenso wenig wie die Forscher sagen können, welches Plus beim Meeresspiegel in Zukunft genau zu erwarten sein wird. "Wir werden unser Modell benutzen, um die Zukunft des grönländischen Masseverlustes zu berechnen. Aber Sie müssen uns ein bisschen Zeit geben, diese Ergebnisse fertigzustellen", sagt van den Broeke. Die Europäische Union hat dazu im vergangenen Jahr das großangelegte Forschungsprojekt "Ice2Sea" gestartet.

Die neuen Ergebnisse halten die Forscher auch für ein wichtiges Zeichen für den Klimagipfel im Dezember. Viele Beobachter erwarten nicht, dass das Treffen ein besonders ambitioniertes Klimaabkommen bringt - zum Missfallen von van den Broeke: "Alle Zeichen deuten auf einen anhaltenden Eisverlust hin, bei Geschwindigkeiten, die uns noch vor zehn Jahren unmöglich erschienen. Ich würde sagen, dass ist auf jeden Fall etwas, womit sich die Politiker auseinandersetzen müssen."

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