Klimawandel: Mediziner warnen vor Krankheiten und Hungersnöten

Die Erderwärmung ist nach Überzeugung britischer Ärzte die größte globale Gesundheitsgefahr dieses Jahrhunderts. Die Experten warnen vor Hungersnöten, neuartigen Infektionsmustern und tropischen Krankheiten in bislang gemäßigten Klimazonen.

Schmelzende Gletscher, versauernde Meere, sterbende Korallen - für den Mediziner Anthony Costello ist das nur ein Teil des Problems. "Der Klimawandel ist nicht nur ein Umweltthema mit Eisbären und Wäldern, sondern ein Gesundheitsproblem, das Milliarden Menschen betrifft", betont der Forscher vom Londoner University College. "Die Folgen werden weltweit spürbar sein, und zwar nicht erst in ferner Zukunft, sondern noch zu Lebzeiten von uns und unseren Kindern."

Angesichts der Bedrohung fordert der Gesundheitsexperte, gerade Mediziner müssten stärker in die gegenwärtige Diskussion eingreifen: "Gesundheitsverbände haben sich erst spät an dieser Diskussion beteiligt und hätten sich schon früher stärker äußern sollen."

Die nun in der renommierten Medizinzeitschrift "The Lancet" veröffentlichte Studie, die das Blatt gratis als PDF-Dokument anbietet, stammt von einem Forscherteam, dem neben Medizinern auch Ökologen, Ökonomen, Juristen und Ingenieure angehören. Die Erderwärmung werde die Ausbreitung neuer Krankheiten begünstigen und zu Hungersnöten, Wasserknappheit und Unwetterkatastrophen führen, prognostizieren die Wissenschaftler.

Die Aussagen decken sich mit früheren Studien: Erst im Januar hatten US-Forscher davor gewarnt, dass der Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten die Lebensmittelversorgung weltweit massiv gefährden könnte. Gegen Ende des Jahrhunderts sei die Hälfte der Erdbevölkerung von Hungersnöten bedroht, sollte sich die Menschheit nicht schnell anpassen.

Malaria in gemäßigten Regionen

Der Anstieg der Temperaturen um mindestens zwei Grad Celsius, wie ihn Klimaforscher bis 2100 vorhersagen, begünstige die Ausbreitung von Tropenkrankheiten wie Malaria oder Denguefieber auch in bislang gemäßigten Regionen, die darauf nicht vorbereitet seien. Wie sehr allein schon die hohen Temperaturen Menschen zu schaffen macht, zeigte die Hitzewelle des Jahres 2003, die allein in Europa bis zu 70.000 Todesopfer forderte. Allerdings können steigende Temperaturen in gemäßigten Regionen auch dazu führen, dass insgesamt weniger Menschen an den Folgen extremer Temperaturen steigen, weil die Winter milder ausfallen.

Costello warnte vor den Vorwürfen künftiger Generationen, die die heutige Untätigkeit im Kampf gegen den Klimawandel moralisch verdammen würden. Die Wissenschaftler pochten auf schnelle Maßnahmen gegen den Ausstoß von Treibhausgasen und die Abholzung der Regenwälder. Zudem müssten Gesundheitsbehörden, Politik und die Wissenschaft eng zusammenarbeiten, um die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit einzudämmen. Die Forderungen wirken umso dringlicher angesichts der Warnungen von Geoforschern, dass die Folgen des Klimawandels noch schlimmer werden könnten als bislang gedacht.

In Entwicklungsländern werden steigende Temperaturen besonders dramatische Folgen haben, heißt es im "Lancet". Dort dürfte die Bevölkerung auch besonders unter den wärmebedingten Ernteeinbußen leiden. Eine Temperaturzunahme von einem Grad Celsius kann den Forschern zufolge zu einem Ertragseinbruch von 17 Prozent führen, was die Lebensmittelpreise weltweit steigen ließe. Weiter verschlimmert werde dies durch die ebenfalls drohende Wasserknappheit.

Als Gegenmaßnahme fordern die Wissenschaftler, die Gesundheitssysteme weltweit auf die Veränderungen vorzubereiten. Der Mediziner Costello strebt eine internationale Konferenz an, an der gerade auch die Entwicklungsländer teilnehmen sollten. "Alle Hauptakteure - aus Gesundheit, Politik, Wissenschaft, Technik und Gesellschaft - müssen zusammenkommen", sagt er. "Wir brauchen eine öffentliche Gesundheitsbewegung, um mit dem Klimawandel umzugehen."

Die Verwendung fossiler Brennstoffe sollte demnach möglichst reduziert werden. Davon profitiere nicht nur das Erdklima, sondern auch direkt die Gesundheit der Menschen. Wer weniger Auto fahre und sich mehr bewege, beuge Übergewicht, Diabetes und Herzproblemen vor. Eine geringere Verschmutzung der Luft senke zudem das Risiko für Herz- und Lungenerkrankungen.

hda/AP/dpa

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