Klimawandel: Das Meer reagiert schneller

Klimabedingte Wanderung: Knochenfische wie diese Thunfische können ihren Lebensraum pro Dekade um mehrere hundert Kilometer erweitern (Archivbild) Zur Großansicht
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Klimabedingte Wanderung: Knochenfische wie diese Thunfische können ihren Lebensraum pro Dekade um mehrere hundert Kilometer erweitern (Archivbild)

Die Meeresoberfläche erwärmt sich langsamer als Luftmassen an Land. Trotzdem passt sich das Leben in den Ozeanen deutlich schneller an den Klimawandel an, wie eine Metastudie zeigt. Forscher befürchten, dass sich so die Nahrungsketten im Meer gefährlich verschieben.

Der Klimawandel der vergangenen 50 Jahre hatte auch auf die Ökosysteme der Meere einen spürbaren Einfluss. Tiere und Pflanzen in den Ozeanen verlagerten ihre Lebensräume und begannen früher im Jahr mit der Fortpflanzung. Wie ein internationales Forscherteam nun in einer zusammenfassenden Studie zeigen konnte, reagierten sie deutlich schneller auf die steigenden Temperaturen als Lebewesen an Land.

Die Forscher werteten rund 200 wissenschaftliche Studien aus, in denen die Auswirkungen klimatischer Veränderungen auf mehr als 850 Arten weltweit untersucht wurden. Daraus entnahmen sie mehr als 1700 einzelne Resultate, die sie klassifizierten und in Untergruppen analysierten. Ihre Ergebnisse wurden nun im Fachmagazin "Nature Climate Change" veröffentlicht.

Insgesamt spiegelten mehr als 80 Prozent aller Resultate die erwarteten Auswirkungen des Klimawandels, schreiben die Forscher. So breiten sich Arten im Meer zunehmend in Gefilde aus, die dank steigender Temperaturen überhaupt erst zu möglichen Lebensräumen wurden. Im Durchschnitt erweiterten die Populationen ihr Verbreitungsgebiet mit einer Geschwindigkeit von 72 Kilometern pro Jahrzehnt - und zwar zumeist in Richtung der Pole.

Phytoplankton blüht sechs Tage früher

Besonders schnell waren dabei die ganz kleinen Meeresbewohner: Pflanzliches Plankton erweiterte seinen Lebensraum um knapp 470 Kilometer, tierisches Plankton um rund 140 Kilometer pro Jahrzehnt. Doch auch Knochenfische wie Thunfische und Aale schafften immerhin knapp 280 Kilometer alle zehn Jahre.

Zum Vergleich: Lebewesen auf dem Land passen sich laut einer Studie aus dem Jahr 2003 deutlich langsamer an, mit nur sechs Kilometern pro Dekade. Die Autoren der nun veröffentlichten Metastudie weisen allerdings darauf hin, dass Tiere und Pflanzen im Meer einen natürlichen Vorteil haben: Sie können Strömungen nutzen, um weite Strecken zurückzulegen.

Auch die jahreszeitlichen Zyklen der Fortpflanzung verlagerten sich im Ozean deutlicher nach vorne: pro Jahrzehnt im Durchschnitt um mehr als vier Tage im Frühjahr und Sommer. Besonders konsequent reagierten auch hier die Kleinstlebewesen auf den Temperaturanstieg. Das besonders wärmeempfindliche pflanzliche Plankton fing sogar sechs Tage früher an zu blühen.

Ozeane sind kein Puffer

Die unterschiedliche Geschwindigkeit, mit der sich die Arten im Meer an den Klimawandel anpassen, könne sich problematisch auf die Nahrungskette auswirken, schreiben die Autoren der Studie. Wann Nahrung verfügbar ist und wann sie gebraucht wird, könne sich auseinanderentwickeln. Die Folge wären schrumpfende Bestände - eine Gefahr gerade für ohnehin bedrohte Arten.

In der Metastudie stecke eine "sehr einfache, aber wichtige Aussage", sagte die daran beteiligte Klimawissenschaftlerin Camille Parmesan von der University of Texas in Austin: "Die Ozeane sind weit davon entfernt, ein Puffer zu sein und eher kleine Veränderungen zu zeigen." Stattdessen seien die Auswirkungen auf die marinen Ökosysteme sogar weitaus stärker als auf das Leben an Land.

che

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insgesamt 86 Beiträge
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1. Schwarzmalerei
horstpremium 04.08.2013
Komisch, dass Studien immer ein düsteres Bild zeigen. Warum nicht mal Klimaerwärmung bringt Artenwachstum. Die Systeme sind so komplex, dass jegliche Vorhersage ein Lesen aus der Glaskugel darstellt. Beispiel Öresundbrücke: Katastrophe für Fauna und Flora - Jahre später: Rund um die Brückenpfeiler hat sich ein super Ökosystem entwickelt.
2. @horst
Thybalt 04.08.2013
Na, ich denke, das liegt doch fast auf der Hand, warum Hiobsbotschaften zum Standardrepertoire aller möglichen wissenschaftlichen Studien gehören - je gefährlicher sich etwas anhört, desto einfacher ist es, den Regierungen, NGO's und ähnlichen Einrichtungen das Geld aus den Rippen für neue, noch explizitere und mannigfaltigere Studien zu leiern. Das ist purer Selbsterhaltungstrieb. Was mich immer wundert, dass Sätze wie "Wann Nahrung verfügbar ist und wann sie gebraucht wird, könne sich auseinanderentwickeln. Die Folge wären schrumpfende Bestände - eine Gefahr gerade für ohnehin bedrohte Arten." Komplett unreflektiert in solche Artikel wie den vorliegenden fließen. Entweder hier wurde eine Schlussfolgerung der Studie falsch wiedergegeben, oder der Stuss, der mit dieser Aussage behauptet wird ( wieso sollte es zu einer solchen Entwicklung kommen, die gegenseitige Abhängigkeit der einzelnen Arten ist sicherlich deutlich prägender für jegliches, auch das Wanderverhalten dieser, als das bisschen Wetteränderung. Heißt: wenn nix zu futtern, dann nix hingehen) wird noch nicht mal als dieser gekennzeichnet... Von einer "Wissenschaftsredaktion" darf man wohl mehr erwarten.
3.
Neurovore 04.08.2013
Zitat von sysopDPADie Meeresoberfläche erwärmt sich langsamer als Luftmassen an Land. Trotzdem passt sich das Leben in den Ozeanen deutlich schneller an den Klimawandel an, wie eine Metastudie zeigt. Forscher befürchten, dass sich so die Nahrungsketten im Meer gefährlich verschieben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-oekosysteme-im-meer-reagieren-schneller-als-an-land-a-914710.html
So etwas haben ja auch nur die Klimahysteriker behauptet. Als nächstes wird man wohlmöglich feststellen, dass auch die Wolkenbildung erhebliche Einflüsse auf das Klima hat... Und angesichts der Tatsache, dass Plankton nicht nur die grösste Biomasse auf die Waage bringt, sondern auch mehr CO2 bindet als die Regenwälder, sollte man doch froh sein, wenn sich das Vieh/Zeug weiter verbreitet. Wobei man da wahrscheinlich nur die Verluste ausgleichen kann, die dadurch entstehen, dass man in den obersten Meeresschichten inzwischen mehr Plastik-Plankton als natürliches hat... DAS ist ein ernstzunehmendes Problem und hat weitreichendere Auswirkungen auf die Nahrungskette als die paar Grad. Davor müssten sich die Forscher eigentlich fürchten...
4.
testthewest 04.08.2013
Zitat von sysopDPADie Meeresoberfläche erwärmt sich langsamer als Luftmassen an Land. Trotzdem passt sich das Leben in den Ozeanen deutlich schneller an den Klimawandel an, wie eine Metastudie zeigt. Forscher befürchten, dass sich so die Nahrungsketten im Meer gefährlich verschieben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-oekosysteme-im-meer-reagieren-schneller-als-an-land-a-914710.html
90% ihrer Zeit war die Erde an den Polkappen nicht dauerhaft vereist. Die Natur kam schon klar. Auch hat die Natur bereits bewiesen, dass sie mit höheren Temperaturen umgehen kann. Die Frage ist nur: Können wir das auch? Ich denke schon, auch wenn sich die bewohnten Gebiete nach Norden verschieben werden. Kanada und Russland haben genug Platz.
5. @Premiumhorst & Thybalt
passepastous 04.08.2013
Da geht es doch nicht nur um Forschungsgelder oder Besserwisserei. Wer sich ein wenig mit Meeresbiologe beschäftigt, kennt die im Artikel beschriebenen Gefahren bereits - und das unter vielen Meeresbiologen damit verbundenen Unbehagen. 1,2 Milliarden Menschen sind tagtäglich unmittelbar von Meereserzeugnissen abhängig. Wenn das Ökosystem der Meere tatsächlich so beschleunigt anfällig auf die Erwärmung reagiert, wie die Daten andeuten, bedeutet das eine der unmittelbarsten Bedrohungen für die Nahrungsversorgung der Menschheit. Allein diese Gefahr rechtfertig zumindest die Warnungen. Gerade bei komplexen Systemen !! Aber nein – wir wollen doch mal schöne Nachrichten hören. Ehrlich – versaut uns nicht die Party – man lebt doch nur einmal ... (Ironie aus) Wie wäre es mit ein wenig Nachdenken vor dem Schreiben anstatt aus der sicheren Deckung reflexartig gegen die bösen Gutmenschen zu schießen, die zumindest versuchen auf die Folgen der menschgemachten Umweltzerstörung hinzuweisen.
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